Das Studienprojekt Raketenprüfstand VII in Peenemünde

Zwischen Technikbegeisterung und Nazi-Horror

Raketentechnik und Denkmalpflege – passt das zusammen? Diese Frage stellten sich etwa 20 Studierende der BTU Cottbus, die sich im Sommersemester 2011 für das Studienprojekt „Raketenprüfstand VII in Peenemünde“ zusammenfanden. Auf sie wartete ein spannendes Aufgabenspektrum, ausgehend von der brisanten Debatte darüber, ob der Raketenprüfstand VII auf dem Gelände der ehemaligen Heeresversuchsanstalt Peenemünde (Mecklenburg-Vorpommern) rekonstruiert werden soll. Für die BTU-Studenten galt es auszuarbeiten, wie einer interessierten Öffentlichkeit Zugang zum verfallenen Raketenprüfstand geboten werden könnte und welche Formen der Präsentation geeignet wären. Eine Rekonstruktion wurde dabei von vornherein ausgeschlossen – aber auch jenseits der denkmalpflegerischen Problemstellung des ruinösen Startorts der von Wernher von Braun entwickelten V2-Rakete ergaben sich viele Forschungsfelder für die gemischte Gruppe aus Architektur-, Bauen & Erhalten- sowie World Heritage-Studenten.

Seit Herbst 2010 ist der Lehrstuhl für Denkmalpflege mit der Erstellung eines Denkmalpflege-Management-Plans für die ehemalige Heeresversuchsanstalt betraut. Schnell entstand die Idee, auch Studierende in die Erarbeitung von Zukunftsperspektiven für das Gelände miteinzubinden. Eine willkommene Unterstützung für die Verantwortlichen vor Ort wie etwa den Geschäftsführer des Historisch Technischen Museums Michael Gericke. Für ihn sind die bisherigen Ergebnisse der Studenten zu unterschiedlichsten Bereichen der Anlage eine wertvolle Grundlage und Inspiration für weiteres Handeln.

Der Ablauf des Studienprojekts teilte sich in drei Phasen: Eine sachliche Einarbeitung zu Geschichte und Aufbau der ehemaligen Heeresversuchsanstalt erfolgte in Form von Kurzreferaten in den ersten Sitzungen. Eine zweitägige Exkursion Anfang Mai 2011 gab dann Gelegenheit für eine tiefere Auseinandersetzung, der die Erarbeitung von Lösungen  für eine mögliche Museums- und Denkmallandschaft folgte. Abgerundet wurde das Projekt schließlich mit einer Abschlusspräsentation im Rahmen eines wissenschaftlichen Symposiums im Haus der Brandenburgischen Geschichte in Potsdam.

Zu Projektbeginn gaben die Lehrstuhlmitarbeiter Uta Mense und Daniel Wolff wertvolle Einblicke in die Thematik. Uta Mense berichtete als Doktorandin der Graduiertenschule „Historische Baukultur“ über ihr Promotionsthema „Space Race Heritage“. Im Rahmen ihres Dissertationsvorhabens hatte sie zum Zeitpunkt der Präsentation neben Peenemünde bereits Baikonur in Kasachstan und Huntsville/Alabama in den USA bereist. Daniel Wolff, Masterstudent der Regional- und Stadtplanung an der BTU, der gemeinsam mit der Archäologin Daniela Behnke seit Oktober 2010 das 25 Quadratkilometer große Areal von Peenemünde untersucht, hielt ebenfalls einen einführenden Vortrag. Wolff gewährte spannende Einblicke in die laufenden Arbeiten an dem heute verödeten Ort: mit Gestrüpp überwucherte Bunkerruinen, Bombenkratern und bruchstückhafte Abschussrampen prägen das Areal. Ein großer Teil seiner Aufgabe ist es, diesen mystischen Geschichtsort in dem vom Lehrstuhl für Denkmalpflege entwickelten Geoinformationssystem zu dokumentieren.

In weiteren doppelstündigen Sitzungen übernahmen die Studenten einführende Referate zu den verschiedenen baulichen Strukturen des Areals auf dem nördlichen Zipfel der Ostsee-Insel Usedom. Dazu gehörten etwa das Entwicklungswerk und das Versuchsserienwerk, Bunkeranlagen und Siedlungen sowie verschiedenen Prüfstände und der Flugplatz mit den berühmt-berüchtigten V1-Rampen. Aber auch die Infrastruktur wie das Peenemünder S-Bahn-Netz, das zu seiner Zeit zu einer der modernsten Anlagen Deutschlands zählte, wurde vorgestellt. Ein besonders schwieriges Sachthema stellte das Konzentrationslager Mittelbau Dora dar, eine unterirdische Fertigungsanlage im Thüringer Harz. Errichtet nach verheerenden Bombenangriffen der Engländer auf Peenemünde im Jahre 1942, hatten Zwangsarbeiter dort unter schlimmsten Bedingungen die vermeintlichen „Vergeltungswaffen“ des Dritten Reichs herstellen müssen. 

