Fachtag Ökologische Soziale Arbeit am 1. und 2. Juli 2022

Am 1. und 2. 7.2022 fand am Institut Soziale Arbeit gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft für Systemische Soziale Arbeit der Fachtag Ökologische Soziale Arbeit am Campus Sachsendorf statt. Der Fachtag war ein voller Erfolg. Im  Flyer zum Fachtag finden Sie das detailiere Programm vom Juli 2022.

Es wird ein weiterer Fachtag stattfinden, der jetzt bereits in der Vorbereitung steckt. Bei Interesse, Teilnahme usw wenden Sie sich gern an Sebastian.SierraBarra(at)b-tu.de.

Hier stellen wir die Abstracts zu unseren Programm vor:

Abstract 1:Julian Löhe
"Wege zur Transformation in eine klimasensible Gesellschaft?!"

Beim Klimawandel handelt es sich um Verantwortungszusammenhänge, die nicht allein durch Technik oder Politik aufgelöst werden können. Vielmehr sind Verhaltensänderungen von Individuen nötig, um (lebens)notwendigen Maßnahmen herbeizuführen. Nach einem konstruktivistischen Lernverständnis kann Wissen, das zu Verhaltensänderungen führt, nicht objektiv vermittelt werden. Vielmehr konstruiert jedes Individuum dieses Wissen aus selbst gemachten Erfahrungen heraus. Diese konkreten individuellen Lernerfahrungen bilden die Grundlage für einen Lernprozess und damit Verhaltensänderungen.

Vor diesem Hintergrund besteht ein methodischer Vorschlag darin, dass die Soziale Arbeit in einer abgegrenzten sozialräumlich organisierten Struktur Mikro-Gesellschaften für eine klimasensible Lebensführung schafft. Diese von Paech (2016) sogenannten Blueprints sollen ein Experimentierfeld darstellen, in denen Menschen ausprobieren und selbst erfahren können, wie klimasensibles Leben aussehen kann. Durch eigenes Erfahren sollen gesamtgesellschaftliche Impulse geschaffen werden, um eine Transformation in eine klimasensible Gesellschaft anzustoßen. Der Vortrag beschäftigt sich mit der Frage, wie solche Blueprints aussehen können. 

Prof. Dr. Julian Löhe, loehe(at)fh-muenster.de

Literatur:
Paech, N. (2016): Streifzüge in eine Ökonomie ohne Wachstum. Vortrag an der Universität Bamberg. 08.06.2016. 
Online: https://www.uni-bamberg.de/fileadmin/uni/fakultaeten/sowi_lehrstuehle/bwl_logistik/Bilder_Dateien_Hochschultag/HST_2016/Paech.pdf (Zugriff: 25.01.2022) 

Vortrag von Julian Löhe
„Einstieg in ökologisches Denken und Handeln“
01.07.2022   13.15-14:00 Uhr

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Abstract 2: Philipp Aldendorff und Julian Löhe
"Klimawandel und Sozialmanagement -
Idee und Konzept für einen Einstieg in ökologisches Denken und Handeln"

„Wie will man die ökologische Frage lösen, wenn man sie nicht auch als soziale Frage versteht?“(1) 

Die zu beobachtenden Klimaveränderungen sind keine Naturereignisse, sondern menschengemachte Naturveränderungen. Vor dem Hintergrund der sozialen Dimension des Klimawandelns werden sich Soziale Organisationen im Rahmen eines normativen und ethischen Managements zunehmend auch daran messen lassen müssen, wie sie sich organisieren, wie sie managen. Die Frage der Legitimation einer Organisation wird dann nicht mehr nur dadurch bewertet, welchen Nutzen eine Organisation für die Soziale Arbeit hat, sondern auch, welche Kosten dabei für die Umwelt entstehen.

Der Vortrag ist in zwei Abschnitte unterteilt:

1)   Klimawandel als steuerungsrelevante Kategorie für Organisationen der Sozialen Arbeit:
      Warum ist klimasensibles Management in der Sozialen Arbeit wichtig?

2)   Konkrete Ideen und Konzepte: Nachhaltigkeit, nachhaltige Entwicklung und
      nachhaltiges Management. Drei Säulen der Nachhaltigkeit (2).

