Die Wissenschaftlerin, die fragt, was bleibt

Prof. Johanna Blokker spricht ruhig, fast tastend, wenn sie über Gebäude spricht. Als würde sie ihnen zuhören. Für sie sind Mauern keine stummen Zeugen, sondern Speicher von Erfahrungen, Hoffnungen, Brüchen. "Mich interessiert nicht nur, was wir bewahren", sagt sie, "sondern warum wir es brauchen."

Diese Frage begleitet sie seit vielen Jahren. Geboren in Kanada, studierte Blokker Kunst- und Architekturgeschichte in Montréal und Toronto, später am renommierten Institute of Fine Arts der New York University. Eigentlich, sagt sie rückblickend, wollte sie klassische Architekturhistorikerin werden. Doch dann verschob sich etwas. Die Antike, das Mittelalter, die Renaissance: Das alles war so weit weg und letztlich jenseits unseres Wissens. Was hatte es mit uns zu tun, warum sollte es uns interessieren?

Der Wendepunkt kam mit ihrer Dissertation über den Wiederaufbau der Kölner romanischen Kirchen nach dem Zweiten Weltkrieg. Was zunächst wie ein kunsthistorisches Thema wirkte, entpuppte sich als viel größere Frage: Warum investiert eine Gesellschaft, die tief in der Krise sitzt, so viel Energie in den Wiederaufbau jahrhundertealter Bauwerke? Wie entscheidet sie, was bleibt und was aufgegeben wird? Und was sagt das über sie selbst?

"Diese Kirchen wurden nicht einfach restauriert", erinnert sich Blokker. "Sie wurden emotional und auch politisch aufgeladen. Sie standen für Kontinuität, für Hoffnung, für ein Weiterleben nach dem Bruch."

Seitdem beschäftigt sie sich mit kulturellem Erbe nicht als Objekt, sondern als Beziehung. Als etwas, das Menschen aktiv herstellen – oft unbewusst, manchmal hochpolitisch. In ihrer Forschung zeigt sie, wie Vergangenheit genutzt wird, um Gegenwart zu stabilisieren, Identität zu stiften oder Konflikte zu verhandeln.

Dabei ist Blokker keine distanzierte Beobachterin. Sie spricht offen darüber, dass Forschung immer auch persönlich ist. "Ich glaube nicht an neutrale Wissenschaft", sagt sie. "Ich glaube an gewissenhafte, reflektierte Wissenschaft."

Was sie antreibt, ist keine Nostalgie, sondern Verantwortung. Verantwortung gegenüber den Menschen, für die Orten und Bauten eine Bedeutung haben und eine Lebenswelt darstellen. Gegenüber Geschichten, die leicht übersehen werden. Und gegenüber kommenden Generationen. Gerade in Zeiten von Klimakrise, Strukturwandel und gesellschaftlicher Polarisierung sieht sie ihr Fach als notwendig – vielleicht notwendiger denn je.

"Der Bestand ist kein Ballast", sagt sie. "Er ist eine Ressource. Ökologisch, kulturell und emotional."

Trotz internationaler Karriere bleibt Blokker bodenständig. Sie hört zu, stellt Fragen, zweifelt. Studierende beschreiben sie als fordernd, aber ermutigend. Jemand, der Begeisterung nicht verordnet, sondern vorlebt. Für sie ist Lehre kein Nebenschauplatz, sondern Teil ihrer wissenschaftlichen Verantwortung.

Privat fühlt sie sich bestimmten Orten besonders verbunden. Die Kölner romanischen Kirchen nennt sie bis heute "ihre" Kirchen – nicht aus Besitzdenken, sondern aus Beziehung. "Sie haben mich gelehrt, dass Gebäude Erinnerungen tragen können", sagt sie. "Und dass wir sehr vorsichtig sein sollten mit der Entscheidung, etwas wegzuwerfen."

Am Ende läuft alles auf eine einfache, aber unbequeme Frage hinaus – eine Frage, die Johanna Blokker immer wieder stellt, in Vorträgen, Seminaren und Gesprächen: "Was ist uns heute so wichtig, dass wir es auch morgen noch brauchen wollen?"

Es ist diese Frage, die ihre Forschung antreibt. Und vielleicht ist es genau deshalb, dass sie so viele berührt.

Kontakt:
Prof. Dr. Johanna Blokker
Leiterin des Fachgebiets Denkmalpflege
Inhaberin des UNESCO-Lehrstuhls Heritage Studies
T +49 (0) 355 69 3992
E johanna.blokker(at)b-tu.de

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