Nach der Utopie: Ein Abend über Hoyerswerda und die Lausitz mit Grit Lemke und Nina Gribat
Ausgangspunkt des Abends war Grit Lemkes dokumentarischer Roman Kinder von Hoy, aus dem sie eindrückliche Passagen las. Die sozialistische Planstadt Hoyerswerda entstand im engen Zusammenspiel mit dem Kohle-Kraftwerk Schwarze Pumpe, dessen Takt nicht nur die Arbeit, sondern den gesamten Alltag und die Zukunftsvorstellungen der Bewohner bestimmte. Symbolfigur war kein geringerer als Juri Gagarin. Die Autorin zeichnete das Spannungsfeld zwischen einer oft als unbeschwert erinnerten Kindheit auf dem „Abenteuerspielplatz Hoyerswerda“ und den tiefgreifenden Umbrüchen der Wendezeit nach, die für viele Menschen mit Desillusionierung, Existenzängsten und Neuorientierung verbunden waren.
Die Lesung gewann zusätzlich an Authentizität durch die im Buch verwendeten regionalen Ausdrücke und Wendungen, die Grit Lemke auch in ihrem Vortrag bewusst beibehielt und so den Sprachklang Hoyerswerdas nach Finsterwalde brachte.
Mit der Architektin und Stadtplanerin Prof. Dr. Nina Gribat von der BTU Cottbus-Senftenberg stand der Autorin eine ausgewiesene Expertin für Stadtentwicklung zur Seite. Aus ihrer Forschungsperspektive auf Hoyerswerda als schrumpfende Stadt brachte sie zusätzliche Einblicke ein und bereicherte das Gespräch durch eigene Interpretationen sowie vertiefende Fragestellungen. So entstand ein vielschichtiger Austausch über Stadtplanung, gesellschaftlichen Wandel und die Bedeutung von Erinnerung für die Entwicklung von Städten.
Besonders berührend war auch der gezeigte Fotofilm mit historischen Schwarz-Weiß-Aufnahmen des Fotografen Gert Fügert. Die Bilder ermöglichten bewegende Einblicke in das Leben und den Alltag der Menschen in Hoyerswerda und machten das Gehörte zusätzlich greifbar.
Im Anschluss entwickelte sich eine lebhafte Diskussion mit dem Publikum. Themen waren unter anderem die Wertschätzung von Plattenbau- und Wohnkomplexarchitektur, Fragen der Stadtplanung sowie soziale Ungleichheiten in Transformationsprozessen. Dabei wurden immer wieder Bezüge zu anderen Städten der Region hergestellt, etwa zu Finsterwalde, Großräschen und Lübbenau. Die zahlreichen Wortbeiträge zeigten, wie aktuell die Fragen nach Wandel, Identität und Zukunftsperspektiven in der Lausitz weiterhin sind.
Auch nach dem offiziellen Ende blieb das Interesse groß und viele Gäste nutzten die Gelegenheit, mit der Autorin persönlich ins Gespräch zu kommen. Die mitgebrachten Exemplare von Kinder von Hoy fanden allesamt neue Besitzer:innen und wurden von Grit Lemke auf Wunsch signiert.
Die Veranstaltung fand im Rahmen der Reihe „WissensDialog“ der Präsenzstelle Westlausitz | Finsterwalde in Kooperation mit der Stadtbibliothek Finsterwalde statt.


