Prof. Dr.-Ing. John Grunewald (Bauingenieurwesen)

"Was kann man sich Besseres wünschen, als unter guten Bedingungen zu studieren, dabei solche aufregenden Zeiten mitzuerleben und am Ende des Studiums alle Möglichkeiten eröffnet zu bekommen."

Prof. Dr.-Ing. John Grunewald studierte Bauingenieurwesen an der Vorgängerinstitution der BTU Cottbus-Senftenberg. Er hat von 1986 bis 1987 zuerst sein Fachabitur an der Hochschule für Bauwesen in Cottbus gemacht und anschließend bis 1991 Bauingenieurwesen mit Vertiefung Bauinformatik in Cottbus studiert. Seitdem hat er in deutschen wie internationalen Institutionen gearbeitet und ist aktuell Leiter des Instituts für Bauklimatik und Professor für Bauphysik an der TU Dresden. Zum 30 Jährigen Jubiläum seines Studienabschlusses besuchte er zusammen mit den Alumni seines Jahrgangs den Zentralcampus in Cottbus, wo sich vieles in den letzten 30 Jahren verändert und weiterentwickelt hat. Wir nutzten die Gelegenheit für ein sehr interessantes Gespräch.

Hallo Herr Grunewald, was hätten Sie damals als Studienanfänger gesagt, wenn ich Ihnen erzählt hätte, dass Sie eine Professur bekommen werden?
Nein, das hätte ich wohl nicht geglaubt. Soweit in die Zukunft habe ich damals überhaupt nicht gedacht. Schon die Aussicht auf einen erfolgreichen Abschluss des Studiums ist ja für einen Studienanfänger ein ganz annehmbares Szenario. Eigentlich hatte ich anfangs auch eine Zeit lang mit dem Gedanken gespielt, Physik in Leipzig zu studieren. Ich kann mich aber erinnern, dass ich mit zunehmender Studiendauer in Cottbus immer sicherer wurde, dort mein Thema gefunden zu haben. Da ich schon eine Berufsausbildung als Baufacharbeiter hatte, war das Studium des Bauingenieurwesens naheliegend und mit dem Hang zur Physik ist schließlich Bauphysik daraus geworden.

Sie hatten die Vertiefung Bauinformatik in Cottbus gewählt, wie kann man sich die Informatiklehre von damals vorstellen? Sie haben auch schon erzählt, dass Sie nur Nachts an den Computer ran konnten, wie war das?
Sehr gute Frage. Manchmal denke ich, dass es ein besonderes Privileg war, sich in dieser absoluten Gründerzeit mit Informatik befassen zu dürfen. Wir haben die Entwicklung der Personalcomputer einschließlich der Betriebssysteme und Programmiersprachen hautnah miterlebt. Auf den DDR-Rechnern lief damals eine abgewandelte Kopie des Microsoft-Betriebssystems MS-DOS. Die Lehre in der Bauinformatik war eher ein Pflichtprogramm. Immerhin standen mit Basic und Fortran zwei Programmiersprachen auf dem Lehrplan. Wer etwas auf sich hielt, lernte aber Turbo Pascal oder C im Selbststudium. Die entsprechenden Bücher waren schnell vergriffen und wurden häufig untereinander verliehen oder ausgetauscht. An einen eigenen PC war als Student nicht zu denken. Um 1988 wurde aber ein erstes öffentliches Computer-Kabinett an der Hochschule eingerichtet. Außerdem besaß die Fakultät MatNat ein eigenes kleines nichtöffentliches Kabinett. Beide Kabinette waren tagsüber dem wissenschaftlichen Personal vorbehalten. Wir mussten uns anfangs in eine Liste eintragen, um für nachts Plätze zu reservieren. Einem Kommilitonen und mir wurde dann aufgrund unseres besonderen Engagements als SHK im Fachgebiet Bauphysik auch tagsüber der Zugang zum MatNat-Kabinett gestattet. Ein besonderes Highlight war die Nutzung einer Unix-Workstation, die unter Umgehung der CoCom-Liste, also dem Exportverbot von HighTech-Gütern in den Ostblock, über den Umweg Taiwan ihren Weg in die DDR gefunden hatte. Zum Betriebssystem gehörte auch ein C-Compiler, also die Entscheidung die Programmiersprache C im Selbststudium zu lernen war goldrichtig.

