Projekte

Visuelle Argumente als wissenschaftliche Währung

Visuelle Argumente als wissenschaftliche Währung Visual Arguments as Scientific Currency

Im Forschungsprojekt sollen die Bedingungen der Einführung und Etablierung visueller Argumente in der Ökologie untersucht werden. Zur wissenschaftlichen Disziplinierungsgeschichte der Ökologie gehört, dass Landschaftsbilder in den 1920er und 30er Jahren als Kunstgenre oder als Gebrauchsbilder von „Knipsern“ galten und sich erst nach und nach zum epistemischen Bild entwickelten. Dies galt auch für andere Forschungsbereiche als nur die bereits etablierte Landschaftsfotografie, in denen fotografische Techniken versuchsweise eingesetzt wurden, wie etwa die Unterwasserfotografie, die Luftfotografie, die Mikrofotografie und auch die Mikrofilmtechnik. Der Biologe Einar Naumann war ein Pionier der Mikrofotografie, entlang seiner wissenschaftlichen Arbeiten kann nachvollzogen werden, wie das Mikrofoto als epistemisches Bild in einem experimentellen Kontext der aquatischen Ökologie entstand.

Wissenschaftliche Bilder sind nicht nur Repräsentationen, die am Ende eines Experiments (Physik, Chemie) oder einer Beobachtung (Astronomie, Botanik) stehen. Stattdessen sind sie im gesamten Prozess der wissenschaftlichen Wissensproduktion von Bedeutung, das gilt sowohl für traditionelle Wissenschaften, etwa die Astronomie, wie neuere oder sogenannte „emerging technologies“. Die bildgebenden Verfahren solcher Technowissenschaften wurden in den letzten Jahren intensiver untersucht und es wurde herausgearbeitet, dass Visualisierungstechniken im Forschungsprozess von Beginn an eingesetzt werden, etwa um Muster zu identifizieren oder um die Komplexität von Daten zu reduzieren. 

Bilder können zu visuellen Argumenten im wissenschaftlichen wie im öffentlichen Diskurs werden. Ikonisches Beispiel für ersteres ist etwa das auf der Nanoskala eingeschriebene IBM-Logo, mit dem eine Handlungsfähigkeit demonstriert im „room at the bottom“ wurde. Ein gutes Beispiel für ein visuelles Argument im öffentlichen Diskurs sind die Bilder vom Waldsterben im Deutschland der 1980er Jahre, das es etwa in Frankreich so nie gab (obwohl es auch dort entnadelte Wälder gab). Indem Bilder mit Narrativen verbunden werden, bekommen sie eine normative Bedeutung und eine kulturspezifische Form. Dabei rekurrieren sowohl Bilder wie Narrative auf bestimmte Stilelemente und Tropen, die in die Interpretation, den Nachweis eines wissenschaftlichen Phänomens, eingehen.

Aufgrund der Vollständigkeit des Nachlasses zu Einar Naumann können dabei nicht nur, wie verbreitet in dieser Forschung, lediglich Veröffentlichungen berücksichtigt werden, sondern es kann die historische wissenschaftliche Praxis analysiert werden aufgrund der vorliegenden Artefakte. Möglich wird dadurch die Rekonstruktion einer lückenlosen „Einschreibungskette“ des visuellen Arguments vom Präparat über mikroskopische Glasplattenfotos über die Laborbücher, das handgeschriebene Manuskript und die Papierschneidetechniken bis zur fertigen Publikation in einer führenden Forschungszeitschrift und schliesslich in einem Methodenstandardwerk.

Es ist zu erwarten, dass aus dieser mikrohistorischen Analyse eines wissenschaftlich-technischen Experimentiersystems jenseits einer normalwissenschaftlichen Forschung neue Ergebnisse für die Theorie und Praxis der wissenschaftlichen Fotografie generiert werden. Auch zu erwarten sind neue Einblicke in die frühe experimentell orientierte ökologischen Forschung und ihre gesellschaftliche Relevanz, die bisher wenig beachtet wurde. Dies is besonders interessant vor dem Hintergrund der zunehmenden Verbreitung und Intensivierung experimenteller Modi außerhalb des Labors im 20. Jahrhundert bis heute, der Globalisierung sozio-technischer Systeme und ihrer visuellen Signaturen.

Gefördert durch die BTU Cottbus-Senftenberg zur Projekt-Antragstellung.

Bildkulturen ökologischer Forschung

Bildkulturen ökologischer Forschung Visual Cultures of Ecological Research

Wir interessieren uns in diesem Projekt für Visualisierungsstrategien ökologischer Forschung und für die Veränderungen von Bildern beim Transfer von Wissenschaft in Gesellschaft – und zurück. Abhängig vom historischen, kulturellen oder methodischen Kontext werden je andere visuelle Bilder von Natur generiert und verteidigt. Diese Bilder repräsentieren jeweils verschiedene metaphysische Vorstellungen und epistemische Modelle, sie unterscheiden sich in Bildtechnik, -strategie und -inszenierung. Ökologische Forschung kann, so meinen wir, als ein Kartierungsprogramm von Naturvorstellungen unterschiedlicher wissenschaftlicher, nationaler, philosophischer und geographischer Kulturen gelesen werden. Ob ein Naturstück als schützenswert gilt, als eine kapitalisierbare Ressource, als unzuverlässig und gefährlich oder kontemplativ erfahrbar, ist wesentlich vom kulturellen Umfeld abhängig und damit, in unserer Wissensgesellschaft, von visuellen und begrifflichen Repräsentationen der Wissenschaft.

