Algen gegen Krebs: Wie die Lausitz zur Gesundheitsregion der Zukunft wird
Eine der spannendsten Stationen führte auf den Senftenberger Campus der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg (BTU).
Eine Reise durch den Wandel
Bei der Medienreise des Lausitzbeauftragten des Ministerpräsidenten führte die Tour von Lübbenau über Cottbus bis nach Senftenberg und an die Sedlitzer Bucht. Sichtbar wurde dabei, wie unterschiedlich Strukturwandel in der Lausitz Gestalt annimmt: von der Milliardeninvestition in ein neues Rechenzentrum bis zu touristischen Impulsen am Wasser. Klaus Freytag brachte die Dynamik der Region auf den Punkt: Aus ehemaligen Energiestandorten würden neue Orte für Digitalisierung, Forschung, Gesundheit und Tourismus entstehen.
Ein besonderer Schwerpunkt der Reise lag auf der Entwicklung der Lausitz zur Gesundheitsregion. Neben der Medizinischen Universität Lausitz – Carl Thiem, die ihre Pläne für universitäre Medizin, Forschung und Lehre vorstellte, und dem KI-Diagnose-Startup IQONIC.AI, rückte vor allem ein Forschungsprojekt der BTU in den Fokus der Medienvertreter*innen: AVantiLT.
Senftenberg im Fokus: Wenn Spirulina auf Leberkrebs trifft
Die BTU versteht sich als Innovationsmotor des Strukturwandels in der Lausitz. Seit 2021 hat sie über 15 Verbundprojekte eingeworben – verteilt auf ihre vier Profillinien “Energiewende und Dekarbonisierung”, “Künstliche Intelligenz und Sensorik”, “Gesundheit und Life Sciences” sowie “Globaler Wandel und Transformationsprozesse”. Vernetzt ist sie zudem im Lausitz Science Network mit 13 weiteren Wissenschaftseinrichtungen, während im entstehenden Lausitz Science Park am Zentralcampus Cottbus neue Ansiedlungs- und Ausgründungsmöglichkeiten für Unternehmen entstehen.
Auf dem Senftenberger Campusgelände präsentierten Forschende der BTU nun ihr Projekt AVantiLT – mit einem Ziel, von dem man nicht alle Tage hört: Kann eine Mikroalge Leberkrebs bekämpfen? Vor Ort begrüßten Prof. Dr. rer. nat. Peer Schmidt (BTU-Vizepräsident für Studium und Lehre), Dr. rer. pol. Johannes Staemmler (BTU-Referat Profilbildung und Exzellenz) sowie Prof. Dr. rer. nat. Jan-Heiner Küpper, Dr. Sarah Kammerer und Dr. Steffen Braune (BTU-Fachgebiet Molekulare Zellbiologie) die Gäste.
Im Zentrum steht Arthrospira platensis, besser bekannt als „Spirulina“ – genaugenommen ein Cyanobakterium, umgangssprachlich aber meist als Mikroalge bezeichnet. Erste Hinweise deuten darauf hin, dass Inhaltsstoffe der Alge das Wachstum verschiedener Tumorzellen hemmen können, während gesundes Gewebe verschont bleibt. Systematisch untersucht wurde dieses Phänomen bislang jedoch nicht.
Genau hier setzt die Arbeitsgruppe um Prof. Jan-Heiner Küpper, Leiter des Fachgebiets Molekulare Zellbiologie, an. Da Leberkrebs weltweit zunimmt und zu den Krebsarten mit besonders ungünstiger Prognose zählt, konzentriert sich das Team auf Lebertumorzellen. Die zentrale Hypothese: Spirulina-Inhaltsstoffe könnten das Wachstum von Lebertumorzellen hemmen, ohne gesunde Leberzellen zu schädigen.
Mit naturstoffchemischen Methoden wollen die Forschenden die pharmakologisch aktiven Substanzen in Spirulina-Extrakten identifizieren. Systembiologische und bioinformatische Ansätze sollen anschließend klären, über welchen Mechanismus diese Stoffe wirken. Gelingt der Nachweis, wäre AVantiLT die erste systematische Untersuchung dieser Art – mit dem Potenzial, einen völlig neuen Ansatzpunkt für die Krebsmedizin zu liefern.
Von der Alge zum Wirkstoff und zur Wertschöpfung vor Ort
Das auf die Jahre 2022 bis 2027 angelegte Projekt wird vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) mit rund 1,85 Millionen Euro gefördert. Doch AVantiLT ist mehr als reine Grundlagenforschung: Die Ergebnisse sollen über das neu gegründete Senftenberger Biotech-Startup Carbon Biotech GmbH verwertet werden – möglicherweise in Kooperation mit Pharmaunternehmen.
Schon während der Projektlaufzeit entstehen hochqualifizierte Arbeitsplätze in der Lausitz. Langfristig ist sogar der Aufbau einer eigenen Wertschöpfungskette zur Produktion hochreiner Spirulina-Rohstoffe vor Ort denkbar – mit Anwendungen, die weit über neue Krebsmedikamente hinausreichen: von pflanzlichen Arzneimitteln über Nahrungsergänzungsmittel bis hin zu veganen Lebensmitteln oder Tierfutter.
Ein Baustein der Gesundheitsregion Lausitz
AVantiLT reiht sich damit in eine größere Erzählung ein: Die Lausitz positioniert sich zunehmend als Modellregion für Gesundheit und Medizin der Zukunft. Zwischen dem Aufbau der universitären Medizin an der MUL – Carl Thiem, KI-gestützter Diagnostik durch Startups wie IQONIC.AI und Grundlagenforschung wie an der BTU entsteht ein Ökosystem, das Wissenschaft, Ausgründung und regionale Wertschöpfung eng miteinander verzahnt.
Für die Lausitz ist das ein weiterer Beleg dafür, dass aus der Energie- die Wissensregion wird und dass dieser Wandel längst nicht mehr nur auf dem Papier stattfindet, sondern buchstäblich im Labor.
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