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Technik moderiert das Verhältnis von Mensch und Natur

Astrid Schwarz - 25.6.2021

Zitiert aus
Schwarz, A., Environmental Humanities im Garten: auf der Spur von Technik-Umwelt-Verhältnissen. In: M. Schmidt, H. Zapf (eds.), Environmental Humanities: Geistes- und sozialwissenschaftliche Beiträge zur Umweltforschung, Göttingen: V&R unipress 2021, S. 75-91.


Im Zeitalter des Anthropozän ist es in der westlichen Welt insbesondere die traditionelle Gegenüberstellung von natürlich/künstlich, die ins Zentrum des unbestritten prekären Verhältnisses von Natur und Mensch rückt. Es „[ist] unerläßlich geworden, im Westen über die Zersetzung des Natürlichen nachzudenken und dieses Problem in einen allgemeineren Rahmen zu rücken, wo die verschiedenen Konzeptionen der biologischen Dimension des Menschen und des Verhältnisses zur physischen Umwelt untersucht werden, die im Laufe der Geschichte hier und dort entwickelt wurden“ (Descola 2014: 88). Auch hier bietet sich der Garten als besonders geeignetes Studienobjekt an, die gärtnerische Praxis verspricht Tiefe und Breite bezüglich des Natur-Mensch-Verhältnisses, will sagen eine enorme historische und aktuelle soziokulturelle Reichweite. Der Garten ist eine Umwelt für den Menschen, in der technische Interaktionen am Werk sind und unzweifelhaft auch natürliche Prozesse relevant sind – selbst, wenn sie nicht als solche anerkannt werden. „The tree in the garden could easily have sprung from the same seed as the tree in the forest, and we can claim only its location and perhaps its form as our own. Both trees stand apart from us; both share our common world. The special power of the tree in the wilderness is to remind us of this fact. It can teach us to recognize the wildness we did not see in the tree we planted in our own backyard. By seeing the otherness in that which is most unfamiliar, we can learn to see it too in that which at first seemed merely ordinary“ (Cronon 1995: 24). Der Garten ist ein Ort, der geradezu auffordert, ein reflektiertes Verhältnis zwischen Mensch und Natur zu finden, indem der Mensch nicht anders kann als sich mittels verschiedener Handlungsmodi sorgend, genießend, zornig, kontemplativ, achtsam in Beziehung zu setzen zu Boden und Wetter, Zierpflanzen und Kräutern, Unkraut und Nutzpflanzen. In der gärtnerischen Praxis geht es also permanent um die Frage, wie der Gärtner sich zu seinem Objekt ins Verhältnis setzt. Im Garten scheitert die biokonservative Denkfigur eines antipodischen Verhältnisses von Technik und Natur so offensichtlich, dass es nicht ignoriert werden kann, wie das vielleicht im Falle eines markierten Naturschutzgebietes, einer Flussaue oder Alpenlandschaft noch möglich ist. In ihrem Buch „The Illusory Boundary“ betonen die Historiker Martin Reuss und Stephen Cutcliffe, dass Technik und Natur in einer Weise aufeinander bezogen seien, „[that] encompasses a variety of cultural leitmotifs, including value, social purpose, aesthetics, ethics, and fundamental issues of definition“ (Reuss, Cutcliffe 2010: 1). Sie verweisen weiterhin darauf, dass sich die Konstellationen von Technik und Natur historisch verändern und folglich immer wieder neu zu verorten sind, indem „the two concepts embody both symbol and sentiment; they represent values“ (Reuss, Cutcliffe 2010: 2). Erst seit etwa den 1990er Jahren wird die Vorstellung, dass Technik angesiedelt sei zwischen Menschen und natürlichen Systemen, zunehmend verabschiedet, „[t]he machine has become entwined not just with the garden but with entire ecologies, social and natural, and it is not always clear where the machine ends and nature starts“ (Gorman, Mendelsohn 1995: 277). Fragen danach, ob domestizierte Hunde und Katzen Kultur oder Natur sind, oder welcher Teil eines genmanipulierten Organismus nun technisch oder natürlich sei, verlieren dann nicht etwa an Brisanz, im Gegenteil, sie werden zu ethischen und politischen Fragen. Es kann dann nicht mehr um eine Bestimmung der einen allgemein gültigen, transkulturellen Natur gehen, aber es sollte auch nicht darum gehen, sich in identitätspolitische Debatten zu verstricken. Aus philosophischer Perspektive bietet sich als ein Lösungsweg an, Epistemologie und Ontologie im Sinne eines unauflösbaren Verhältnisses zu thematisieren. Es geht dann darum, das Verhältnis von Mensch und Natur im Sinne einer sogenannten ontologischen Bindung zu reflektieren. Schon in den 1960er Jahren schlug der amerikanische Philosoph Willard Van Orman Quine vor: „Ontology