Berufspolitischer Apell und Ausblick: Sozialmanagement ist gefragt, zukünftige Trends zu identifizieren und Angebote zu entwickeln, die sich mit den sozialen Herausforderungen des Klimawandels beschäftigen. Dabei geht es sowohl um Prävention, indem die Gesellschaft für den Klimawandel sensibilisiert wird. Gleichzeitig geht es aber auch darum, mit den sozialen Folgen des Klimawandels umzugehen.

Philipp Aldendorff, M.A., aldendorff(at)fh-muenster.de
Prof. Dr. Julian Löhe, loehe(at)fh-muenster.de 

1 Göpel, M. (2020): Unsere Welt neu denken. Eine Einladung. Berlin. S. 163.
2 Löhe, J./Aldendorff, P. (2022): Grundlagen zum Sozialmanagement. Zentrale Begriffe und Handlungsansätze. Im Erscheinen.   

Workshop von Philipp Aldendorff und Julian Löhe
„Klimawandel und Sozialmanagement. Idee und Konzept für einen Einstieg in ökologisches Denken und Handeln“
01.07.2022   16.00 – 17.15 Uhr

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Abstract 3: Johannes Verch und Yannik Liedholz
"Starke Nachhaltigkeit als Konzept für eine Ökologische Soziale Arbeit"

Der Vortrag verfolgt das Ziel, in das Konzept starker Nachhaltigkeit einzuführen und dieses für eine Ökologische Soziale Arbeit zu kontextualisieren. Einen wesentlichen Bezugspunkt stellt das Buch „Perspektiven von Bildung für Nachhaltige Entwicklung, Nachhaltigkeit und Sozialer Arbeit“ (1) dar. Im Gegensatz zu schwacher Nachhaltigkeit vertritt starke Nachhaltigkeit eine „Nichtaustauschbarkeit natürlicher und künstlicher Ressourcen“ sowie eine „Achtung der Gesamtmenge natürlicher Ressourcen und von deren (u.a. ästhetischer) Qualität“ (2). Eine zentrale Forderung starker Nachhaltigkeit liegt darin, einen qualitativ hochwertigen Naturbestand für gegenwärtige und künftige Generationen zu erhalten. Das Konzept verweist damit auf ein ,Ökologiekonzept‘ innerhalb der Sozialen Arbeit und ebenso auf die Frage, wie ein ,ökologischer Ausgleich und soziale Gerechtigkeit in Verbindung gebracht werden‘ können.

Auf dieser Grundlage soll weiter die Notwendigkeit einer suffizienzkulturellen Transformation begründet werden, die auf gesellschaftlicher wie individueller Ebene einen „Wandel der Be-dürfniskultur hinsichtlich von Konsum, Technik, ggf. Postwachstum, Raum, Zeit, Ästhetik,
Bildung und Bewegung“ (Kauertz et al. 2019, S. 55) fordert. Zu einer solchen suffizienzkulturellen Transformation könnte eine (Ökologische) Soziale Arbeit mit ihren Erfahrungsbeständen, Visionen und Methoden einiges beitragen. Entlang phänomenologischer Technikdiskurse wird abschließend erörtert, inwiefern eine gewisse analytische Akzentuierung von Natur und spätmodern herrschaftlicher Technik für eine Ökologische Soziale Arbeit ggf. auch hilfreich sein könnte.

Prof. Dr. Johannes Verch, Professur Soziale Arbeit Schwerpunkt Bildung für Nachhaltige Entwicklung Johannes.Verch(at)web.de
Alice Salomon Hochschule Berlin,
Yannick Liedholz, Dozent an der Alice Salomon Hochschule Berlin, y.liedholz(at)posteo.de

Literatur:
1 Liedholz, Y./Verch, J. (i. Ersch.) (Hg.): Perspektiven von Bildung für Nachhaltige Entwicklung, Nachhaltigkeit und Sozialer Arbeit. Opladen, Berlin, Toronto: Barbara Budrich.
2 Kauertz et al. S. 54 in: Kauertz, A./ Molitor, H./ Saffran, A./ Schubert, S./ Singer-Brodowski, M./ Ulber, D./ Verch, J. (2019): Zieldimensionen einer Bildung für nachhaltige Entwicklung für Kinder, pädagogische Fachkräfte und Leitungskräfte. In: Stiftung Haus der kleinen Forscher (Hg.): Frühe Bildung für nachhaltige Entwicklung – Ziele und Gelingensbedingungen. Wissenschaftliche Untersuchungen zur Arbeit der Stiftung „Haus der kleinen Forscher“ (Band 12). Opladen, Berlin, Toronto: Barbara Budrich, S. 48–119.

