Querschnittskolloquien

Zur Entschlüsselung der Leitfrage, wie das Bauen in seiner kulturellen und technischen Bedeutsamkeit für unterschiedliche Zeithorizonte und Kulturkreise einzuordnen ist, ist alle ein bis zwei Jahre ein Querschnittskolloquium zu Schwerpunktthemen vorgesehen, die jeweils elementare Aspekte des Kollegthemas „Kulturelle und technische Werte historischer Bauten“ darstellen und besonders zur fächerübergreifenden Diskussion geeignet sind. Diese zwei- bis dreitägigen Querschnittskolloquien sollen – über die Ergebnisse der individuellen Projekte hinausgehend – eine komplexe, neuartige Gesamtsicht auf das Phänomen des Bauen erzeugen und als wissensgeschichtliche Grundlagen auf die spezialisierte Forschung und dabei insbesondere auf die Dissertationen des Kollegs zurückwirken.

Das fünfte Querschnittskolloquium findet vom 25. bis 27. September zum Thema "WerteWandel und gebaute Umwelt" im Mies-Atelier des Lehrgebäudes 2 C-D der BTU Cottbus-Senftenberg statt. Abstracts zum Call for Papers können bis zum 15.5.2019 eingereicht werden.

Fünftes Querschnittskolloquium „WerteWandel – Prozesse, Strategien und Konflikte in der gebauten Umwelt“

25.–27.09.2019, Cottbus

Call for Papers

Die Einschätzung der gebauten Umwelt unterliegt immer einem Wertungsprozess, der von politischen, ökonomischen und sozialen Rahmenbedingungen beeinflusst ist. Das Graduiertenkolleg 1913 „Kulturelle und technische Werte historischer Bauten“ widmet sich mit dem 5. Querschnittskolloquium an der BTU Cottbus-Senftenberg explizit solch wandelnden Wertzuschreibungen an der gebauten Umwelt.

Seit der Antike ist das Aushandeln von Werten Gegenstand der Philosophie und seit dem 19. Jahrhundert werden vor dem Hintergrund der Kapitalisierung der modernen Welt Wertetheorien explizit diskutiert. Allgemein können Werte als etwas bezeichnet werden, das „aus verschiedenen Gründen aus der Wirklichkeit hervorgehoben wird und als wünschenswert und notwendig für den auftritt, der die Wertung vornimmt[1]. Werte bestimmen das menschliche Handeln, das immer zukunftsorientiert und somit mit Unsicherheit behaftet ist. Wertungen ermöglichen es, die Lücke zwischen Wissen und Handeln zu überbrücken. Insbesondere Planungsprozesse sind beständig mit Wertungen verbunden, da sie zukunftsorientiert sind und bei den erforderlichen Entscheidungsprozessen immer auf Werte zurückgegriffen werden muss. Zugleich liegen dem Erhalt oder der Weiterentwicklung baulicher Gefüge tradierte Denkmuster und lange verinnerlichte Wertesysteme zu Grunde.[2] Phänomene des Wertewandels lassen sich sowohl bei Neuplanungen als auch Umbau, Instandsetzung und Ertüchtigung beobachten.

Im Rahmen des Querschnittskolloquiums sollen Prozesse der Wertaneignung, der Wertverinnerlichung und der (individuellen) Wertentstehung an konkreten Beispielen aus Bau- und Planungsgeschichte diskutiert werden. Diese Prozesse können von der Antike bis in die Gegenwart reichen und sollen interdisziplinären Betrachtungsweise unterzogen werden. Dabei sind vor allem die Disziplinen Archäologie, Architektur, Baugeschichte und Bauforschung, Bautechnikgeschichte, Denkmalpflege, Ingenieurwissenschaften, Kunstgeschichte, raumbezogene Sozialwissenschaften, Stadt- und Regionalplanung angesprochen.

Die thematische Ausrichtung der Tagung orientiert sich an den folgenden disziplinübergreifenden Leitfragen, die sich auf die gebaute Umwelt anwenden lassen sollen:

  • Durch welche historischen, sozialen, politischen und ökonomischen Einflüsse oder Ereignisse werden die gesellschaftlichen Übereinkünfte darüber, was wertvoll ist, verändert?
  • Was sind Gründe und Motivationen für die Neubewertung gebauter Objekte und welche Konsequenzen ergeben sich daraus? Wie können beispielsweise wissenschaftliche oder technische Erkenntnisse für einen Wertewandel sorgen?
  • Wenn solche wissenschaftlich-technischen Umbrüche ‚Schübe‘ von Wertewandel mit sich bringen, welches Zukunftspotential bergen sie oder welche Krisen können sie hervorbringen?

Zur Diskussion dieser Fragen werden vier Themenbereiche vorgeschlagen, in denen verschiedene Aspekte des Wertewandels der gebauten Umwelt eingehender untersucht werden sollen.

PHÄNOMENE – Sind es die Werte, die sich wandeln, oder sind es die Wertzuschreibungen?

