KI macht Leitstellen wetterfest für resiliente Notfallstrukturen
Drei Jahre lang untersuchte die Brandenburgische Technische Universität Cottbus-Senftenberg (BTU) gemeinsam mit Partnern aus Politik und Wirtschaft, wie Leitstellen auch unter Extrembedingungen handlungsfähig bleiben. Das Ergebnis: Ein digitales Upgrade ist nicht nur möglich – sondern dringend notwendig.
KI erkennt Belastungsspitzen, bevor sie entstehen
Im Projekt wurden erstmals reale Leitstellendaten mit Wetter-, Geo- und Mobilitätsdaten in einem integrierten Modell zusammengeführt. Die entwickelten KI-basierten Prognose- und Simulationstools ermöglichen es, Einsatzaufkommen, Ressourcenbedarf und drohende Engpässe frühzeitig zu erkennen – sowohl im Regelbetrieb als auch bei außergewöhnlichen Lagen wie Hitzewellen oder Starkregen.
"Das Projekt AIRCIS zeigt eindrucksvoll, wie moderne mathematische Verfahren der künstlichen Intelligenz zur Verbesserung des Rettungswesens eingesetzt werden können", sagt Prof. Armin Fügenschuh, Leiter des Fachgebiets Ingenieurmathematik und Numerik der Optimierung an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg. "In der Lausitz entwickelt und erprobt, sind sie vielleicht bald schon bundesweit im Einsatz."
Leitstellen verfügen bereits über große Datenmengen. Das Projekt "Artificial Intelligence in Rescue Chains", kurz AIRCIS, zeigt jedoch: Ihr Potenzial wird bislang nicht systematisch ausgeschöpft. Mit intelligenten Analyse- und Simulationsverfahren können Ressourcen gezielter eingesetzt und Reaktionszeiten spürbar verbessert werden.
"Projekte wie AIRCIS machen die Rettungskette widerstandsfähiger. Ob in der Stadt, auf dem Land, bei Hitze oder Hochwasser: Das KI-gestützte Prognose- und Simulationssystem unterstützt Leitstellen bei der gezielten Planung von Ressourcen und hilft somit, Menschenleben zu retten", erklärt Dr. Claudia Elif Stutz, Staatssekretärin im Bundesministerium für Verkehr.
Klare Empfehlungen für die Notfallversorgung von morgen
Der Abschlussbericht formuliert konkrete Handlungsempfehlungen – weit über die Modellregion hinaus:
- Stärkung und Bündelung von Leitstellenstrukturen
- Überregionale Vernetzung statt kleinteiliger Einzellösungen
- Verbindliche Nutzung datenbasierter Entscheidungsunterstützung
- Integration von Extremwetter- und Klimarisiken in die Einsatzplanung
- Bundesweit harmonisierte Datenmodelle und Schnittstellen
Die Ergebnisse zeigen deutlich: Technisch modern ausgestattete, überregional vernetzte Leitstellen reagieren deutlich resilienter auf außergewöhnliche Lagen als heterogene Einzelstrukturen. Voraussetzung ist jedoch eine bundesweite Standardisierung der Datengrundlagen.
Besonders in urbanen Räumen, in denen die Folgen des Klimawandels besonders spürbar sind, können Digitale Zwillinge, simulationsbasierte Trainings und vorausschauende Einsatzplanung entscheidend zur Stabilität der Versorgung beitragen.
Notfallversorgung neu denken
Das Projekt wurde mit insgesamt rund drei Millionen Euro gefördert, davon 75 Prozent durch das Bundesministerium für Verkehr im Rahmen der Innovationsinitiative mFUND. Projektpartner waren das Brandenburgische Institut für Gesellschaft und Sicherheit (BIGS), die Industrieanlagen Betriebsgesellschaft mbH (IABG), die Brandenburgische Universität Cottbus-Senftenberg (BTU), das Start-up MOXI sowie die Integrierte Regionalleitstelle Cottbus. Die Koordination lag bei der Björn Steiger Stiftung.
"AIRCIS hat eindrucksvoll gezeigt, dass wir Notfallversorgung neu denken müssen: datenbasiert, vernetzt und resilient gegenüber den Folgen des Klimawandels“, betont Joachim von Beesten, Geschäftsführer für Innovation, Forschung und Sonderfahrzeuge bei der Björn Steiger Stiftung. „Jetzt kommt es darauf an, diese Erkenntnisse konsequent in politische Entscheidungen und praktische Umsetzung zu überführen – zum Schutz der Menschen, gerade in urbanen Räumen und bei Extremwetterlagen."
Die Stiftung bekräftigt vor diesem Hintergrund ihre Forderung nach klaren Mindeststandards, funktionalen Zuständigkeitsräumen und einer stärkeren Zusammenarbeit von Leitstellen über kommunale Grenzen hinweg. KI-gestützte Prognose- und Simulationstools sollten künftig fester Bestandteil der Leitstellenarbeit sein – nicht nur im Katastrophenfall, sondern auch in der strategischen Personal- und Fahrzeugplanung im Alltag.
Mit dem Abschluss von AIRCIS sieht die Björn Steiger Stiftung einen wichtigen Meilenstein auf dem Weg zu einer resilienten, zukunftsfesten Rettungslandschaft in Deutschland.
Über den mFUND des BMV
Im Rahmen der Innovationsinitiative mFUND fördert das Bundesministerium für Verkehr datenbasierte Forschungs- und Entwicklungsprojekte für die digitale und vernetzte Mobilität der Zukunft. Die Projektförderung wird ergänzt durch fachliche Vernetzung zwischen Akteuren aus Politik, Wirtschaft, Verwaltung und Forschung sowie durch die Bereitstellung offener Daten über die Mobilithek.
Weitere Informationen: www.mFUND.de | daten.plus
Über die Björn Steiger Stiftung
Die Björn Steiger Stiftung wurde 1969 von Ute und Siegfried Steiger gegründet, nachdem ihr Sohn infolge unzureichender Notfallversorgung nach einem Verkehrsunfall verstarb. Seitdem setzt sich die Stiftung für die Verbesserung des Rettungswesens in Deutschland ein. Zu ihren wegweisenden Initiativen zählen unter anderem die Einführung der Notrufnummern 110/112, die Gründung der Deutschen Rettungsflugwacht (DRF) sowie die Einrichtung von Notrufsäulen an Bundes- und Landstraßen.
Mit Projekten wie dem Baby-Notarztwagen, "Herzsicher" oder der 2025 eingereichten Verfassungsbeschwerde zur Schaffung einheitlicher Regelungen im Rettungsdienst treibt die Stiftung strukturelle Reformen voran. Seit 2024 engagiert sie sich zudem verstärkt in der Prävention von Verkehrsunfällen.
Fachkontakt
Ingenieurmathematik und Numerik der Optimierung
T +49 (0) 355 69-3127
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