Vortrag von Johannes Verch, Yannick Liedholz
„Starke Nachhaltigkeit als Konzept für eine Ökologische Soziale Arbeit“
01.07.2022   17.30 – 18.15 Uhr

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Abstract 4: Vera Taube
"Das Erlebnislabor: Sozialökologische Perspektiven auf sozialarbeiterisches Handeln"

In intensivpädagogischen Auslandsmaßnahmen spielen die Umgebungsbedingungen eine besondere Rolle - wie aber kann diese Rolle erklärt und theoretisch gefasst werden? Die Ergebnisse der Studie “Experiencing, working, learning” im Kontext eines intensivpädagogischen Auslandsprojektes für schwer erreichbare junge Menschen legen nahe, dass wir den pädagogischen Raum mit einem "Erlebnislabor" vergleichen können. Es handelt sich dabei um einen künstlich geschaffenen Raum, der absichtlich so gestaltet ist, dass er Erziehende bei ihrer Aufgabe unterstützt, Lernsituationen als Mittel zur Entwicklung des jungen Menschen zu initiieren, zu begleiten und zu konfrontieren. Im Labor nimmt der Erwachsene eine Machtposition ein, da er über alle Ressourcen und die Kontrolle verfügt. Den Jugendlichen erscheint die fremde Umgebung als eine geschlossene Umgebung, allerdings ohne Schlösser und Riegel. Sie sind mit der Umgebung nicht vertraut. Ihre üblichen Bewältigungsstrategien funktionieren in der neuen Umgebung nicht - ihre Abhängigkeit vom Erwachsenen nimmt mit dem Umzug in die fremde Umgebung zu. Um ihren Alltag zu bewältigen und ihre Grundbedürfnisse zu erfüllen, müssen sie mit dem Erwachsenen interagieren. Vor diesem Hintergrund erscheint das Labor als ein Ort der Macht. Eine Vorstellung, die nicht zu pädagogischen Ansätzen zu passen scheint. Bei näherer Betrachtung offenbart das Labor seine pädagogischen Qualitäten, indem es ein hohes Erfahrungspotential besitzt, das in seine charakteristische Umgebung eingebettet ist. Dieses Potenzial wird von den Pädagogen aktiviert und moduliert, um Lernsituationen für die Jugendlichen zu schaffen. Das Modell des Erlebnislabors zeigt die Bedeutung der Umgebungs-
bedingungen und die Rolle des Umfelds für die pädagogische Interaktion auf. Damit bietet es einen vielversprechenden Denkrahmen für die sozialarbeiterische Praxis auch jenseits der schwer erreichbaren Klientel. Der Beitrag möchte das Modell des Erlebnislabors vorstellen und als Impuls für Diskussion der Frage nach Rolle und Potenzial des Ortes für sozialarbeiterisches Handeln nutzen.

Vera Taube, Professorin für Erziehungswissenschaft in der Sozialen Arbeit an der FHWS
E-mail: vera.taube(at)fhws.de

Workshop von Vera Taube
„Das Erlebnislabor: Sozialökologische Perspektiven auf sozialarbeiterisches Handeln“
01.07.2022   14.15 – 15.30 Uhr

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Abstract 5: Kolja Flüger
"Die Verursacherhilfe - oder die Stärke der Armut"

Wenn die Soziale Arbeit den in ihrer Definition veröffentlichten Aufträgen gerecht werden möchte, bedarf die aktuelle ökologische Krise, die sich zunehmend verstärkt, einer ganz besonderen Aufmerksamkeit und erfordert neue Gewichtungen von Aufmerksamkeit in der Sozialen Arbeit. Denn, um die Transformation hin zu einer zukunftsfähigen Gesellschaft zu gestalten, muss das Problem an der Wurzel gepackt werden. Diese Wurzel ist das Verständnis unserer Gesellschaft von Erfolg und sozialer Stellung, von Bildung und Bedürftigkeit.

Die Hauptverursacher der heutigen Krisen sind Menschen die nach „normalen“ Gesichtspunkt keinerlei Hilfe benötigen. Dank guter Bildung und erfolgreichen Abschlüssen haben sie sich ein Leben im „Überkonsum“ geschaffen. Möchte die Soziale Arbeit eine ökologische Verantwortung in der letzten Konsequenz übernehmen so müssten diese Menschen zum Klientel der Sozialen Arbeit werden.

