Neues Verständnis von Selbstbestimmung während der Geburt
Forschungslücke: Selbstbestimmung unter realen Bedingungen
Ob Klinik, Geburtshaus oder Hausgeburt – die Perspektive der Hebammen auf selbstbestimmte Geburten war bisher wenig erforscht. Dabei beeinflussen sie das Geburtsgeschehen erheblich. Dr. Marie Tallarek interviewte zwölf Hebammen aus sieben Bundesländern. Ihr Ziel war es herauszufinden, wie die Hebammen Selbstbestimmung unter realen Bedingungen fördern und begrenzen.
Hebammen zwischen Ideal, Verantwortung und institutionellen Vorgaben
"Hebammen erleben Selbstbestimmung Gebärender unterschiedlich und müssen sie stets mit Fürsorgepflicht und Verantwortung abgleichen", so die Wissenschaftlerin aus dem BTU-Fachgebiet Gesundheitswissenschaften. "Zudem müssen sie sich an die Vorgaben ihrer Einrichtungen halten. Das kann die Optionen der Gebärenden und Hebammen während der Geburt durchaus einschränken." Deshalb gibt es für jede Entscheidung einen vorgegebenen 'Möglichkeitsrahmen', in dem Wünsche verhandelt werden. Er dient dazu, verantwortliches Handeln sicherzustellen. Die Reaktionen der Hebammen auf die Ansprüche der Gebärenden reichen von respektvoll-beziehungsorientiert bis standardisiert-regelbasiert. „Selbstbestimmte Geburten entstehen nie automatisch. Sie sind das Ergebnis ständiger Abwägung, Aushandlung und Beziehungsgestaltung."
Neuer Begriff: "verantwortlichte Selbstbestimmung"
Dr. Tallarek schlägt den Begriff der "durch die Hebamme verantwortlichten Selbstbestimmung" vor. Er beschreibt: Selbstbestimmung entsteht immer im Spannungsfeld zwischen Autonomie der Gebärenden und Verantwortung der Hebamme. Am besten gelingt der Balanceakt in einer – für beide Seiten – medizinisch und emotional sicheren Geburtssituation. Dieses Konzept integriert bisher getrennte Diskurse: Selbstbestimmung als Ideal, als Recht und als Verantwortung.
Bedeutung für die Geburtshilfe
Die Studie liefert empirische Impulse für die Reform der Geburtshilfe in Deutschland: Selbstbestimmung lässt sich dann verantwortungsvoll fördern, wenn Hebammen mit den Gebärenden eine vertrauensvolle Beziehung aufbauen können. Reformen sollten Rahmenbedingungen schaffen, die Hebammen handlungsfähig, sicher, beziehungsorientiert und evidenzbasiert agieren lassen.
Kurz gesagt: Die bestmögliche Geburtshilfe entsteht dort, wo Selbstbestimmung, Verantwortung und Vertrauen zusammenkommen.
Über Dr. Marie Tallarek
Dr. Tallarek promovierte an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg. Gutachtende waren Prof. Dr. Jacob Spallek, Prof. Dr. Annemarie Jost und Prof. Dr. Julia Leinweber (Charité – Universitätsmedizin Berlin). Seit 2018 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachgebiet Gesundheitswissenschaften der BTU und Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Hebammenwissenschaft. Sie ist Reviewerin für mehrere internationale Fachzeitschriften im Bereich Public Health.
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Gesundheitswissenschaften
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