Schul- und Jugendbauten: Die Architektur als Lehrerin und Erzieherin?

Dozent: Vertr.-Prof. Dr.-Ing. Gernot Weckherlin
Veranstaltungs-Nr.
: 623102

SWS: 4
Credit Points
: 6

Laufzeit: 12.10.2018 bis 01.02.2019
Ort/ Termin/1. Veranstaltung: 12.10.2018, Lehrgebäude B, Raum BU 0.11, immer freitags, 9.30 – 13.00 Uhr

Winston Churchills bekanntes Diktum „We shape our buildings and afterwards our buildings shape us“ scheint die Sache einfach auf den Punkt zu bringen: Schulbau und Bauten für die „Jugend“ sollen die nächste Generation – stets positiv und eher beiläufig – formen. Aber wie eigentlich machen sie das denn genau? So stellt sich beim Bauen von Schulen immer wieder erneut die Frage, wessen Absichten sich eigentlich wie in die gesellschaftliche „Gestaltung“ der jeweils nächsten Generation einschreiben sollen und durch welche Wirkmechanismen diese Vermittlung qua Bau als „drittem Erzieher“ eigentlich „funktionieren“ solle.

Fritz Wichert, Direktor der Frankfurter Städelschule war vor 90 Jahren jedenfalls noch überzeugt davon, dass es eine unmittelbare Wechselwirkung zwischen proklamierten „neuer Baukunst“ und angestrebten „neuen Gesellschaftsbeziehungen“ gebe: „Die Baukunst als Gehäuse, als Umgebung, als Milieu, vom Menschen geschaffen, strahlt bildende Kraft aus und gestaltet so wiederum von sich aus das Wesen der Menschen. Geformtes formt. Mensch und Menschenwerk stehen in dauernder Wechselwirkung. Am kürzesten gefaßt: Neuer Mensch fordert neues Gehäuse, aber neues Gehäuse fordert auch neue Menschen....“ [1]
Doch mischen sich in diese utopischen modernen Visionen begründete Zweifel, die aus guten Gründen seit der Epoche der NS-Diktatur nie mehr aufgehört haben, das heikle Thema zu begleiten: Dabei ist diese Frage höchst aktuell, nicht etwa nur, weil der Schulbau heute wieder ein viel diskutiertes Thema in Bildungsdiskursen ist. Gerade vor diesem Hintergrund soll in diesem Seminar an Bauten für die „Jugend“ ergründet werden, ob, und wenn ja, wie eine solche Formung der „Nutzer“ durch Bauten – von wem eigentlich – konzipiert wird. Wie „funktionieren“ solche Strategien der Organisation der Bildung, die auch jenseits des nur Symbolischen des Bauwerks stets „gouvernementalen“ (Michel Foucault) Charakter haben?

Wir wollen in diesem Seminar „historische“ und aktuelle Positionen in Vergleich setzen, um eine kritische Analyse jener heterogenen, nicht immer explizit genannten, beweglichen Elemente eines Expertendiskurses zu entziffern, die nicht immer notwendig in den modernen Schulgebäuden selbst eingeschrieben sind und auch im Planungsdiskurs selten unmittelbar aufscheinen. Vereinfacht gesagt: Auch gute Absichten bedürfen stets einer kritischen Analyse, die beim Bauwerk nicht stehen bleibt.

Leistungen: Continuous Assessment; Prüfungs/Bewertungsteile: mündliche Präsentation eines Referates, ≥ 10 min. (20%), erfolgreiche  Absolvierung von vier Kurzaufgaben im Rahmen der Seminarveranstaltung (insgesamt 20%), schriftliche Ausarbeitung zum Seminarthema (60%)

Studiengänge: Architektur [MA], Stadt- und Regionalplanung [MA], fachübergreifendes Studium

Modul: 25405 Theorie der Architektur


[1] Fritz Wichert: „Die neue Baukunst als Erzieher“, in: Das Neue Frankfurt: Internationale Monatsschrift für die Probleme kultureller Neugestaltung, H. 2/ 1928, S. 233–235, Zit. S. 233.