Ist es eine Utopie? Oder vielmehr eine dringend benötigte Tatsache? So oder so liegt der Start bei uns selbst und unserem Selbstverständnis. Denn wir als Sozialarbeitende sind auch ein Teil des Problems. Am Anfang muss die persönliche Transformation des Selbst stehen, bevor Menschen geholfen werden kann. Und erst im gemeinsamen gesellschaftlichen Miteinander kann ein neues gesellschaftliches Zusammensein erblühen.

Kolja Flüger, Demeter Imker und Sozialarbeiter

Workshop von Kolja Flüger
„Die Verursacherhilfe- oder die Stärke der Armut“
02.07.2022   10.15 – 11.30 Uhr

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Abstract 6: Anna-Lena Moselewski und Tobias Künkler
"Ökologisches Denken und Handeln initiieren und institutionalisieren –
eine Fallanalyse in der CVJM-Hochschule Kassel"

Wie kann akademische Lehre dazu beitragen, dass Studierende Schlüsselqualifikationen für ökologisches Denken und Handeln erwerben und wie können transformative Prozesse in Hochschulen initiiert und institutionalisiert werden, um diese nachhaltiger zu gestalten und das Thema Nachhaltigkeit zu etablieren?

Der Workshop möchte diesen Fragen am Beispiel eines zyklischen Mehrebenenprozesses in der eigenen Hochschule nachgehen und reflektieren, wie die Erfahrungen in Studiengängen der Sozialen Arbeit genutzt werden können. Der Prozess begann mit der Konzeption des interdisziplinären Masterstudiengang „Öffentliche Theologie und Soziale Arbeit“ und einem studentischen transformativen Praxisprojekt. Zentrale Meilensteine dieses Projektes waren ein Barcamp, die Gründung einer studentischen Nachhaltigkeitsgruppe mit eigenen Projekten, ein Campustag („How care you?“), die Integration eines neuen Wahlpflichtmoduls zum Thema Nachhaltigkeit und globales Lernen in das Curriculum des Bachelorstudiums. Die Drittmittel-
akquisition für eine Projektstelle Nachhaltigkeit an der an der CVJM-Hochschule führte bisher zu den Ergebnissen, dass insgesamt 60.000 € von BfDW & Barbara-Schadeberg Stiftung zugesagt und dem Hessischen Ministerium für Umwelt in Aussicht gestellt wurden. Diese Schritte sollen dazu dienen, das Angebot zu verstetigen und im Masterstudiengang die Themen ökologische Nachhaltigkeit und sozial ökologische Transformation weiter auszubauen.

Anna-Lena Moselewski hat im Rahmen ihres Masterstudiums das genannte Praxisprojekt durchgeführt und arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der CVJM-Hochschule.
Prof. Dr. Tobias Künkler leitet den Studiengang „Öffentliche Theologie und Soziale Arbeit“

Workshop von Anna-Lena Moselewski, Tobias Künkler
„Ökologische Soziale Arbeit“
02.07.2022   11.45 – 13.00 Uhr

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Abstract 7: Norbert Frieters-Reermann, Laura Maren Michel, Simone Hieronymus
"Kompetenzentwicklung in der Hochschullehre – Ein BIldungsansatz für eine ökologisch-reflexive Soziale Arbeit"

Für den Bereich der Hochschullehre bietet die Verbindung von dem Wissenspodcast „Strukturwandel und nachhaltige Entwicklung (BNE) mit weiteren Ansätzen transformativer Bildung ein hohes Anregungspotential für eine kritische ökologisch-reflexive Soziale Arbeit.
Denn diese Bildungsansätze fokussieren grundlegende globale und transnationale Herausforderungen der Weltrisikogesellschaft und begegnen ihnen mit einer auf Strukturveränderung abzielenden und Kompetenzerwerb fördernden Bildungsarbeit.

Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen haben die Autor:innen ein Kompetenzmodell entwickelt, das als Grundlage für Lehr-/Lernformate im Sinne einer kritischen ökologisch-reflexiven Sozialen Arbeit dienen kann. Dieses Modell verbindet unterschiedliche Kompetenz-
bereiche, die für eine sozial-ökologische Transformation von Bedeutung sind und geht dabei von der Gleichzeitigkeit und Zirkularität von Lernprozessen aus.

Im Rahmen des Workshops wird das Kompetenzmodell konkretisiert und anhand von Beispielen aus der Hochschullehre anschaulich dargestellt. 