Sie haben mit der deutschen Wiedervereinigung politisch aufregende Zeiten während Ihres Studiums in Cottbus mitgemacht, wie hat Sie das geprägt und wie hat es sich speziell mit dem Hintergrund angefühlt als sie später in Amerika eine außerordentliche Professur in New York antraten?
Eine kleine Anekdote vorweg: ich habe zufällig den Ursprung der politischen Wende, die erste Demo in Leipzig am Vorabend des 7.Oktober 1989 hautnah miterlebt. Ich war auf der Durchreise von Cottbus nach Thüringen mit 4 Stunden Aufenthalt in Leipzig, denn die DDR-Reichsbahn legte offenbar noch keinen großen Wert auf passgenaue Anschlüsse. Also hatte ich ausreichend Zeit, vom Hauptbahnhof aus die Innenstadt zu erkunden und kam dabei auch an der Nikolaikirche vorbei. Auffällig war die ungewöhnlich starke Präsenz bewaffneter Kräfte in der Innenstadt. Plötzlich tauchte ein mittelalterlich gekleideter Spielmannszug, bestehend aus drei Personen, auf.  Dem schlossen sich sehr schnell weitere Menschen an, so dass der Zug binnen 10 min auf etwa 50 Personen anwuchs. Das provozierte die Ordnungskräfte derart, dass man es für angemessen hielt einzuschreiten. Ich bin der Überzeugung, dass dies der entscheidende Fehler war, der den Stein ins Rollen brachte. Binnen Minuten solidarisierten sich fast alle auf dem Platz Anwesenden mit dem Spielmannszug und die Ordnungskräfte hatten zunehmen Mühe, die Lage zu kontrollieren. Durch die Festnahme einzelner Personen motiviert, entwickelte sich ein „Katz und Maus“-Spiel, indem man skandierte „Wir bleiben hier, wir bleiben hier!“, während man den Text beim Herannahen der Ordnungskräfte kurzerhand in „Wir trinken Bier, wir trinken Bier!“ änderte. Schließlich fuhren die bewaffneten Kräfte Armee-LKW auf, griffen sich eine größere Anzahl Leute aus der Menge heraus (besonders die langhaarigen Jugendlichen in Jeansklamotten), warfen sie auf die Ladeflächen und transportierten sie dann ab. Diese Ereignisse haben mich besonders geprägt. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich eine nicht „von oben“ organisierte Demo in der DDR erlebt hatte. Ich hatte das Gefühl, Zeuge von etwas Historischem geworden zu sein, was sich auch sehr schnell bewahrheiten sollte. Das zunehmende Aufflammen von Demos in verschiedenen Städten der DDR, die Flüchtlinge über Ungarn und in der Prager Botschaft und schließlich der Fall der Mauer: alles unvorstellbar zu diesem Zeitpunkt.

Ich bin in den USA oft gefragt worden, wie ich die Wende aus ostdeutscher Sicht sehe. Diese Begebenheit verdeutlicht den Willen zur Veränderung, der damals direkt aus der Bevölkerung kam. Es gab eine Aufbruchsstimmung, wie sie sich nur unter ganz besonderen Konstellationen entwickelt. Mein Jahrgang gehört wohl überwiegend zu den Gewinnern der Wende. Was kann man sich Besseres wünschen, als unter guten Bedingungen zu studieren, dabei solche aufregenden Zeiten mitzuerleben und am Ende des Studiums alle Möglichkeiten eröffnet zu bekommen.

