"Risikogruppen mit höchster Aufmerksamkeit schützen"

Von Epidemiologen wie Professor Dr. Jacob Spallek werden derzeit Antworten auf Fragen erwartet, die eigentlich nur in der Retrospektive nach der wissenschaftlichen Aufarbeitung zu beantworten sind. Dennoch hat er sich bereit erklärt, die aktuelle Situation für uns einzuordnen.

Grippe-Vergleich: In Medien und sozialen Netzwerken wird die aktuelle Corona-Pandemie wiederkehrend mit dem saisonalen Auftreten von Influenza/Grippe verglichen. Wie stehen Sie dazu?

SARS-CoV-2 ist aus verschiedenen Gründen nicht mit der Grippe vergleichbar: Zum einen ist es hoch ansteckend wie die Grippe, es besteht aber im Gegensatz zur Grippe (wahrscheinlich) noch keine Immunität in der Bevölkerung. Zum anderen haben wir bislang keinen Impfstoff, sodass sich das Virus sehr schnell ausbreitet – wir haben am Anfang, als noch keine Maßnahmen ergriffen wurden, einen exponentiellen Anstieg bei den Infektionszahlen in vielen Ländern wie auch in Deutschland gesehen. Hinzu kommt, dass SARS-CoV-2 schwere Erkrankungen verursachen kann, so dass bei einer exponentiellen Verbreitung schwere Verläufe und Todesfälle auftreten, insbesondere in Risikogruppen.

Momentan sind die einzigen zur Verfügung stehende Maßnahmen, die wir bis zum Vorliegen von sogenannten pharmazeutischen Interventionsmöglichkeiten (pharmaceutical interventions, wie z.B. Impfstoffe oder Medikamente) ergreifen können, sogenannte Nicht-pharmazeutische Interventionen (non-pharmaceutical interventions, wie z.B. Kontakteinschränkungen, Hygiene- und Abstandsregeln und andere Public Health-Maßnahmen). Über Art und Dauer dieser Maßnahmen muss die Regierung entscheiden. Das gestaltet sich beim Auftreten eines neuen Virus schwierig, da logischerweise Vieles über das Virus noch unbekannt ist.

Der Unterschied zur Grippe hat also zwei Aspekte: Erstens die noch fehlende Immunität in der Bevölkerung und zweitens die noch fehlenden pharmaceutical interventions.

Zweite Welle: Wenn die Einschränkungen aufgehoben sind und sich der vorherige Alltag weitestgehend wieder einstellt, verbreitet sich das Virus dann nicht (wieder) rasant schnell?

Das kann passieren, hängt aber von vielen Faktoren ab. Dazu gehört, wie Maßnahmen wie Hygiene- und Abstandsregeln wirken und von jedem Einzelnen eingehalten werden. Zudem können auch andere kontextuelle oder saisonale Faktoren (wie Temperaturen oder Ferien) einen Einfluss haben.

Wichtig wird sein, das Infektionsgeschehen weiter genau zu beobachten: Bei erneut ansteigenden Fallzahlen müssen wir schnell reagieren. Das bedeutet so viel wie möglich testen und Infektionsketten erkennen und unterbrechen. Bei weiter fallenden Zahlen können weitere Lockerungen möglich werden, um den gesellschaftlichen Schaden durch die Einschränkungen zu verringern. Insbesondere die Belastungen für Kinder und Familien durch geschlossene Kitas und Schulen sollten beachtet werden, auch wenn diese keine so starken Lobbygruppen haben wie manche Firmen oder die Bundesliga.

In den nächsten Monaten wird es auf jeden Fall weiterhin sehr wichtig sein, die Risikogruppen mit höchster Aufmerksamkeit zu schützen.

Exit-Strategie: Was halten Sie von der Variante, die Einschränkungen für den Großteil der Bevölkerung wieder aufzuheben und “nur” für die Risikogruppen (ältere Menschen und Menschen mit Vorerkrankungen) bestehen zu lassen?

Risikogruppen müssen mit größter Sorgfalt geschützt werden. Bei einer ungehemmten exponentiellen Verbreitung in der Bevölkerung wäre dies nicht möglich, da wir ja nicht viele Millionen Menschen in Deutschland – denn so viele gehören zu Risikogruppen – komplett von dem Rest der Bevölkerung abschotten können. Bei einer einigermaßen gelungenen Eindämmung des Virus können aber weitere Lockerungen für die Allgemeinbevölkerung bei weiterhin starkem Schutz der Risikogruppen möglich werden.

Zudem wissen wir auch noch nicht endgültig, wie gefährlich oder harmlos das Virus insgesamt ist – also ob nicht doch auch schwere Verläufe oder Langzeitschäden bei Menschen ohne Vorerkrankungen auftreten. Es liegt in der Natur einer Pandemie mit einem neuen Virus, dass man am Anfang viele Unsicherheiten hat und manche Entscheidungen schnell auf der Basis unsicherer Evidenz fällen muss. Mit jedem Tag lernen wir das Virus besser kennen und können die Maßnahmen besser anpassen.

In einer Umfrage zur Gesundheitsversorgung im ländlichen Raum im letzten Jahr zogen Sie ein recht positives Fazit. Sehen Sie das Gesundheitswesen in der Region auch für die aktuellen Herausforderungen gut aufgestellt?

Die Gesundheitsversorgung in Südbrandenburg hat auf die Pandemie sehr gut reagiert. Die Kommunen und die Kliniken haben sehr schnell Maßnahmen für das Management der Pandemie ergriffen, Infektionsketten wurden erfolgreich nachverfolgt und gestoppt und die Anzahl an Intensivbetten gesteigert. Bisher sind die Fallzahlen in Südbrandenburg gering und es ist auch nicht zu größeren Ausbrüchen in Einrichtungen gekommen, wie z.B. in Potsdam.

Südbrandenburg kommt aus epidemiologischer Sicht bisher gut durch die Krise. Das liegt einerseits an den rechtzeitig ergriffenen Maßnahmen und den funktionierenden Strukturen, aber auch an dem vernünftigen Verhalten der gesamten Bevölkerung. Auch kontextuelle Faktoren wie die geringere Bevölkerungsdichte haben einen Einfluss, hier haben ländliche Strukturen einen klaren Vorteil gegenüber Großstädten. Es zeigt sich zudem, dass das deutsche Gesundheitssystem mit seiner Vielzahl an Einrichtungen, z.B. regionalen kommunalen Krankenhäusern, nach wie vor breiter aufgestellt ist, als in vielen anderen europäischen Ländern. So hat nicht nur das Carl Thiem-Klinikum in Cottbus als größtes Krankenhaus der Region auf die Pandemie reagiert und die Anzahl der Intensivbetten deutlich gesteigert, auch andere Kliniken in der Region, wie beispielsweise das Klinikum Niederlausitz in Senftenberg, haben die Anzahl an Intensivbetten innerhalb weniger Wochen verdoppelt – die glücklicherweise bisher nicht benötigt wurden.

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