Während der Exkursion hatten die Teilnehmer Gelegenheit, sich ein eigenes Bild von der Heeresversuchsanstalt Peenemünde, dem Museum und der Natur- und Kulturlandschaft zu machen. Untergebracht in den klapprig-charmanten Bauwagen der örtlichen Jugendherberge erwartete sie ein zweitägiges Besichtigungsprogramm. „Am Anfang wusste ich gar nichts über Peenemünde“, sagte die französische World Heritage-Studentin Louise Wilshin „aber nachdem wir das Areal besichtigt hatten, erschien auf einmal alles interessant. Es ist ein wichtiges Kulturerbe, das es zu erhalten gilt. Das ist ja auch Ziel dieses Projektes.“ Gemeinsam mit Xsenia Mittasova und Benjamin Schmidt beschäftigte sich die Architektin in ihrer Ausarbeitung schwerpunktmäßig mit stadtplanerischen Fragestellungen im Ortsbereich Peenemünde – inklusive der touristischen Erschließung des Deichhinterlandes mit seinen Prüfständen und der Bunkerlandschaft. Ein Konzept, das – so Benjamin Schmidt – sowohl das Erleben der Natur als auch das der Geschichte dieser Denkmallandschaft vereine.

Einen schwelenden Konflikt zwischen Denkmalpflegern und Umweltschützern lernten die BTU-Studenten während einer Fachdiskussion mit Umweltschutzexperten und lokalen Akteuren kennen: Seit 2006 gibt es Pläne, die knapp fünf Kilometer lange Deichanlage entlang des Peenestroms zu fluten, um ökologische Ausgleichsflächen zu gewinnen. Die Denkmallandschaft der alten Heeresversuchsanstalt könnte bald bis zum Hals im Ostseewasser stehen. Der Rückbau würde das gesamte Gelände  überschwemmen und verschwinden lassen – das versuchen Denkmalpfleger selbstredend zu verhindern. Im Gespräch mit den Experten wurde den Studenten deutlich, dass der Konflikt zwischen Umwelt- und Denkmalschutz auch bei einer möglichen touristischen Erschließung der Landschaft eine Rolle spielen würde. Inzwischen brüten hier seltene Vogelarten wie Kormorane und der Seeadler, die durch Menschen gestört werden könnten.

Das alles waren nur einige der Aspekte, die für die eigenen Konzepte für das Museum und die Denkmallandschaft – mit dem Schwerpunkt Besucherführung – berücksichtigt werden mussten. Die Interpretation und Vermittlung eines solch schwierigen Erbes stellte eine weitere große Herausforderung an die Studenten dar. Wie kann man eine so finstere und dennoch wichtige Geschichte sensibel und ausgewogen darstellen? Auf einer Seite steht die Faszination für die Technik, Peenemünde als Wiege der Raumfahrt. Auf der anderen Seite die unvorstellbare Grausamkeit der Nazi-Diktatur, die Entwicklung einer vermeintlichen Vergeltungswaffe, bei deren Produktion allein etwa 20.000 Zwangsarbeiter ihr Leben ließen. Peenemünde als Gesamtanlage mit ihren teils irrsinnigen baulichen Strukturen steht auch für den Größenwahn des taumelnden Hitler-Deutschlands.

Inhaltlich konnten sich die Studierenden in der Ausarbeitungsphase nach ihren individuellen Interessen richten. So entstanden unterschiedlichste Projekte der interdisziplinären Gruppen:  Stefanie Flad, Helene Pohl und Tina Schwarz etwa konzipierten eine Tour für Spaziergänger mit begleitendem Reader. Sie entwarfen über dem Waldboden schwebende Infoboxen, die sich durch ihre verspiegelte Außenfassade perfekt in ihre Umgebung einpassen. Architekturstudent Robert Wohlfeil hatte die wohl ausgefallenste Entwurfsidee: ein spacig designtes „mobiles Klassenzimmer“ mit aufstellbarem Aussichtturm. Das Konstrukt soll die vorhandenen S-Bahn-Schienen zur Erschließung des Peenemünder Geländes nutzen. Im Winter könnte es dann auch als mobiler Ausstellungspavillon für die Anlage zu Werbezwecken in Bahnhöfen, etwa in Berlin oder Hamburg eingesetzt werden.

Wie man auch ohne Rekonstruktionsmethoden einst vorhandene Gebäude sichtbar macht, konnte ein Team von Bauen & Erhalten-Studenten zeigen. Nico Kossack und Norman Helms erdachten eine Tour durch die Ruinenlandschaft und ließen in ihren Entwürfen viele  der baulichen Strukturen mittels einfachster Stahl- und Holzkonstruktionen wieder auferstehen. Architekturstudent Christian Fanenbruck beschäftigte sich in seiner Arbeit „Countdown. Pfad durch eine Geschichtslandschaft“ auf kreative Art und Weise mit Vermittlungsstrategien für die überwucherten Ruinen des Prüfstand VII. Zwischen den Entwürfen fanden sich auch einige theoretische Arbeiten. So prüften die World Heritage-Studenten Cornelia Wilke, Stephanie Gottschalk und Elke Ackermann wie die Chancen der Heeresversuchsanstalt auf Usedom für einen möglichen Unesco-Welterbe-Antrag stünden.

Die auf der Abschlusskonferenz in Potsdam anwesenden Vertreter aus Peenemünde zeigten sich begeistert: „Derzeit wird ein Masterplan für den ganzen Ort angestrebt“, so der Geschäftsführer des Historisch Technischen Museums Gericke. „Da werden viele der studentischen Ideen mit einfließen“, verspricht er. Außerdem ist eine Sonderausstellung der BTU-Forschenden im Museum zur Heeresanstalt geplant.

Leitung:

Prof. Dr. Leo Schmidt
Prof. Em. Inken Baller Dipl.-Ing. Architektin BDA
Luise Rellensmann M.Sc.

Studentische Mitarbeiter:

Daniel Wolff

Links:

Historisch-Technisches Museum Peenemünde