Juliane Herzig und Romy Brendel erhalten Preis für beste Master-Arbeit
In ihrer qualitativen Studie untersuchen die Autorinnen, welche Auswirkungen positive und negative Anerkennungserfahrungen auf die berufsbiografische Entwicklung von Pflegehelfer:innen haben. Hierbei verbinden sie zwei hochaktuelle gesellschaftliche Themenstränge miteinander: Sie beleuchten vor dem Hintergrund des akuten Personalmangels in der Pflege den empirisch fundierten und politischen Lösungsvorschlag nach erweiterten Qualifizierungsmöglichkeiten für Pflegehelfer:innen und Pflegeassistent:innen und verknüpfen dies mit dem in der Pflege häufig vermerkten Problem von fehlender Anerkennung und Wertschätzung. Theoretischer Hintergrund ist dabei die anspruchsvolle Theorie der Anerkennung des Frankfurter Sozialphilosophen Axel Honneth.
Herzig und Brendel befragen langjährig tätige Pflegehelfer:innen zu ihren Erfahrungen im Berufsfeld Pflege. Dabei identifizieren sie hemmende und unterstützende Faktoren wie Anerkennung, Wertschätzung sowie Verantwortungsübernahme und stellen darüber einen Zusammenhang zum Verbleib im Berufsfeld Pflege und der Lern- und Entwicklungsbereitschaft von Pflegehelfer:innen her. Zusätzlich rekonstruieren die Autorinnen Lernhabitustypen und ergänzen die Untersuchung hinsichtlich des Verhältnisses von Anerkennung und berufsbiografischer Entwicklung der befragten Protagonist:innen.
In der Studie der Autorinnen gibt es eine besonders interessante Entdeckung. Sie rekonstruieren im Feld der Pflege(hilfe) ‚informelle Nischen‘ der Solidarität, die auf Erfahrungen in der DDR aufbauen und dazu beitragen, dass sich die Pflegehelferinnen trotz einer formalen Entwertung ihrer Qualifikation nach dem gesellschaftlichen Transformationsprozess in dem vertrauten Arbeitsmilieu anerkannt fühlen.
Neben der bereits angesprochenen ambitionierten theoretischen Rahmung der Studie durch anerkennungstheoretische Vorüberlegungen überzeugen die Autorinnen durch deren Verknüpfung mit lern- bzw. bildungsbiografischen Konzepten. In der Durchführung, Bewertung und kritischen Reflexion ihrer empirischen Befunde beweisen sie eine bemerkenswerte Forschungskompetenz.
Das im Kern nicht überraschende, in der differenzierten Rekonstruktion des qualitativen Materials jedoch vorbildlich begründete Endergebnis gelingt den Autorinnen mit qualitativer Evidenz: der Nachweis, dass mangelnde Anerkennung konsequent zum Verlassen des pflegerischen Berufsfeldes führt und dass dadurch individuelle Lern- und Entwicklungsprozesse systematisch behindert werden. Anhand dieser Resultate und im Kontext einer prognostizierten höheren Anzahl an Auszubildenden für die Pflegeassistenz (s. ‚Rothgang-Studie‘ 2020) leiten Herzig und Brendel wichtige berufspädagogische Konsequenzen für Lehrende in den Gesundheitsberufen ab.
Insofern stellt diese Arbeit einen ausgesprochen grundlegenden Beitrag zur Sensibilisierung und Professionalisierung von Lehrkräften im Feld der Berufspädagogik dar. Gleichzeitig werden über diese Studie Forschungsdesiderata für den Pflegebereich herausgearbeitet, die wegen des Personalmangels und dem damit einhergehenden Handlungsdruck unbedingt in Angriff genommen werden müssen. Insofern belegt diese Arbeit dringende Qualifizierungsbedarfe im Feld der Berufspädagogik und der Pflege und bietet vielfältige Anschlussmöglichkeiten für weitere Forschungen.
Der Preis für die beste Master-Arbeit ist mit 500 Euro dotiert und wird vom Förderverein der BTU gestiftet.
Betreut wurde die Arbeit von Prof. Dr. Heidrun Herzberg und Jana Werner.
Wir gratulieren ganz herzlich!
Kontakt
Bildungswissenschaften und Berufspädagogik in Gesundheitsberufen
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