Prof. Dr. Norbert Frieters-Reermann, Projektleitung,
Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen
Laura Maren Michel, Wissenschaftliche Mitarbeiterin (l.michel(at)katho-nrw.de)
Simone Hieronymus, Wissenschaftliche Hilfskraft

Workshop von Norbert Frieters-Reermann, Laura Maren Michel, Simone Hieronymus
„Kompetenzentwicklung in der Hochschullehre – Ein Bildungsansatz für eine kritische ökologisch-reflexive Sozialen Arbeit“
01.07.2022   16.00 – 17.15 Uhr

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Abstract 8: Peter Stepanek
"Wie können Ziele nach ökologischem Ausgleich und sozialer Gerechtigkeit in Verbindung gebracht werden?"

Nicht nur die Naturkatastrophen und Extremwetterereignisse der letzten Jahre zeigen, dass ökologische Themen eng mit sozialen Fragen oder Ungleichheiten einhergehen. Soziale Arbeit und die Sozialwirtschaft müssen Nachhaltigkeit auf die eigene Agenda nehmen, denn die sozialen und ökonomischen Folgen treffen nicht alle Menschen in gleicher Weise. Global werden Ungleichheiten zwischen Nord und Süd sichtbar, aber auch in Mitteleuropa sind einkommensschwächere Schichten stärker vom Klimawandel betroffen. Für die Soziale Arbeit und die Sozialwirtschaft entstehen dadurch neue Handlungsfelder und Aufgaben, wenn es darum geht, 1. den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wandel zu begleiten, 2. ökologische Themen in die Arbeit mit Klient*innen und Nutzer*innen aufzunehmen und schlussendlich 3. sich mit der ökologischen, sozialen und ökonomischen Nachhaltigkeit der eigenen Organisation zu beschäftigen. Eine für die österreichische Bevölkerung repräsentative Studie für Global 2000 (Integral, 2020) zeigt, dass gerade bei den besonders belasteten sozialen Schichten weniger Wissen und weniger Sensibilität zu diesem Zukunftsthema herrscht. Auch zeigen diese Milieus viel weniger Bereitschaft, selbst Maßnahmen zu setzen. Aber gerade sie werden die Auswirkungen stärker zu spüren bekommen. Deshalb müssen ökologische Fragen in die Arbeit mit diesen Gruppen einbezogen werden. Auch Umweltgerechtigkeit rückt in den Fokus. An der Schnittstelle sozial/ökologisch werden neue Berufe und neue Möglichkeiten zur Beteiligung entstehen. Schon jetzt gibt es eine erfolgreiche Verflechtung aus sozialen und ökologischen Themen (z.B. sozialökonomische Betriebe in Österreich). Im Aktionsplan Kreislaufwirtschaft der Europäischen Kommission wird gerade die Relevanz der Sozialwirtschaft für den Ausbau der Kreislaufwirtschaft betont. Auch für Social Business gibt es vielfältige Möglichkeiten, nachhaltige Produkte und Dienstleistungen zu verkaufen, und so gleichzeitig soziale und ökologischen Themen zu adressieren. Die neuen Formen des Wirtschaftens (Tauschen, gemeinsamen Nutzung, kooperative Organisationsformen, Reparieren, Selbstversorgung) die in verschiedenen alternativen Wirtschafts- und Gesellschaftssystemen diskutiert werden (z.B. Postwachstums-
ökonomie, Kreislaufwirtschaft, Solidarische Ökonomie) brauchen Begleitung, Unterstützung und mitunter auch Konfliktarbeit. Hier gibt es zahlreiche Ansatzpunkte für die Soziale Arbeit. Im Workshop werden die neuen Handlungsfelder und Aufgaben anhand von Best-Practice-Beispielen aus verschiedenen Ländern vorgestellt.

FH-Prof. Mag. Peter Stepanek, FH Campus Wien, Studiengangleiter Europäisches Masterstudium Sozialwirtschaft und Soziale Arbeit, Projektleiter eco3

Workshop von Peter Stepanek
„Wie können Ziele nach ökologischem Ausgleich und sozialer Gerechtigkeit in Verbindung gebracht werden?“
02.07.2022   11.45 – 13.00 Uhr

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Abstract 9: Anita Maile-Pflughaupt und Martin Stummbaum
"Ökologische Perspektiven Sozialer Arbeit in der Nachhaltigkeit"