Bevor man sich gezielt mit Wandlungsprozessen auseinandersetzen kann, sind die Werte auszumachen, die sich wandeln, und die Bedingungen festzustellen, unter denen solches geschieht: Subjektive Freiheit und Reflexion sorgt dafür, dass „ständig neue, geschichts- und gesellschaftsstützende Werte und strukturbewahrende Wertemaßstäbe“[3] gewonnen werden, die immer wieder neue Werteverschiebungen anstoßen.

  • Sind alle Werte wandelbar? Gibt es Wertzuschreibungen, die Wandel überdauern?
  • Inwiefern sind Bedeutungsverschiebungen nachvollziehbar und welchen Mustern folgen sie?
  • Wie lassen sich Werte und Wertewandel am Objekt und/oder als Phänomen feststellen und untersuchen?

PROZESSE – Welche Prozesse sind bei Werteverschiebungen zu beobachten?

Der explizite Blick auf Wertungsprozesse gibt Aufschluss darüber, wie Entscheidungen – also Wertzuschreibungen – herbeigeführt werden. Hierbei gilt es Akteure als Wertsubjekte zu untersuchen, gebaute Umwelt als Wertobjekt aufzufassen, dabei Entscheidungsgrundlagen zu überprüfen und einander gegenüberzustellen sowie Auswirkungen der Entscheidungen zu fassen.

  • Welche Prozesse sind bei Wertverschiebungen zu beobachten? Sind diese durch besondere Dynamiken gekennzeichnet?
  • Welche Rolle spielen einzelne Akteure (Subjekte und Objekte) im Prozess des Wertewandels?
  • Wie ist das Spannungsverhältnis zwischen individuellem und gesellschaftlichem Wertewandel zu beschreiben?

STRATEGIEN – Welche Rolle spielen Vermittlungsinstrumente beim Wertewandel?

Werte als Resultat eines Wertungsprozesses sind für gewöhnlich handlungsleitend und nehmen damit Einfluss auf die Umwelt wie auch auf sich selbst. Bei der Vermittlung veränderter Wertvorstellungen wird auf unterschiedliche Instrumentalisierungsstrategien und Kommunikationsmittel wie Medien, Geschichtsschreibung, Werbung, Propaganda oder Lobbyarbeit zurückgegriffen.

  • Welche Hilfsmittel im Sinne von Instrumenten und Strategien kommen bei kollektiven oder individualisierten Inwertsetzungsprozessen zur Anwendung?
  • Welche Rolle spielten und spielen zum Beispiel Text und Bild, generell die Medien, in Umwertungsprozessen?
  • Auf welche Weise nutzen Interessens- und Meinungsgruppen Strategien und Instrumente um einen jeweils intendierten Wertewandel voranzubringen?

KONFLIKTE – Wie wird mit konfligierenden Werten umgegangen?

In einer Gesellschaft können verschiedene Wertesysteme parallel existieren und sich entweder sinnvoll ergänzen (Wertepluralismus) oder aber im stärksten Widerspruch zueinanderstehen. Die hieraus entstehenden Wertekonflikte können erhebliches, auch materielles Zerstörungspotential mit sich bringen, oder aber zu einer völligen Neubewertung führen.

  • Wie funktionieren Aushandlungsprozesse, in denen konkurrierende und sich widersprechende Werte abgewogen werden müssen?
  • Bedeuten Kompromisse in einer Wertzuweisung immer einerseits eine Entwertung und andererseits eine Aufwertung, oder besteht auch die Möglichkeit eines Win-Win-Wertes?
  • Welches Verhältnis herrscht in Wertbildungs- und Wertewandelprozessenzwischen „von oben“ maßgeblich beeinflussten Interventionen („top-down“) und gemeinsamen, „von unten“ organisierten Meinungsbildungsprozessen(„bottom-up“)?

Wir freuen uns über Abstracts in Deutsch oder Englisch für Vorträge (max. 20 min), die zu den skizzierten Themenfeldern Stellung beziehen. Bitte senden Sie Ihr Abstract (max. 2.500 Zeichen) zusammen mit einem kurzen CV (max. 500 Zeichen) bis zum 15.5.2019 an: dfg-graduiertenkolleg-1913(at)b-tu.de.

Die Benachrichtigung über die Annahme der Beiträge erfolgt bis spätestens 1.7.2019. Reise- und Aufenthaltskosten können für die Referentinnen und Referenten des Querschnittskolloquiums übernommen werden. Eine Publikation der Ergebnisse ist in der Schriftenreihe des DFG-Graduiertenkollegs im Birkhäuser-Verlag für 2020 geplant.


[1] Baran, Pavel: Werte, S. 806, in: Europäische Enzyklopädie für Philosophie und Wissenschaft, herausgegeben von Sandkühler, Hans Jörg, Bd. 4, R–Z, Hamburg 1990, S. 805–815.

[2] Starick, Anja: Kulturelle Werte von Landschaft als Gegenstand der Landschaftsplanung, Dissertation Technische Universität Dresden, Institut für Landschaftsarchitektur, Dresden 2015, S. 12.

[3] Erpenbeck, John: Wertungen, Werte. Das Buch der Grundlagen für Bildung und Organisationsentwicklung, Berlin 2018, S. 2.