Bitte erzählen Sie uns wie Sie zur wissenschaftlichen Karriere kamen und wie die Kontakte und Tätigkeiten an der Hochschule in Cottbus Sie damals dabei unterstützt haben?
Eindeutig liegt der Ursprung bereits in der Zeit des Studiums an der Hochschule für Bauwesen Cottbus, wie die BTU noch vor der Wende hieß. Das DDR-Bildungssystem, welches sehr gut organisiert war, bot damals die Möglichkeit, nach einem sogenannten Sonderstudienplan zu studieren. Besonderes Engagement in bestimmten Fächern konnte mit dem „Abwählen“ anderer Fächer kombiniert werden. Dadurch wurde eine Spezialisierung im Studium gefördert, ohne ein modulares System einzuführen, wie es heute durch den Bologna-Prozess vorgegeben wird. Mein besonderes naturwissenschaftliches Interesse für Physik, Mathematik und Informatik und die Mitarbeit als SHK im Fachbereich Bauphysik ließen mich zu der Überzeugung gelangen, dass dies „meine Richtung“ sei und das „Abwählen“ weniger interessanter Fächer bestärkte mich darin. Ironischerweise musste ich diese Fächer im letzten Semester nachholen, weil das bundesdeutsche Bildungssystem diese Möglichkeit nicht kannte. In meiner Studienzeit hatte ich eine bauphysikalische Simulationssoftware entwickelt, die auch zum Thema meiner Diplomarbeit wurde. Ich war mir sicher, dass ich dieses Projekt auch nach dem Studium weiter entwickeln wollte. Zu dieser Zeit besuchte uns in Cottbus ein Professor der Bundesanstalt für Materialforschung (BAM) in Westberlin, der wissenschaftlichen Nachwuchs für die BAM akquirieren wollte. Das war für mich der Start in die wissenschaftliche Karriere. Man ließ mir an der BAM die Freiheit, mich weiter der Entwicklung der bauphysikalischen Simulationssoftware zu widmen, da der gekoppelte Feuchte- und Wärmetransport in Baustoffen ein Teilgebiet der Materialforschung im Bauwesen ist. Die Verbindung zu Cottbus blieb bestehen. Erstens wohnte ich noch in Cottbus und zweitens traf sich das Kernteam Bauphysik jeden Samstag an der Hochschule, um die neuesten Entwicklungen der Woche zu besprechen. Während meiner Tätigkeit in Berlin wurde mein ehemaliger Bauphysikdozent aus Cottbus, Prof. Häupl, auf den Lehrstuhl Bauphysik an die TU Dresden berufen. Da lag es für mich nahe, 1994 auch nach Dresden zu wechseln und dort eine Promotion anzustreben, welche sich aus dem Diplomthema und meiner Arbeit an der BAM heraus entwickelte. Die Doktorarbeit konnte ich 1997 erfolgreich abschließen. Dadurch war die Grundlage zur Mitarbeit in internationalen Forschungsprojekten gelegt, zunächst im 4. Rahmenprogramm der EU mit Partnern aus Finnland (Universität Helsinki) und Belgien (KU Leuven). Besonders wichtig und unverzichtbar für den Fortgang meiner wissenschaftlichen Karriere war die Akquise eigener Forschungsprojekte. Im Jahr 2000 konnte ich im 5. Rahmenprogramm der EU ein Projekt zur Entwicklung von speziellen Innendämmsystemen für den Gebäudebestand mit erhaltenswerten Fassaden starten. In 2001 folgte die Mitarbeit im DFG-Schwerpunktprogramm zur Simulation des zeitlichen Verhaltens von Schädigungsprozessen in Baustoffen. Diese Projekte waren Meilensteine in meiner persönlichen Entwicklung. Zum ersten Mal im Leben hatte ich als Projektkoordinator die gesamte Verantwortung für ein internationales wissenschaftliches Projekt. Im Ergebnis des EU-Projektes stand die Entwicklung des ersten Innendämmsystems in Deutschland, welches zur Etablierung eines Innendämmmarktes führte, in dem heute eine ganze Produktpalette vertreten ist, die auf den damals entwickelten physikalischen Grundkonzepten basiert.

Wie sieht heutzutage ihr Arbeitsalltag als Institutsdirektor und Professor aus?
Man muss die Aufgaben annehmen, die das Leben in jeder Phase stellt. Als Institutsdirektor und Professor forscht man kaum noch selbst, sondern man betreut Doktoranden, hilft beim Verfassen von Projektanträgen, führt viele individuelle Gespräche und hat jede Menge E-Mails zu verarbeiten. Um die gesetzten wissenschaftlichen Themen ernsthaft bearbeiten zu können, muss man ein interdisziplinäres Team aufbauen und zusammenhalten können. Der Alltag bringt auch viel Bürokratie mit sich. Als schwierig gestaltet sich die kontinuierliche Finanzierung des Personals, weil uns durch das derzeitige Wissenschaftszeitvertragsgesetz viele Hürden in den Weg gestellt werden. Trotzdem ist mein Alltag, geprägt durch die Arbeit mit Menschen aus sehr unterschiedlichen Bereichen und Kulturen, sehr interessant und abwechslungsreich. Wir hatten schon Humboldt-Stipendiaten aus Peru und Usbekistan am Institut, es gab ein Projekt mit ägyptischen Partnern, eine PhD-Sommerschule in Brasilien, eine jahrelange Kooperation mit dem National Institute of Cultural Properties in Tokyo und vieles mehr. Ein besonderes Highlight war die Arbeit an der Hagia Sophia in Instanbul. Das Institut verfügt heute mit ca. 25 MitarbeiterInnen über eine eigene Softwareabteilung, welche die während meines Studiums begonnene Entwicklung auf professionellem Niveau weiterführt. Außerdem haben wir ein in das Baulaborzentrum der TU Dresden integriertes bauphysikalisches Forschungs- und Entwicklungslabor und eine Ingenieursabteilung, die Forschungsdienstleistungen und Aufträge aus der Praxis übernimmt. Die am Institut entwickelte Software wird dadurch kontinuierlich dem Praxistest unterzogen und der Verbesserungsbedarf an die Softwareentwickler rückgespiegelt. Der Tätigkeitsbereich des Instituts erstreckt sich also von der Grundlagenforschung bis hin zur baupraktischen Anwendung. Typische Projekte umfassen beispielsweise die Entwicklung von regenerativen Wärmeversorgungskonzepten oder die Sanierung wertvoller historischer Bausubstanz.

Kontakt

Daniel Ebert
VP S 3 ALUMNI
T +49 (0) 355 69-2420
daniel.ebert(at)b-tu.de
BTU Alumnus Prof. Dr.-Ing. John Grunewald