Auf den Spuren eines Architekten der Moderne
Es gibt Bauwerke, die man nicht einfach besucht, sondern liest wie einen Text – Zeile für Zeile, Stütze für Stütze. Die Neue Nationalgalerie in Berlin ist so ein Bauwerk. Entworfen von Ludwig Mies van der Rohe, einem der einflussreichsten Architekten des 20. Jahrhunderts, gilt sie als gebaute Formel für Klarheit und Reduktion. Genau diesem Erbe widmet sich ab Oktober ein junger italienischer Wissenschaftler, der dafür eigens an die BTU kommt und von dort aus auch nach Chicago weiterreist, in die Stadt, in der Mies van der Rohe einen Großteil seines späteren Lebens verbrachte.
Davide Galleri hat in Neapel, an der altehrwürdigen Federico-II-Universität, Architektur studiert und dort promoviert. Wer mit ihm über sein Fach spricht, merkt schnell: Ihn interessiert nicht nur, wie Gebäude aussehen, sondern wie man sie über Generationen hinweg bewahrt – praktisch wie theoretisch, als Handwerk und als Wissenschaft zugleich. Genau dafür hat ihn die Europäische Union nun ausgezeichnet: Sein Forschungsprojekt erhielt im Rahmen des Marie-Skłodowska-Curie-Programms das Prädikat „Seal of Excellence“, ein Gütesiegel, das nur Anträgen vorbehalten ist, die in der wissenschaftlichen Begutachtung die höchste Qualitätsstufe erreichen.
Der Arbeitstitel seines Projekts – „Vergleichende Ansätze in der transatlantischen Bewahrung des kulturellen Erbes“ – verbirgt eine ebenso einfache wie spannende Idee: Wie geht man diesseits und jenseits des Atlantiks mit dem baulichen Erbe ein und derselben Architektenpersönlichkeit um? Mies van der Rohe hat schließlich auf beiden Kontinenten gebaut, in Berlin ebenso wie in Chicago, wo er das Illinois Institute of Technology prägte und bis heute stilbildende Hochhäuser hinterließ. Wer seine Bauten verstehen und erhalten will, kommt an diesem Ozean nicht vorbei.
Für die kommenden 30 Monate wird Galleris Weg deshalb selbst zu einer Art transatlantischer Route. Den Auftakt macht er am Lehrstuhl Architektur und Visualisierung der BTU, wo er von Oktober bis Dezember 2026 forscht. Danach führt ihn sein Stipendium für fünfzehn Monate in die USA, an die University of Texas at San Antonio und zu einem in Chicago praktizierenden Architekten, dessen Büro in einem der ikonischen Gebäude im Loop, dem historischen Herzen Chicagos, liegt. Beide amerikanischen Kollegen zählen zu den ausgewiesenen Kennern von Mies van der Rohes Werk. Einer von ihnen lehrte selbst am Illinois Institute of Technology, jener Institution also, die der Architekt maßgeblich mitgestaltet hat. Der Kontakt zu ihnen entstand nicht zufällig, sondern über Jahre: Univ.-Prof. Dominik Lengyel, Inhaber des Cottbuser Lehrstuhls, kennt beide von seiner eigenen Vortragstätigkeit in Chicago.
Im Frühjahr 2028 schließt sich der Kreis: Von April 2028 bis März 2029 kehrt Galleri für die letzte Projektphase an die BTU zurück, um seine Forschungsergebnisse aus Europa und den USA zusammenzuführen.
„Es ist eine große Ehre für uns, einen so exzellent ausgezeichneten Nachwuchswissenschaftler an unserem Lehrstuhl begrüßen zu dürfen“, sagt Prof. Dominik Lengyel. „Sein Projekt verbinde die Cottbuser Forschung zur Architektur der Moderne mit einem eingespielten transatlantischen Netzwerk aus Mies-van-der-Rohe-Expertinnen und -Experten – eine Konstellation, die neue Perspektiven auf die Bewahrung dieses Erbes eröffnen könnte.“
Über das Mobilitätsprogramm Marie-Skłodowska-Curie
Dass ein solches Projekt überhaupt möglich ist, liegt auch am Förderinstrument selbst: Die Marie-Skłodowska-Curie-Actions gelten als eines der renommiertesten Mobilitätsprogramme der EU-Forschungsförderung – benannt nach einer Wissenschaftlerin, die selbst zwischen zwei Ländern, zwei Sprachen und zwei wissenschaftlichen Kulturen zu Hause war.
Fachkontakt
Architektur und Visualisierung
T +49 (0) 355 69-4114
Dominik.Lengyel(at)b-tu.de


