Eisenbahnkorridore Berlin/Brandenburg – Westpolen

marktgerechte Technologie und Technik im grenzüberschreitenden Schienen(personen)verkehr Berlin/Branden­burg - Westpolen

Kurzfassung

1 Anlaß und Ziel

Als ein wesentliches Ergebnis der im November 2000 abgeschlossenen "Analyse des regionalen grenzüberschreitenden Schienenverkehrs (RGSV) der Region Berlin/Branden­burg und Westpolen" (Betreuung: Prof. Dr. Knut Richter; Koordination: Dipl.-Wirtsch. Ing. Karl-Heinz Boßan) wurde empfohlen, die Eisenbahnverbindungen

  • Berlin - Angermünde - Szczecin
  • Berlin - Küstrin - Gorzów
  • Berlin - Frankfurt/Oder - Rzepin - Poznan und Rzepin - Zielona Góra

durch direkte Reiseverkehrsverbindungen attraktiv zu gestalten. Diese Relationen verbinden wichtige Siedlungs- und Wirtschaftsräume mit jeweils erheblichem Einwohner­potential. Insbesondere mit gezielten Qualitätsverbesserungen durch

  • getaktete Direktverkehre,
  • eine deutlich höhere Reisegeschwindigkeit,
  • moderne Fahrzeug- und Bahnhofsausstattungen,
  • eine markt- und kostengerechte Tarifgestaltung und
  • eine rationelle Grenzabfertigung

sind die Personenverkehrsleistungen in diesen Relationen zu Gunsten der Eisenbahn zu steigern.

Kern der Qualitätsverbesserung sind wesentlich kürzere Eisenbahnreisezeiten, die spätestens ab 2010 möglich sein sollen:

  • Berlin - Angermünde - Szczecin von derzeit 2:03...2:12 h auf 1:10 h
  • Berlin - Küstrin - Kostrzyn - Gorzów von derzeit 2:12...2:58 h auf 1:20 h
  • Berlin - Frankfurt/Oder - Rzepin - Poznan von derzeit 2:57...4:32 auf 2:08 h
  • Berlin - Frankfurt/Oder - Rzepin - Zielona Góra von derzeit 3:12...4:43 h auf 1:30 h

Die zu empfehlenden Maßnahmen im Reiseverkehr sollen zudem auch der gezielten Verbesserung des allgemeinen Schienengüterverkehrs und des Kurier- und Expressgut­verkehrs dienen.

Diese Studie verfolgt deshalb das Ziel, die vorhandene Linienführung für eine höhere Streckengeschwindigkeit als Grundlage kürzerer Reisezeiten zu nutzen, baulich und eisenbahnbetrieblich sensible Bereiche zu ermitteln und Vorschläge der zielführenden Veränderungen zu begründen.

Der Eisenbahnkorridor Berlin - Frankfurt/Oder - Rzepin - Poznan wird derzeit im Rahmen der europaweit vereinbarten Streckenausbauten auf eine Höchstgeschwindigkeit v = 160 km/h aus- bzw. umgebaut, so dass sich die Untersuchungen nur auf die Korridore Berlin - Angermünde - Szczecin und Berlin - Küstrin - Kostrzyn - Gorzów beschränken, auch bei Beachtung der ihrerseits nicht weiter begründeten unternehmerischen Interessen der DB Netz AG und PKP AG.

2 Zusammenfassung

Die Linienführungen der Stettiner Bahn und der Ostbahn sind geeignet, die geforderten kürzeren Fahrzeiten zu erreichen. Je nach Ausbaustand lassen sich voraussichtlich folgende Effekte erzielen:

Berlin-Gesundbrunnen - Szczecin Glowny
(Stettiner Bahn)
Berlin-Lichtenberg - Gorzów Wlkp.
(Ostbahn)
Zielvorgabe1:101:20
Status quo2:03 ... 2.122:12 ... 2:58
Ohne Ausbau, jedoch ohne La-Stellen1:381:45
Ausbauzustand 130 km/h(1:25)1:18
Ausbauzustand 160 km/h1:05(1:05)

Tabelle 1 Fahrzeiten

Der Ausbau der Bahnanlagen orientiert sich am durchgehenden Standard einer Haupt­bahn und wird umfassen müssen: 

  • gleisgeometrische Neugestaltung, vor allem der Gleisbogenabschnitte der freien Strecke
  • Beseitigung aller Unterbau-, Oberbau- und Brückenmängel und Ertüchtigung des gesamten Bahnkörpers für höhere Geschwindigkeiten
  • Ausstattung der Leit- und Sicherungstechnik (vor allem Zugbeeinflussungstechnik und technische Sicherung der Bahnübergänge)
  • Neugestaltung vor allem der Bahnanlagen in Szczecin Gumience, Strausberg und Küstrin-Kietz sowie in den eingleisigen Streckenabschnitten verbleibender Kreuzungsbahnhöfe

Die Elektrifizierung beider Eisenbahnkorridore wird nicht als zwingend erforderlich an­gesehen, zumal die in Deutschland und Polen unterschiedlichen Bahnstromsysteme (15 kV 16,7 Hz AC bzw. 3 kV DC) entweder Systemwechselbahnhöfe oder speziell geeignete Eisenbahnfahrzeuge, die für das zu bedienende Marktsegment in Europa nicht vorhanden sind, bedingen, abgesehen davon, dass die Ostbahn ohnehin erst noch zu elektrifizieren wäre.

Es wird empfohlen, dieselbetriebene Triebwagen zum Einsatz zu bringen, die mehrfach­traktionsfähig niederflurige Einstiege aufweisen und deren Innengestaltung individuell ausgelegt werden kann. Nach derzeitigem Erkenntnisstand werden diesen Ansprüchen - auch im Hinblick auf die geforderte Höchstgeschwindigkeit - Fahrzeuge der Triebwagen­familien Lirex bzw. Itino am Besten gerecht.

Weiterführendem Untersuchungen sollten Folgendem gewidmet sein:

  • Detaillierte Untersuchung zur Linienführung auf polnischen Gebiet anhand von PKP-Daten
  • Beseitigung von Unterbau-, Oberbau- und Brückenmängeln, dabei vordergründig der Mängel am Eisenbahnunterbau
  • Zukünftige Bahnhofsgestaltung in Bernau, Eberswalde, Angermünde, Szczecin Gumience, Strausberg und Küstrin-Kietz sowie der Kreuzungsbahnhöfe an eingleisigen Streckenabschnitten in allgemeiner Lage
  • alternative Einbindung der Ostbahn an die Berliner Stadtbahn