Nach Schätzungen der Vereinten Nationen (2018) werden 2030 rund 60 % der Weltbevölkerung in Städten leben. In Europa liegt der Urbanisierungsgrad laut Statista (2021) bereits bei über
77 %. Die Transformationen zu nachhaltig(er)en Gesellschaften müssen und werden sich vor allem in Stadtent-wicklungsprozessen realisieren. Städte eröffnen nach Schneidewind & Scheck (2013) als Living Labs eine besondere Perspektive, Nachhaltigkeit in der Komplexität ihrer unterschied-
lichen Dimensionen und damit nachhaltig zu entwickeln. Stadtentwicklung in der nachhaltigen Perspektivität von Living Labs erschließt, initiiert, begleitet, fördert, implementiert, vernetzt, ...... Möglichkeitsräume urbaner Nachhaltigkeit.

Erfahrungen und Ergebnisse aus dem Labor Nachhaltigkeit – einem Dialog-, Forschungs- und Lehrsetting im Studiengang der Sozialen Arbeit an der Hochschule Augsburg – zeigen, dass Soziale Arbeit in nachhaltigen Stadtentwicklungsprozessen nicht nur sehr wenig involviert und mitgedacht ist, sondern dass Soziale Arbeit sich ihrer veränderten und neuen Aufgaben und Perspektiven im Nachhaltigkeits-diskurs selbst noch zu wenig bewusst ist.

Im Vortrag werden die Erfahrungen und Ergebnisse aus dem Labor Nachhaltigkeit referiert sowie neue und veränderte Aufgaben und Perspektiven für die Soziale Arbeit im Tagungsfokus eines zu ent-wickelnden eigenen Ökologiekonzepts und der Frage nach entsprechenden Schlüssel-
qualifikationen diskutiert. Eine mögliche Perspektive sehen die Vortragenden in der Konzeptionierung genuin sozialarbeiterischer Befähigungen als subjektives Verstehen, Beurteilen und Gestalten der mannigfaltigen Welt unter dem Blick utopischer Hoffnung auf Verbesserung in gesellschaftlicher und globaler Kohäsion. Hierzu braucht sie mehr denn je die Fähigkeit und Bereitschaft, die gesellschaftlichen Folgen technologischer Entwicklungen abzuschätzen und als gesellschaftliches Projekt mitzugestalten. Zu dieser technologischen Kompetenz käme dann weiter eine ökologische Kompetenz verstanden als die Befähigung Naturgrundlagen der menschlichen Existenz und der übrigen Lebewesen zu erkennen, zu pflegen und zu erhalten.

Prof. Dr. Martin Stummbaum,
Professur für methodische Professionalität und Innovationsprozesse in der Sozialen Arbeit Fakultät für Angewandte Geistes- und Naturwissenschaften, Hochschule Augsburg
martin.stummbaum(at)hs-augsburg.de 
Dr. Anita Maile-Pflughaupt, Lehrbeauftragte an der Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften der Hochschule Würzburg

Vortrag von Anita Maile-Pflughaupt, Martin Stummbaum
„Ökologische Perspektiven Sozialer Arbeit in der Nachhaltigkeit“
02.07.2022   9.15 – 10.00 Uhr

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Abstract 10: Andrea Schmelz
"Vom Ökofeminismus lernen?
Ein kritischer Blick zurück nach vorne auf eine bewegte ökologische Soziale Arbeit in einer globalisierten Welt"

In europäischen Ländern waren Diskurse und Handlungsansätze um Ökologie, Nachhaltigkeit und das Mensch-Natur-Verhältnis lange ein Randthema der Sozialen Arbeit. Hingegen engagierten sich in vielen Teilen der Welt wie Indien, Lateinamerika, auf dem afrikanischen Kontinent, in Kanada und Australien Sozialarbeiter*innen seit Jahrzehnten in verschiedenen Formen des ökologischen Umwelt- und Klimaaktivismus. Dies geschah häufig in Zusammenhang mit den Kämpfen um Landraub, Extraktivismus und der Kolonisierung von indigenen Bevölkerungsgruppen für die Rechte der Natur. Die internationale ökofeministische Bewegung insbesondere der 1980er und 1990er Jahre spielte in diesem Zusammenhang eine bedeutsame Rolle.

