Die Professorin, die dem Beton ein zweites Leben gibt

Wer Gebäude nach dem Abriss einfach entsorgt, verschenkt beides: wertvolle Rohstoffe und das Potenzial, Emissionen einzusparen. Genau hier setzt die Arbeit von Prof. Dr.-Ing. Angelika Mettke an, die seit über 30 Jahren an der BTU erforscht, wie sich Bauteile aus abgerissenen Gebäuden weiterverwenden lassen, statt sie zu Bauschutt zu machen.

In Kolkwitz entsteht gerade ein zweigeschossiger Anbau an das im Jahr 2009 errichtete Vereinshaus aus aus gebrauchten Betonelementen mit rund 60 Betonplatten eines teilrück- und umgebauten Wohnblocks im nahen Großräschen – einige davon bis zu sechs Meter lang und knapp sechs Tonnen schwer. Darüber hinaus entsteht im Eingangsbereich ein Tickethaus und eine Garage für zwei Kleinbusse unter Verwendung von 21 gebrauchten Betonelementen. 

Möglich wird Ihre Arbeit erst durch die Grundlagenforschung im internationalen EU-geförderten Horizon-2020-Projekt “ReCreate”. Darin entwickelt die Wissenschaftlerin gemeinsam mit europäischen Partnern Verfahren, Standards und digitale Werkzeuge, damit gebrauchte Betonfertigteile künftig systematisch in neuen Bauprojekten eingesetzt werden können. Kolkwitz liefert dafür gewissermaßen den praktischen Beweis im Projekt “ReUse Hub”, das vom Cottbuser Ingenieurbüro Peter Jähne umgesetzt und von der BTU wissenschaftlich begleitet wird. Noch in diesem Jahr soll der Bau fertig sein.  

Pionierin einer Idee

Mettke leitet an der BTU das Arbeitsgebiet Bauliches Recycling. Ihre Grundidee ist unspektakulär formuliert, aber folgenreich: Bauteile aus alten Gebäuden nicht zu entsorgen, sondern in neuen Projekten weiterzuverwenden. Was heute unter dem Begriff Kreislaufwirtschaft diskutiert wird, treibt die gebürtige Senftenbergerin bereits seit rund drei Jahrzehnten um – lange bevor das Thema politisch an Fahrt gewann.

“Kiese, Sande wachsen nicht nach”

Für Mettke sind die Betonelemente aus DDR-Plattenbauten keine Altlast, sondern – wie sie es selbst nennt – eine Schatzkammer. Die eigentliche Verschwendung liege nicht im Weiterbauen mit gebrauchten Teilen, sondern im gedankenlosen Abriss. Ihr Argument bringt sie auf den Punkt: “Kiese, Sande wachsen nicht nach.”

Nach ihren eigenen Berechnungen lassen sich durch die Weiternutzung vorhandener Bauteile bis zu 97 Prozent der CO₂-Emissionen einsparen, die bei einer Neuproduktion anfallen würden – eine Zahl, die angesichts der Klimadebatte aufhorchen lässt. Im Oktober 2025 wurde Mettke für ihr Lebenswerk auf den Betongdagen in Stockholm mit dem Swedish Concrete Award ausgezeichnet, der höchsten Auszeichnung des schwedischen Betonverbands.

Forschung mit direktem Draht zur Baustelle

Mettkes Arbeit bleibt nicht in der Theorie stecken. Ihre Erkenntnisse entstehen im ständigen Austausch mit Ingenieurbüros, Kommunen und Bauherren aus der Region und werden – wie in Kolkwitz – unmittelbar auf realen Baustellen erprobt.

Dabei benennt sie auch strukturelle Probleme klar: Bauherren, die gebrauchte Bauteile verwenden wollen, landeten mangels anderer Anlaufstellen oft direkt bei ihrer Professur. „Das kann nicht sein", sagt Mettke dazu. Ihr Team arbeitet deshalb parallel am Aufbau von Vermarktungsplattformen für wiederverwendbare Bauteile, damit nachhaltiges Bauen nicht die Ausnahme bleibt, sondern zur Regel wird.

Das Projekt in Kolkwitz zeigt exemplarisch, wie regionale Forschung praktische Antworten auf große Fragen liefert: wie sich Ressourcen schonen, Emissionen senken und nachhaltiges Bauen zugleich bezahlbar halten lassen. Für Angelika Mettke beginnt die Lösung nicht bei neuen Materialien – sondern bei einem neuen Blick auf das, was längst vorhanden ist.

Kontakt

Prof. PD Dr.-Ing. habil. Angelika Mettke
Bauliches Recycling
T +49 (0) 355 69-2270
mettke(at)b-tu.de

Kristin Ebert
Kommunikation und Marketing
T +49 (0) 355 69-2115
kristin.ebert(at)b-tu.de
Beton mit zweitem Leben: Für den Eingangsbereich des Sportlerheims 1896 e.V. in Kolkwitz werden Betonfertigteile aus einem umgebauten Wohnblock in Großräschen erneut verbaut. Das Projekt zeigt, wie Forschung der BTU zur Wiederverwendung von Bauteilen in der Praxis umgesetzt wird. (Foto: BTU)
Was heute unter dem Begriff Kreislaufwirtschaft diskutiert wird, treibt die gebürtige Senftenbergerin bereits seit rund drei Jahrzehnten um – lange bevor das Thema politisch an Fahrt gewann. (Foto: BTU / Ralf Schuster)