Was Serien über unsere Einsamkeit verraten
Ein Physiker, der sich in seiner Nerd-Blase vor der Welt verschanzt. Eine Jugendliche, die sich das Leben nimmt und deren Kassetten mit ihrer Leidensgeschichte danach von Hand zu Hand gehen. Ein Junge, der mit seiner Mutter im Nirgendwo ein Motel betreibt, wo es schon bald keine Gäste mehr geben wird. The Big Bang Theory, 13 Reasons Why, Bates Motel – drei Serien, drei Genres, drei völlig unterschiedliche Zielgruppen. Und doch, dachte sich der Wissenschaftler der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg (BTU), lief durch sie alle derselbe leise Strom: Einsamkeit, die sich in Bildern, Klängen und Geschichten ausdrückt, weil sie sich im wirklichen Leben so schwer aussprechen lässt.
Der Blick eines Medienwissenschaftlers auf das Alltagsmedium
Newiak, der am Fachgebiet für Angewandte Medienwissenschaften der BTU forscht und lehrt, ist kein Mensch der schnellen These. Wer seine Arbeiten verfolgt, erkennt einen Forscher, der lieber gründlich gräbt, als schnell zu urteilen. Aus seiner 2022 abgeschlossenen, zweiteiligen Dissertation “Televisuelle Ausdrucksformen moderner Einsamkeit. Diskurse und Analysen” gingen zwei eng miteinander verbundene Monografien hervor: “Die Einsamkeiten der Moderne” und “Einsamkeit in Serie”. Im ersten Band entwirft Newiak eine Kulturgeschichte der Vereinsamung, die von der Industrialisierung über die Urbanisierung bis zur digitalen Netzwerkgesellschaft reicht. Seine These darin: Die Moderne verspricht Freiheit, Individualität und Fortschritt, verlangt dafür aber einen Preis und dieser Preis zeigt sich in immer neuen und immer härteren Formen der Einsamkeit.
Der zweite Teil dieses Forschungsprojekts führt diese gesellschaftstheoretische Diagnose ins Konkrete. Für Newiak liegt der dafür besonders aufschlussreiche Ort im Fernsehen. Genauer: in der Serie, jenem Format, das wie kaum ein anderes über lange Zeiträume mit seinem Publikum mitwächst, Figuren über viele Episoden begleitet und dabei Raum hat, etwas so Diffuses wie Einsamkeit in großer Tiefe zu entfalten.
Drei Serien, ein Werkzeugkasten
Aus diesem medienanalytischen Teil der Dissertation wurde 2022 das Buch “Einsamkeit in Serie”. In diesen Wochen erscheint es nun als internationale Ausgabe bei dem renommierten Londoner Fachverlag Palgrave Macmillan der Verlagsgruppe Springer Nature unter dem Titel “Loneliness in Series: Televisual Expressions of Modern Loneliness”.
Newiaks Vorgehen darin ist von der Sorgfalt eines Kartografen geprägt. Er entwickelt, was er selbst eine "Ikonografie moderner Einsamkeit" nennt: ein Analyseschema, mit dem sich Bilder, Kameraeinstellungen, Farbdramaturgien, aber auch Erzählstrukturen und sogar der Sound einer Serie systematisch danach befragen lassen, wie sie Einsamkeit sichtbar machen. Kapitel für Kapitel arbeitet er sich durch die drei Serien – von den visuellen Ästhetiken über die großen Erzählthemen bis hin zu den einzelnen einsamen Figuren, die diese Geschichten tragen. Ein eigenes Kapitel widmet er allein dem Klang der Einsamkeit: jenen Stille-Momenten, Soundeffekten und musikalischen Leerstellen, mit denen Serien das Gefühl des Alleinseins hörbar machen, bevor ein Wort fällt. Am Ende steht nicht nur eine Werkanalyse, sondern ein Instrumentarium, mit dem sich auch andere Serien, andere Genres, andere Zeiten auf ihre Einsamkeitsbilder hin lesen lassen.
Warum diese Forschung nun international weiterwirkt
Dass diese Forschung nun ins Englische übersetzt bei einem der großen internationalen Wissenschaftsverlage erscheint, ist mehr als eine formale Randnotiz. Es ist die Geschichte eines Themas, das zur richtigen Zeit auf die richtige Frage trifft. Einsamkeit ist in den vergangenen Jahren von einem privaten Gefühl zu einem öffentlichen Politikum geworden. Großbritannien benannte 2018 erstmals einen Minister mit ausdrücklicher Zuständigkeit für das Thema und legte eine nationale Strategie gegen Einsamkeit vor, die Weltgesundheitsorganisation warnt vor den gesundheitlichen Folgen sozialer Isolation, und nach den Jahren der Pandemie und ihrer Kontaktbeschränkungen ist das Thema in vielen Gesellschaften noch stärker ins öffentliche Bewusstsein gerückt.
Newiak liefert dazu keinen weiteren Ratgeber und keine Statistik, sondern etwas, das in der öffentlichen Debatte oft fehlt: eine kulturelle Übersetzung. Eine Grundannahme, die sich durch einen großen Teil seiner Arbeiten zieht und Serien wie “Sløborn” oder zum Umgang mit Blackout-Szenarien in Film und Fernsehen lautet, dass Fiktion uns hilft, Dinge zu verstehen, die im echten Leben zu groß, zu diffus oder zu bedrohlich sind, um sie direkt anzusehen. Eine Serie kann zeigen, wonach die Statistik nur fragt.
Am Ende seines Buches wagt Newiak einen Ausblick, den er programmatisch überschreibt: “Die Einsamkeiten der Moderne und die Gemeinschaften des Fernsehens”. Es ist ein Satz, der eine zentrale Pointe dieses Forschungsstrangs trägt: Ausgerechnet das Medium, das oft als Fluchtmittel aus dem echten Leben gilt, kann ein Raum sein, in dem sich Gesellschaften ihrer eigenen Vereinzelung stellen – gemeinsam, vermittelt durch denselben Bildschirm.
Zum Buch: Denis Newiak: Loneliness in Series. Televisual Expressions of Modern Loneliness. Palgrave Macmillan, Wiesbaden 2026, 308 Seiten. DOI: 10.1007/978-3-658-40791-9
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