Zu den Protagonist:innen dieser Bewegung gehörten Frauen, die ökologische und soziale Gerechtigkeit zusammendachten und an Kämpfen sozialer Bewegungen beteiligt waren. Am Beispiel von Vandana Shiva (Indien) und Wangari Maathai (Kenia) fragt der Beitrag nach dem theoretischen Denken und sozial-ökologisches Handel der beiden Protagonist:innen und untersucht diese im Kontext einer sich  herausbildenden ökologischen Sozialen Arbeit (Ecological Social Work und Deep Ecology). Vandana Shiva war in der Chipko-Bewegung aktiv und gründete Navdaya, eine soziale Frauenbewegung zum Schutz der ökologischen Vielfalt, insbesondere des Saatguts. Wangari Maathai ist Begründerin der Green Belt-Bewegung und Friedensnobelpreisträgerin. Beide sind Vordenker:innen und Aktivist:innen in ökologisch-sozialen Bewegungen, die den Schutz der natürlichen Ressourcen in einer interdependenten und verantwortungsvoll vernetzten Welt mit genderspezifischer Theoriebildung  und sozialer Praxis verknüpfen. 

Die Beitrag verbindet eine Analyse ihrer Interventionen auf der Mikro-, Meso- und Makroebenen mit Hilfe der folgenden Schwerpunkte: Vergleich der Handlungsansätze und der Bezüge zu Ecological Social Work; Herausarbeiten der Unterschiede und Gemeinsamkeiten; Lernpotentiale und Herausforderungen für eine Soziale Arbeit im Kontext ökologischer Krisen.

Andrea Schmelz, Professorin für internationale Soziale Arbeit und globale Entwicklung an der Hochschule Coburg.
E-Mail: andrea.schmelz(at)hs-coburg.de

Vortrag von Andrea Schmelz
„Vom Ökofeminismus lernen?“
01.07.2022   17.30 – 18.15 Uhr

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Abstract 11: Svea Ruhr und Katharina Woschick
Schlüsselqualifikationen im Studium Soziale Arbeit

In dem Studium Soziale Arbeit müssen mehr ökologische Schlüsselqualifikationen zu der Bewältigung der Herausforderungen vermittelt werden. Wir wollen in unserem Beitrag als Studentinnen darstellen, welche Schlüsselqualifikationen, unserer Meinung nach, besonders wichtig sind. In dem Studium Soziale Arbeit sollten die Student*innen in einem Modul die Bedeutung der Ökologischen Sozialen Arbeit, u.a. auf der Grundlage der sozialen Gerechtigkeit und den 17 Sustainable Development Goals, erlernen. Außerdem ist es wichtig, dass sie viele Fähigkeiten und Möglichkeiten zu der Vermittlung von ökologischen Kompetenzen an ihre Klient*innen kennenlernen und entwickeln. In der Praxis unterstützten Sozialarbeiter*innen ihre Klient*innen, wie zum Beispiel Kinder, Jugendliche, Personen mit Beeinträchtigungen und Senior*innen, bei der Bewältigung ihrer speziellen Problemlagen. Auch Angebote mit ökologischen Schwerpunkten sind dabei sehr hilfreich. Ein gutes Beispiel sind dafür sind die Angebote der Sozialen Landwirtschaft. Bei der Sozialen Landwirtschaft werden soziale, therapeutische und pädagogische Dienstleistungen mit landwirtschaftlichen Lebenswelten verknüpft. In den Angeboten der Sozialen Landwirtschaft können die Sozialarbeiter*innen ihren Klient*innen ökologische Kompetenzen vermitteln. Zudem haben die Dienstleistungen der Sozialen Landwirtschaft auch andere positive, pädagogische Effekte, wie zum Beispiel die Selbstbewusstseins- und Anerkennungsförderung. Zur Vermittlung von ökologischen Schlüsselqualifikationen können im Studium auch Praktika und ehrenamtliche Tätigkeiten, die als ECTS-Punkte angerechnet werden, im Bereich der Ökologischen Sozialen Arbeit genutzt werden.

Svea Ruhr und Katharina Woschick; BTU Cottbus

Workshop von Svea Ruhr, Katharina Woschick
„Schlüsselqualifikationen im Studium Soziale Arbeit“
02.07.2022   10.15 – 11.30 Uhr

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Abstract 12: Wilfried Hosemann
"Was macht eine Forderung zu einer ökologischen Forderung?"