In der bisher wenig beachteten disziplinären Paarung von Wissenschaftsforschung und Medienwissenschaft sehen wir einen wichtigen innovativen Aspekt des Projektes. Aus medienwissenschaftlicher Perspektive ist die Verwendung der Medien Fotografie und Film auf zweifache Weise von Interesse: Speziell in der Ökologie, weil Fotografie und Film entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung der Praktiken und Theorien hatten. In der Geschichte der Medien, weil hier im Kontext bestimmter Forschungspraktiken neuartige mediale Techniken entwickelt wurden. Auch bei der Popularisierung des ökologischen Wissens, vor allem seiner massenmedialen Verbreitung, spielen Bildtransfers eine zentrale Rolle. In diesem Projekt wollen wir der Genese und technischen Herstellung nachspüren, sowie dem erkenntnistheoretischen Status von Bildern – dies ist der direkte Anschluss an wissenschaftsphilosophische Fragen.

Ziel des Projektes ist also, die Bildkulturen ökologischer Forschung zu kartieren, womit ganz buchstäblich die Verbindung von geographischen Daten mit Bildern gemeint ist. Bilder können sein Zeichnungen oder Diagramme, vor allem aber Fotografien von Forschungsobjekten, Standorten, Personen oder Institutionen. Der entstehende Prototyp eines web-basierten Informationssystems soll als heuristisches Werkzeug genutzt werden, um Fragen aus der Perspektive von Wissenschaftsforschung und Medienwissenschaft zu entwickeln und miteinander zu konfrontieren.

Das gesammelte Datenmaterial wird digitalisiert und über eine Datenbank systematisch erschlossen. In enger Kooperation aller Projektpartner werden hochwertige Recherche- und Darstellungsmöglichkeiten entwickelt, welche die Grundlage für weitere Forschungsaktivitäten bilden. Dabei kommen innovative Web-Techniken und Kartentechnologien zum Einsatz.

Das Projekt wurde wissenschaftlich betreut von Astrid Schwarz (TU Darmstadt) und Angela Krewani (Universität Marburg). Die Erstellung von Website und Datenbank wurde von Jutta Weisel, Stefan Aumann und Johanna Bolkart übernommen. 
Gefördert wurde das Projekt vom Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst, Landesinitiative hessen-media, Kapitel 07 05 – Förderprodukt 24, 2008/09.

Objekt-Geschichten: kulturwissenschaftliche und ästhetische Feldforschung

Objekt-Geschichten: kulturwissenschaftliche und ästhetische Feldforschung

Technische Objekte geben Auskunft über ihren kulturellen Kontext, ihre Genese ist ebenso kulturspezifisch wie ihr Gebrauch. Das gilt für Konsumgüter (z. B. Smartphone) und für technische Strukturen (z. B. Bergbahnen) oder Signaturen (z. B. „Ampelmännchen“) gleichermaßen. In diesem Projekt soll die Kulturgeschichte von Schiffspollern am Rhein aufgearbeitet werden. Es geht um die Untersuchung der Diversifizierung ihrer Formen und Gebrauchsweisen, um Verweise auf nationale Fertigungsweisen und Produktionsbedingungen, um die Vernetzung lokaler und globaler Handels- und Marktstrukturen, um den Hafen als gebaute Umwelt und als urbaner sozialer Raum. Poller können zu „Annoncier-Säulen“ werden, die Signaturen sind privater Natur oder haben Manifest-Charakter, Poller werden in spielerischer Absicht oder als Botschafter genutzt. Poller strukturieren einen Raum, sie geben visuelle und topische Muster vor. Mit Pollern versehen, bietet ein Ort andere Ansichten und Anschauungen, andere Gebote und Angebote der Orientierung und Bewegung. Poller möblieren einen Ort, ihre Lokalisierung drängt sich auf, ist wegweisend.

Mit diesen Objekt-Geschichten einher geht die Erkundung einer Heuristik ästhetischer Feldforschung. Diese Methode soll weiterentwickelt und erprobt werden und mit den Ergebnissen der kulturhistorischen Forschung konfrontiert werden.

Das Projekt ist in Vorbereitung.

GOTO – Genesis and Ontology of Technoscientific Objects

GOTO – Genesis and Ontology of Technoscientific Objects

Research and Edition Project Handbook of Ecological Concepts (HOEK)

Research and Edition Project Handbook of Ecological Concepts (HOEK)

Gegenstand dieses Projektes ist ökologisches Wissen und die damit verbundenen historischen und philosophischen Fragen. Es wurde von Astrid Schwarz (TU Darmstadt) und Kurt Jax (UFZ Leipzig) initiiert und in einer Reihe von Workshops in Paris 2002, Leipzig 2004 und Darmstadt 2006 im Sinne eines Netzwerks und Editionsprojektes entwickelt. Der Enthusiasmus vieler KollegInnen machte es möglich, dass nach etwa 10-jähriger Kollaboration in wechselnden Konstellationen ein internationales und interdisziplinäres Nachschlagewerk und Wissenschaftsnetzwerk entstanden ist.

