Weiterbauen. Eine kulturelle Haltung

Modul 13682, 25302, 13776, 14163, 14167

Christoph Feinweber

Integrationsmodul zum Entwurf Atelier kooperative Architektur (Prof. Richter & Prof. Praeger)

620507_Seminar:
Donnerstag 11:15-12:45 & 13:30-15:00
Raum U21, LG 2A
1. Veranstaltung: 15. Oktober 2026

Moodle: https://www.b-tu.de/elearning/btu/course/view.php?id=17709

Die „Goldene Energie"¹ eines Bestandsgebäudes benennt, was die Bilanz der „Grauen Energie" systematisch übersieht: den kulturellen, sozialen, atmosphärischen, emotionalen und gestalterischen Mehrwert, der in einem vorhandenen Bauwerk steckt. Ortsidentität, Erinnerung, handwerkliche Substanz, die Spuren von Gebrauch und Aneignung, die architektonische Prägung eines Ortes — sie alle lassen sich als Wert begreifen. Stellt man das immaterielle „Gold" neben das messbare „Grau", erscheint der Bestand nicht länger nur als Emissionsbilanz, sondern als Kulturträger; die Entscheidung zwischen Erhalt und Abriss darf dann nicht allein energetisch oder ökonomisch begründet werden.

Doch die kulturelle Begründung des Weiterbauens ist älter als dieser Begriff — und unabhängig von ihm. Hermann Czechs zentrale These lautet, dass man in der gewachsenen europäischen Stadt immer in einen Bestand aus Substanz, Gebrauch und Konvention hineinbaut. „Der Umbau" ist bei ihm deshalb kein Bautyp (Sanierung, Umnutzung), sondern der Normalfall des Bauens überhaupt: Der Architekt erfindet nicht, er führt fort. Er reagiert auf Vorgefundenes, überlagert Schichten, arbeitet mit dem schon Dagewesenen.² Anders als die „Goldene Energie" argumentiert Czech dabei ohne jeden ökologischen Beweggrund — eine kulturelle Haltung.

Ist der kulturelle Wert des Bestands ein eigenständiger Grund oder nur ein willkommenes Nebenargument, wenn die CO₂-Bilanz ohnehin für den Erhalt spricht? Das ist eine der Fragen des Seminars. Wir diskutieren dazu gegensätzliche theoretische Positionen: Von Hermann Czech, der das Weiterbauen als Fortführen des Vorhandenen versteht, bis zu Oskar Hansens ‚Forma Otwarta', die es aus der Teilhabe der Nutzer begründet — und fragen, wie sie sich in der gebauten Umwelt niederschlagen. Durch die Analyse ausgewählter Fallstudien arbeiten wir, mittels Zeichnung und Model, Strategien des Weiterbauens heraus.

1 Der Begriff „Goldene Energie“ wurde von der Bundesstiftung Baukultur im Baukulturbericht 2022/23 „Neue Umbaukultur" geprägt und am 8. November 2022 vorgestellt.
2 Hermann Czech, „Der Umbau",1977, in: Zur Abwechslung. Ausgewählte Schriften zur Architektur, Löcker, Wien 1996.

Anforderungen
Anmeldung bei Moodle, regelmäßige Teilnahme; vor- und nachbereitende Lektüre 

Prüfungsleistungen
Diskussionsleitung, Vortrag, zeichnerische Analyse, Modell, schriftliche Ausarbeitung