„Ökologie“ wird zunehmend in ihrer Bedeutung anerkannt. Nur, kann sie kommunizieren oder politisch aktiv werden? In den Arenen der sozialen, politischen und gesellschaftlichen Auseinandersetzungen werden Ziele, Forderungen und Argumente mit dem Adjektiv ökologisch versehen, um ihnen mehr Aufmerksamkeit und höhere Erfolgsaussichten zu verschaffen. Verschiedene Handlungen und Vorstellungen werden mit dem Hinweis auf Ökologie kritisiert, teilweise werden Beschränkungen gefordert und umgesetzt oder umgekehrt, es werden mit dem Bezug auf Ökologie erhebliche Ressourcen gefordert.

Da liegt die Frage nahe: was ist eine ökologische Forderung? Und im Anschluss daran stellen sich folgende Fragen:

Worauf bezieht sich der Begriff Ökologie?

Ist jede ökologisch relevante Handlung eine ökologische Handlung?

Wie passt ökologisches Denken zu unserem Verständnis von Natur?

Im Workshop wird diesen Fragen nachgegangen und diskutiert, welches Verständnis von Ökologie welche Rückwirkungen auf Soziale Arbeit haben könnte.

Prof. (i.R.) Dr. Wilfried Hosemann, wilfried.hosemann(at)uni-bamberg.de

Vortrag von Wilfried Hosemann
„Was macht eine Forderung zu einer ökologischen Forderung?“
02.07.2022   9.15 – 10.00 Uhr

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Abstract 13: Sebastian Sierra Barra
"Ökologie und Soziale Arbeit
Eine koevolutionäre Verortung"

Die Soziale Arbeit ist Teil einer spezifischen Form menschlicher Selbstorganisation, die wir historisch in der Regel mit der Entstehung industrieller und nationalstaatlicher Lebensweisen in Verbindung bringen. Gesellschaft stellt gewissermaßen das „natürliche“ Habitat der Sozialen Arbeit dar, an dem auch eine Internationalisierung der Sozialen Arbeit nichts ändert. Vor dem Hintegrund der in den letzten Jahrzehntehn entstandenen interaktiven globalen Infrastrukturen großer Plattformmonopole, ist dieses Feshalten an der sogennanten Moderne hochgradig problematisch. Übersehen werden nicht nur die längst entstandenen postnationale und nachgesellschaftliche Sozialtiäten, sondern die damit verbundenen grundlegenden Veränderungen der Produktions- und Reproduktionsbedingungen menschlichen Lebens.
Die Industrialisierung veränderte - nicht zum ersten Mal in der Geschichte  der Menschheit -
die Organisation von Stoff-, Energie- und Informationsströmen und bildete damit erst die koevolutionäre Bedingung des modernen Menschenbildes, das sich als autonom und selbstbestimmtes Subjekt gegenüber seiner sozialen und natürlichen Umwelt abzugrenzen weiß. Diese als Mündigkeit bezeichnete Selbstermächtigung bleibt bis heute Zielvorgabe der Sozialen Arbeit. Inzwischen befinden wir uns - so die These des Vortrags - aber längst in einem biotechnologischen Systemwechsel wieder, der die Stoff-, Energie- und Informationsströme nach anderen Regeln organisiert und grundelegende Fragen nach kovevolutionären Bedingungen menschlichen Lebens aufwirft. Anstatt „Ökologie“ als neue oder alte Anforderunge an die Soziale Arbeit zu diskutieren, geht es mir um einen Blick auf koevolutionäre Zustände und die damit verbundene Frage, wie Soziale Arbeit unter den neuen Produkitons- und Reproduktionsbedingungen verortet werden muss.

Vortrag von Sebastian Sierra Barra
„Ökologie und Soziale Arbeit – Eine koevolutionäre Verortung“
01.07.2022   13.15 – 14.00 Uhr

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Abstract 14: Alexandra Retkowski
„Regionalisierte Ökologie und Soziale Arbeit“

Der Vortrag legt die Bedeutung der beiden gesellschaftlichen Megachallenges Dekarbonisierung und Dezentralisierung für die Region der Lausitz dar und diskutiert, welche Bedeutung der Sozialen Arbeit in diesem Transformationsprozess zukommt und zukommen könnte. Dies wird auf personaler, organisationaler und struktureller Ebene in den Blick genommen. Perspektivisch geht es dabei darum, den normativen Bezugspunkt der Ökologisierung gesellschaftlicher Verhältnisse anschlussfähig zu machen für Orientierungsbegriffe der Sozialen Arbeit wie den der Partizpation und Emanzipation.

Workshop von Alexandra Retkowski
"Regionalisierte Ökologie und Soziale Arbeit"
01.07.2022   14.15 – 15.30 Uhr

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