Häusliche Gewalt im Lockdown

Ausgangsbeschränkungen und Social Distancing sind aktuell vieldiskutierte Begriffe. Was hinter verschlossenen Türen passiert, wenn Menschen gezwungen sind Zuhause zu bleiben, steht dabei weniger im Fokus. Über den befürchteten Anstieg Häuslicher Gewalt während des Lockdowns aufgrund der SARS-CoV-2-Pandemie unterhalten wir uns mit Prof. Dr. rer. pol. Sylvia Sacco vom Institut für Soziale Arbeit der BTU.

Welche Faktoren verstärken gerade die Zunahme von häuslicher Gewalt?

Dazu müssen wir die Faktoren betrachten, die durch die aktuellen Ausnahmesituationen der Covid19-Pandemie verursacht werden. Die getroffenen Schutzmaßnahmen zur Verringerung der Todeszahlen gehen zugleich mit Faktoren wie Isolation, Kontaktverlusten, räumliche Enge (Großstädte), Arbeitsplatzverluste, Kurzarbeit und vermehrten Homeoffice-Aktivitäten einher. Letzteres ist insbesondere für Familien mit Kindern besonders belastend und bringt, neben den schon genannten Problematiken, Erwachsene schnell an ihre Grenzen, insbesondere wenn die externen Kinderbetreuungen wegfallen. Aus Studien wissen wir, dass sich mit der Anzahl der Kinder das Risiko für Frauen erhöht, selbst Opfer von Gewalt im häuslichen Bereich zu werden. Finanzielle Probleme, Stresssituationen durch Heimarbeit, Überstunden, Mangelsituationen etc. sollten nicht unterschätzt werden. Letztlich dürfen wir auch nicht vergessen die psychische Belastung durch Ängste zu berücksichtigen, man selbst oder ein Familienmitglied könne schwer erkranken. Insgesamt kann dies in (ehemaligen) Partnerschaften und Familien zu einem gefährlichen Druck führen, der in Gewalt eskaliert.

Wer sind die Opfer?

Häusliche Gewalt wird in den Bundesländern unterschiedlich definiert. Im bundesweiten Vergleich zeigt sich jedoch, dass im Hellfeld, in den Statistiken der PKS fast ausschließlich die Gewalt zwischen (ehemaligen) Partnern registriert wird. Vom Hellfeld sprechen wir, wenn Gewaltvorfälle publik werden, also zur Anzeige kommen. Häusliche Gewalt richtet sich insbesondere gegen Frauen, hier sind mehr als 80% Frauen Opfer von physischer, psychischer und wirtschaftlicher Gewalt. Von sexualisierter Gewalt sind, fast ohne Ausnahme, Frauen betroffen. Die Täter sind Männer, von wenigen Ausnahmen abgesehen. Doch auch Männer können Opfer werden, so zeigen Studien auf. Das männliche Geschlecht ist dann vorwiegend von psychischen Gewaltformen betroffen. Häusliche Gewalt betrifft auch Kinder und dies mit gravierenden Effekten. Schon wenn Kinder anwesend sind bei Gewalthandlungen gegen die Mutter, stellen sich z. T. gravierende Schäden ein, die noch die nachfolgenden Generationen betreffen können. Eine Reihe an wissenschaftlichen Untersuchungen hat dies bereits sehr gut dokumentiert.

Warum spiegeln sich die Befürchtungen eines Anstiegs von häuslicher Gewalt nicht immer in konkreten polizeilichen Meldungen wider?

Hier ist zwischen Hellfeld und Dunkelfeld zu unterscheiden. Letzteres betrifft das tatsächliche Vorhandensein bzw. Vorkommen der Straftaten, welche allerdings aus einer Vielzahl von Gründen unerkannt bleiben. Wenn wir uns nun die derzeitigen Beschränkungen des Lebens anschauen, ist es für Frauen schwieriger geworden begründet die Wohnung für längere Zeit zu verlassen, andere Menschen auf die eigene schwierige Situation aufmerksam zu machen bzw. heimlich zu telefonieren, um sich Hilfe zu holen. Inwieweit Nachbarn angesichts der Ausnahmesituation eher bereit sind wegzusehen, wenn Sie Zeugen von Geschehnissen werden, bleibt spekulativ. Wenn es derzeit in einigen Bundesländern zu keinem signifikanten Anstieg der Anzeigen kommt, wird damit also nicht unbedingt die tatsächliche Situation dokumentiert.

Inwieweit wird dieses Thema in den aktuellen politischen und gesundheitlichen Debatten bereits beachtet? Wie beurteilen Sie die mediale Aufmerksamkeit?

Die Zunahme in den Medien, Berichten und über die Aufrufe der Frauenhäuser und Beratungsstellen sowie der anderer Institutionen zeigen, neben den steigenden Zahlen an Strafanzeigen, dass die Problematik zunimmt und dieses erkannt wird. Nun kann die Suche nach Lösungen beginnen.

Wie kann man den Opfern helfen?

Zunächst sind Bund, Länder und Kommunen gefragt die Schutzmaßnahmen und Hilfen anzubieten, wie sie beim Beitritt Deutschlands im Übereinkommen des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt" (der sogenannten Istanbul-Konvention) 2018 verpflichtend zugesagt wurden.

Wie lange sind die derzeitigen Einschränkungen tragbar?

Hier gibt es keine allgemeinverbindlichen Empfehlungen. Schließlich geht es um darum, dass ein schwieriger Spagat zur Rettung von Menschenleben ansteht. Wenn aber die Verhängung von Schutzmaßnahmen für viele Frauen und Kinder vermehrt zu Leid führt und die Todesrate durch Femizide sich erhöht, müssen wir auch hier entsprechend reagieren. Hier zeigt sich nun, dass die Maßnahmen zum Schutz von Gewalt-betroffenen Frauen und Kindern bereits vor der Pandemie nicht für alle Betroffenen erreichbar und vorhanden waren.

Welche Folgen kann dies für die Betroffenen haben?

Momentan liegen noch keine verlässlichen Daten vor. Damit die Lage nicht noch weiter eskaliert sollten auf Bundesebene und auf der Ebene von Ländern und Kommunen spezialisierte Fachkräfte aus der Sozialen Arbeit beratend hinzugezogen werden. Dies gilt übrigens auch für andere Bereiche, die eine Unterstützung und Steuerung durch die Soziale Arbeit betreffen. Insbesondere durch den gezielten Einsatz von monetären Hilfen und ein bedarfsgesteuertes Management ließen sich nicht nur hohe Folgekosten, sondern auch viel Leid und der Verlust an Menschenleben durch Gewalt verhindern.

Wohin können sich Betroffene wenden?

Das bundesweite Hilfetelefon verspricht Beratung und Hilfe 08000/116016. Auch Beratungsstellen und Frauenhäuser können weiterhelfen.

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