Kunst, die nicht glatt sein will

Ein Tempel aus Marmor gedruckt auf weichem Filz. Ein Stöckelschuh neben einem Pfeifenputzer. Eine Zitrone, die aus dem Bild herauswächst. Wer sich die Werke von Verena Issel anschaut, merkt schnell: Hier passt nichts brav zusammen. Die Dinge reiben sich, widersprechen sich, manchmal streiten sie sogar. Genau das macht ihre Kunst so besonders.

Seit Oktober 2023 ist Verena Issel Professorin für Bildende Kunst an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg (BTU). Was sie mitbringt, ist keine Theorie aus dem Lehrbuch. Es ist eine künstlerische Praxis, die über zwanzig Jahre gewachsen ist und die international gefeiert wird.

Kunst und Latein – zwei Welten, ein Kopf

Issel, geboren 1982, hat etwas Ungewöhnliches gemacht: Sie hat zwei ganz unterschiedliche Fächer parallel studiert. Auf der einen Seite freie Kunst, mit Schwerpunkt Rauminstallation und Bildhauerei, an der Hochschule für Bildende Künste Hamburg. Dazu kamen Studienaufenthalte in China und Portugal. Auf der anderen Seite klassische Philologie – also Latein und Altgriechisch – an der Universität Hamburg.

Im Interview erzählt sie, wie gut sich diese beiden Welten ergänzt haben: Die Antike hat ihr Bilder und Ideen für ihre Kunst geliefert. Umgekehrt hat ihr das Kunstwissen geholfen, die Antike neu zu verstehen. Ihr Interesse an alten Hochkulturen ist bis heute geblieben. Sie findet, man kann daran viel über unsere heutige Zeit ablesen.

Diese Lust, zwei gegensätzliche Dinge zusammenzudenken, zieht sich durch ihr ganzes Schaffen.

Abflussrohre, Pfeifenputzer und ein Filz-Tempel

Issel arbeitet mit Rauminstallationen, Skulpturen, Filmen, Zeichnungen, Collagen und Wandobjekten. Typisch für sie ist der Materialmix: Neben klassischer Ölmalerei tauchen in ihren Arbeiten ganz alltägliche Dinge auf – Abflussrohre, Pfeifenputzer, Ziegelsteine. Auf den ersten Blick wirken ihre Installationen oft witzig oder seltsam. Schaut man genauer hin, stecken oft ernste gesellschaftliche Themen darin.

Ein gutes Beispiel ist ihre Werkserie “Klapp Klapp”. Sie war 2021 im Kunstverein Springhornhof zu sehen, später auch im Kunstpalais Erlangen. Entstanden ist die Serie während der Pandemie, eigentlich nur als kleine private Übung. Mit der Zeit wurde daraus mehr: Die bunten Motive – Zitronen, Stöckelschuhe, Ohrstöpsel, Pfeifenputzer – wanderten von der Leinwand auf Wände und Boden. Manche Objekte stehen plötzlich dreidimensional aus dem Bild heraus, andere bleiben flach. Und mittendrin: ein augenzwinkernder “Schnuckentempel” – ein Gruß an ihre Liebe zur Antike.

2022 zeigte die Kunsthalle Mannheim ihre Arbeit “Backlash” als Einzelausstellung. Im selben Jahr widmete ihr auch das Museum Lothar Fischer eine eigene Schau – als Auszeichnung für den Lothar-Fischer-Preis, den sie 2021 gewonnen hatte.

Eine Künstlerin, die viel von der Welt gesehen hat

Was an Issels Werdegang besonders auffällt: Sie war an ungewöhnlich vielen Orten künstlerisch tätig. Über sogenannte Artist-in-Residence-Programme – das sind Arbeitsaufenthalte für Künstlerinnen und Künstler – war sie unter anderem in Russland, Taiwan, Südkorea, Japan, im Iran, in China, Litauen und sogar in Papua-Neuguinea. Zuletzt kamen Aufenthalte in Mexiko und Sambia dazu. 2025 war sie sogar in der Arktis, auf Spitzbergen.

Einzelausstellungen mit ihren Werken zeigten unter anderem die Kunsthalle Mannheim, die Bundeskunsthalle Bonn, die Volksbühne Berlin und der Westfälische Kunstverein in Münster. Auch bei Gruppenausstellungen ist sie gefragt – 2023 etwa bei der Biennale in Montevideo, Uruguay.

Dazu kommen handfeste Erfolge im öffentlichen Raum: 2025 gewann sie Wettbewerbe für Kunstwerke an der Friedrich-Rückert-Schule in Erlangen und an der Bundespolizeiakademie Lübeck. 2022 war es ein Kindergarten in München. Ihre Kunst hängt also nicht nur in Museen, sondern auch an Schulen und Behörden – mitten im Alltag.

Was das für die BTU bedeutet

Wenn Verena Issel davon spricht, dass Studierende unterschiedlich denken dürfen und alle die gleichen Chancen haben sollen, ist das keine leere Floskel. Es ist genau das, was sie selbst seit zwanzig Jahren lebt: zwischen Hamburg, China und Portugal studieren. Zwischen Skulptur und Sprache wechseln. Zwischen Museum und Polizeiakademie arbeiten – ohne sich auf eine Schublade festlegen zu lassen.

Genau das macht sie zu einem starken Vorbild. Nicht, weil sie über Gleichstellung redet, sondern weil ihr Werk zeigt, wie das aussehen kann: eine Frau, die mit Abflussrohren genauso ernst genommen wird wie mit antiken Tempeln, deren Arbeiten in Kunsthallen genauso hängen wie an Schulwänden. Und die jetzt jungen Menschen an der BTU genau das weitergibt, was sie selbst nie aufgegeben hat: den Mut, sich nicht zwischen zwei Stühle zu setzen, sondern aus beiden etwas Eigenes zu bauen.

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Verena Issel im Porträt: Seit 2023 Professorin für Bildende Kunst an der BTU Cottbus-Senftenberg – und international ausgezeichnete Künstlerin. (Foto: BTU / Ralf Schuster)