Im Zentrum des Projektes stand die Frage danach, wie und in welchen Kontexten ökologische Konzepte begegnen, ihre Kontinuitäten, Brüche und semantischen Verschiebungen nachzuvollziehen. Ausdrückliches Ziel war es, die Prozesse konzeptueller Transformationen und die Strategien robuster Konzepte im zeitgenössischen und historischen ökologischen Wissen zu analysieren. In „Ecology Revisited“ werden folglich ökologische Begriffe nicht vor dem Hintergrund einer Richtig-Falsch-Bewertung diskutiert, stattdessen wird im Sinne einer begriffshistorischen Methode gefragt, wie, wann und warum sie eingeführt und gebraucht wurden. Es wird eine systematisch orientierte Geschichte des Begriffs „Ökologie“ angeboten, umgekehrt wird gefragt, wie Begriff und Phänomen „Ökologie“ zu historischen und philosophischen Debatten im 20. und 21. Jahrhundert beigetragen haben.

„Ecology Revisited“ rekonstruiert auch die Geschichte einer zunehmend an Bedeutung gewinnenden Forschung zur Beziehung von Mensch und Umwelt. Die Texte verschaffen den Lesern einen Überblick der theoretischen, institutionellen und historischen Entstehung von ökologischem Wissen. Epistemologische und geschichtsphilosophische Konstellationen werden untersucht, etwa wie sich Ökologie in der klassischen Holismus-Reduktionismus-Debatte verorten lässt, oder wie Organizismus und Emergentismus in ökologischen Theorien aufgegriffen wurden. Ein weiterer Fokus liegt auf der Untersuchung der Wissensordnungen in der Ökologie als Naturwissenschaft: Was ist die innere Dynamik dieses Wissens und was macht seine Komplexität aus? Was unterscheidet die Ökologie und was teilt sie mit anderen Wissenschaften? Auch Ökologie als gesellschaftliche Bewegung kommt zur Sprache, und auch die Frage, welche Art von Zukunftswissen von der Ökologie erwartet werden darf.

Von Anfang an wurde das Projekt als Beitrag zur ökologischen Forschung betrachtet. In diesem Sinne ist das Projekt ein gutes Beispiel für eine „philosophy of science in practice“, also einer Philosophie, die sich für die genuinen Problem ihres Forschungsgegenstands interessiert und auch zur Problemlösung beitragen will. Gleichzeitig wurde beim HOEK die historische Dimension zu keiner Zeit aus den Augen verloren. Angeboten werden Reflexionen zur Begriffsgeschichte der Ökologie und was sie von anderen begriffsgeschichtlichen Unternehmen unterscheidet. Solche Ansätze wurden während der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in diversen enzyklopädischen Projekten in den Bereichen Geschichte, Politik, Musikwissenschaften und Philosophie entwickelt. Anstatt einfache Definitionen und Erklärungen zu liefern, wird hier versucht die Dynamiken der Begriffsbildung und konzeptuelle Transformationen nachzuvollziehen. Im Handbuch ökologischer Forschung wurde diese Methode aufgegriffen und für einen Forschungsgegenstand weiterentwickelt, der sich durch disziplinäre Hybridität auszeichnet, sowohl innerhalb des naturwissenschaftlichen wie des wissenschaftlichen Kanons überhaupt.

Andererseits werden in diesem Buch Entstehungsgeschichten ökologischen Wissens erzählt, wie diese sich durch disziplinäre Ordnungen, Forschungsgegenstände, institutionelle und nationale Kontexte unterscheiden. Geschildert werden die Geschichten der Anfänge der Ökologie in Frankreich und Spanien, in Russland, den USA und Grossbritannien sowie im deutschsprachigen Raum. Ein weiterer Schwerpunkt sind die disziplinären Grenzdiskurse, etwa zur Geographie oder zur Ökonomie, zwischen angewandter und Grundlagenforschung oder zur Systemtheorie. Die Arbeit an und mit ökologischen Phänomenen war von Beginn an nicht auf den akademischen Kontext beschränkt. Ökologie ist vielmehr ein Wissensbereich, in dem eine Vielzahl von Praktiken, Konzepten und Theorien aus verschiedenen wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Bereichen etabliert sind. Dies besser zu verstehen ist ein zentrales Anliegen des Buches, einerseits um ökologisches Wissen in Wissenschaft und Gesellschaft des 21. Jahrhunderts besser verorten zu können, zum anderen aber auch, um zu den aktuellen Disputen um Verhältnis und Verhältnismäßigkeiten von Natur und Kultur beizutragen (Klimawandel, Schutz der Artenvielfalt, Verwaltung erneuerbarer Ressourcen).