Richtfest für den ReUse Hub Kolkwitz: Wenn Forschung zur Baustelle wird

Was als Forschungsfrage an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg (BTU) begann, nimmt in Kolkwitz sichtbar Gestalt an: Am Sportverein 1896 e.V. in der Jahnstraße steht der Rohbau eines Mehrzweckgebäudes, das fast vollständig aus rückgebauten Betonplatten alter DDR-Wohnbauten besteht. Heute wird dafür Richtfest gefeiert.

Entwickelt hat das zugrundeliegende Verfahren das Arbeitsgebiet Bauliches Recycling der BTU um Prof. Dr.-Ing. Angelika Mettke, die seit über drei Jahrzehnten dazu forscht, im Rahmen des EU-Forschungsprojekts „Horizon 2020 – ReCreate“. Die Idee: Betonfertigteile aus Plattenbauten sollen nicht wie bislang üblich geschreddert und lediglich als minderwertiger Straßenbau-Untergrund weiterverwendet werden, sondern als vollwertige Bauelemente in neuen Gebäuden ein zweites Leben bekommen. Kolkwitz ist dabei kein Testlabor im Kleinformat, sondern der Ort, an dem dieses Verfahren erstmals praktisch umgesetzt wird – ein Novum für Deutschland.

Konkret entsteht am bereits 2009 errichteten Vereinshaus aus 80 gebrauchten Betonplatten ein zweigeschossiger Anbau aus 60 gebrauchten Betonplatten eines teilweise rück- und umgebauten Wohnblocks aus dem nahen Großräschen. Einzelne Elemente sind bis zu sechs Meter lang und bringen knapp sechs Tonnen auf die Waage. Im Eingangsbereich entstehen zudem ein Tickethaus und eine Garage für zwei Kleinbusse aus 20 weiteren gebrauchten Betonelementen. Geplant und überwacht wird der Bau vom Cottbuser Ingenieurbüro Jähne, die Fertigstellung ist noch für dieses Jahr vorgesehen.

Weil die tragende Struktur der Platten bereits existiert und nicht neu produziert werden muss, sinkt der Primärenergieverbrauch beim Bau erheblich gegenüber einem konventionellen Neubau. Nach Mettkes eigenen Berechnungen lassen sich so bis zu 97 Prozent der CO₂-Emissionen einsparen, die bei einer Neuproduktion der Bauteile anfallen würden. Für das Forschungsteam, zu dem neben Mettke auch Viktoria Arnold und Jakob Fischer gehören, ist das Richtfest damit weit mehr als ein Bau-Etappenziel: Es ist der praktische Beleg, dass sich ihr an der BTU entwickeltes Verfahren vom Labor in die reale Anwendung übertragen lässt. Mettke selbst wurde für ihre langjährige Forschung im Oktober 2025 mit dem Swedish Concrete Award ausgezeichnet, der höchsten Auszeichnung des schwedischen Betonverbands.

Mehr als eine halbe Million Euro Fördermittel

Dass aus dem Pilotprojekt tatsächlich ein nutzbares Gebäude wird, hat auch finanzielle Gründe. Bereits im April hatte die Gemeinde Kolkwitz mehr als 521.000 Euro aus Strukturstärkungsmitteln erhalten, überreicht durch den Lausitzbeauftragten des Ministerpräsidenten, Dr. Klaus Freytag, an Bürgermeister Karsten Schreiber. Während der Rohbau über das EU-Forschungsprojekt finanziert wird, deckt die Landesförderung den Innenausbau und die spätere Ausstattung ab.

Ein Haus für den ganzen Ort

Fertig ist der ReUse Hub mit dem heutigen Richtfest noch nicht – der Innenausbau steht noch bevor. Doch die Richtung ist klar: Das Gebäude soll künftig weit über den Sportverein hinaus genutzt werden, etwa vom Ortsbeirat oder für Bildungs- und Kulturangebote. Damit bekommt Kolkwitz nicht nur ein neues Vereinsheim, sondern ein Modellprojekt für klimafreundliches Bauen, das über die Region hinaus Beachtung findet.

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Prof. Dr.-Ing. Angelika Mettke (2. v. re.) mit ihrem Team beim Richtfest für den ReUse Hub Kolkwitz. Foto: BTU, Ralf Schuster