is indeed doubly relative […] We cannot know what something is without knowing how it is marked off other things. Identity is thus of a piece with ontology. Accordingly it is involved in the same relativity“ (Quine 1969: 54-55). Mit dem Begriffspaar Technik und Umwelt wird eben diese gegenseitige Abhängigkeit thematisiert. Die Interaktionen des Menschen mit seiner Umgebung rekapitulieren und affirmieren permanent die Wissensbedingungen über die Dinge, mit denen in Beziehung getreten wird und auch den Menschen selbst. Umgebung wird dabei durch technisches und soziales Handeln zur Umwelt transformiert. In diesem Sinne sind die Beziehungen zwischen Dingen und Menschen in einer technowissenschaftlich geprägten Umwelt von höchster Relevanz für ein reflektiertes Handeln, das sich als eine Politik des Mensch-Natur-Verhältnisses versteht. Vor diesem Hintergrund wird die Unterscheidung von artifiziell und natürlich zur Aufforderung einer permanenten Hinterfragung der aktuell untersuchten relationalen Verhältnisse, der heuristische und konzeptionelle Fokus verschiebt sich zur Frage nach den Beziehungsformen. Eine Möglichkeit, um diese Verschiebung methodisch zu erkunden und gleichzeitig die begriffliche Verschränkung von Natur und Kultur voranzubringen, ist mit Perspektivenwechsel zu arbeiten: wir sehen aus der einen Perspektive Organismen, die in einer vom Menschen verwalteten Welt leben und sich entsprechend Manuskript 27.1.2021 anpassen müssen; aus der anderen Perspektive sehen wir, wie Entscheidungen getroffen werden über Technologien, die letztlich unsere Möglichkeiten der Interaktion mit komplexen natürlichen Systemen bestimmen. Technik ist also nicht als Beherrschung der Natur zu sehen, stattdessen ist Technik die „Beherrschung vom Verhältnis von Natur und Menschheit“, wie schon Walter Benjamin (1928: 82) betonte. Relational gedacht ist Technik dann der Bereich von Interaktionen zwischen Individuen und deren Umwelt, materieller oder geistiger, natürlicher oder menschgemachter Art – vor allem aber aller Nuancen und Differenzen dazwischen. Vor diesem Hintergrund erübrigen sich auch Hinweise darauf, dass die Technik sich zunehmend schwerer von einem Naturbegriff abgrenzen ließe, oder dass sie heute ein konstitutiver Teil der menschlichen Ökologie geworden sei, denn genau dies ist sie schon immer gewesen, indem Menschen sich interaktiv in ihrer Umwelt einrichten. Als Akteure bewegen sich Menschen in einem gesellschaftlichen, physischen und symbolischen Umfeld und eignen sich bestimmte Dinge, Handlungen und Orte an, verfolgen Projekte, nehmen Identitäten an und gehen Bindungen ein, finden zu einer Form, die als Gefüge, Assemblage, Lebensform oder noch anders bezeichnet werden mag. Es geht darum, die „richtige“ Verhältnismäßigkeit der technischen Optionen und Möglichkeiten zu finden, um das Verhältnis von „Natur und Menschheit“ auszutarieren. Dabei kommt nicht nur die Entwicklung von Wissensformen in den Fokus, sondern auch die Kultivierung von Affekten und Emotionen; gefragt ist Aufmerksamkeit gegenüber anderen und vor allem sich selbst auszusetzen. Dies setzt eine Reorientierung in Gang, in der es nicht selbstverständlich ist, dass mehr Wissen auch einen besseren Zugang zur Welt verschafft, oder wie es der Anthropologie Tim Ingold (2019: 14) formuliert: „Wissen rüstet auf und beherrscht; Weisheit entwaffnet und kapituliert“. Es geht darum, ein technisches Verständnis zu entwickeln, das der ganzen Fülle menschlicher Lebensphasen und Bedürfnisse gerecht werden kann, wenn es immer wieder von Neuem darum geht, sich eine angemessene Umwelt anzueignen. Am Werk sind hier sich gegenseitig ergänzende Prinzipien der Bestätigung und des Rückhalts einerseits und der Erweiterung im Sinne einer Neu-gier, des Strebens nach Neuem andererseits. „We need then a judicious mixture of settling and striving in our lives. […] The ‘striving’ side of life is where the action is, literally and metaphorically. The ‘settling’ side of life seems still and boring by comparison. […] the settling side is an indispensable complement to that striving side“ (Goodin 2012: 74). Auf der „striving side“ steht die Technik der Innovationen und Visionen, sie beunruhigt und regt gleichermaßen an, ist Verführung und Begehren. Fällt Technik auf die „settling side“, wird sie zur Lebenswelt, Teil von „Hintergrundüberzeugungen und Gegebenheiten, die nicht weiter problematisiert werden“ (Dickel 2015: 65). Technik ist dann ganz selbstverständlich verfügbar, wird in Gebrauch genommen – und kann vergessen werden.