"Das große Ganze verstehen – und dann ganz klein werden"
Schon als Kind saß sie auf dem Balkon, blickte in den Sternenhimmel und stellte sich Fragen, die größer waren als alles, was sie greifen konnte: Woher kommt das Licht der Sterne? Wie alt ist das Universum? Und was hält eigentlich alles zusammen?
“Dieses Unvorstellbare von Raum und Zeit – das hat mich nie losgelassen”, sagt die BTU-Wissenschaftlerin Prof. Dr. Christine Ruffert. “Ich zitiere da auch gern Goethe: ‘Was die Welt im Innersten zusammenhält.’”
Vom Staunen zur Wissenschaft
Der Weg in die Physik begann nicht mit Formeln, sondern mit Neugier. Ein prägender Moment: ein Buch ihres Vaters über Einsteins berühmte Formel. "Ich war vielleicht zwölf und habe gar nichts verstanden. Aber genau das hat mich gereizt. Ich wollte wissen, was da drinsteht und dahinkommen, um zu verstehen."
Diese Mischung aus Faszination und Frustration wurde zum Antrieb. Physik bedeutete für die Wissenschaftlerin nicht nur Wissen, sondern die Fähigkeit, sich die Welt selbst zu erschließen. “Man lernt, sich Dinge herzuleiten – und sich in völlig neue Themen hineinzudenken.”
Eine Erinnerung aus dem Studium zeigt, dass man mit Physik als Hintergrund die Welt zu begreifen lernt: "Da sagte ein Professor: ‚In diesem Semester verstehen wir, warum ich mit meiner Hand nicht durch den Tisch greifen kann – obwohl Atome doch größtenteils leer sind.‘ – Auf die Erklärung war ich gespannt!“
Zwischen Kosmos und Mikrowelt
Was als Interesse am Universum begann, führte Christine Ruffert in die entgegengesetzte Richtung: in die Welt des Allerkleinsten. Mikrosystemtechnik wurde ihr Fachgebiet – eine Entscheidung aus dem Bauch heraus. „Ich habe das im Nebenfachkatalog gesehen und wusste sofort: Das ist es!“
Im Reinraum fertigte sie als Doktorandin selbst mikroskopisch kleine Strukturen – präzise, filigran, fast kunstvoll. „Ich bin auch eine Ästhetin. Diese feinen Strukturen, die in allen Farben schillern – das hat etwas unglaublich Faszinierendes.“
Und es geht um mehr als Technik: „Ich muss etwas erschaffen. Ich möchte am Ende etwas in der Hand halten und sagen: Das habe ich gemacht.“
Forschung mit Wirkung
Heute verbindet die Wissenschaftlerin im Fachgebiet Mikro- und Nanosysteme Grundlagenforschung mit Anwendung – zwischen Universität und der Fraunhofer-Gesellschaft. Genau diese Schnittstelle ist ihr wichtig. „Ich wollte nie nur im Elfenbeinturm forschen (der bei uns vermutlich aus dem Wafermaterial Silizium besteht). Ich möchte, dass was wir tun, der Gesellschaft nutzt.“
Ein zentrales Thema: Sensorik als Grundlage der Digitalisierung. „Sensoren sind die Sinnesorgane der Digitalisierung“, formulierte einst der BTU-Professor Harald Schenk – und beschreibt damit eine Schlüsselrolle des Fachs. Denn ohne Messdaten keine Digitalisierung:
Ob Smart Home, medizinische Diagnostik oder Industrieanlagen – überall liefern Sensoren die Basis für intelligente Systeme.
Wenn Maschinen “fühlen” lernen
Besonders fasziniert die Forscherin die industrielle Anwendung: Predictive Maintenance. „Wir bringen Maschinen bei, zu ‚merken‘, wann sie bald kaputtgehen.“
Ziel ist die Verbesserung von Wartungszyklen. Predictive Maintenance, oder besser zu Deutschvorausschauende Wartung, zielt vereinfacht darauf ab, dass Maschinen und Anlagen bei Bedarf proaktiv gewartet werden, damit es möglichst nicht zu ungeplanten Stillständen oder Qualitätsverlusten kommt. Ungeplante Stillstände erzeugen Unregelmäßigkeiten, Hektik, hohe Kosten und zu spät ausgelieferte Aufträge.
Sensoren erfassen dabei kleinste Veränderungen, Algorithmen erkennen Muster. Das Ziel: Ausfälle verhindern, bevor sie entstehen. „Wenn eine große Maschine stillsteht, kostet das sofort enorme Summen. Wenn wir das verhindern können, ist das ein riesiger Mehrwert.“
Das Labor kommt zum Patienten
Doch nicht nur Industrie interessiert Christine Ruffert. Ein großes Zukunftsfeld sieht sie in der Medizin und Pflege. „Wir müssen Menschen ermöglichen, länger zu Hause zu leben – auch im Alter oder bei Krankheit.“ Sensorik kann Vitaldaten erfassen, Diagnosen erleichtern und Betreuung effizienter machen. – Point-of-Care-Diagnostik: „Das Labor kommt zum Patienten.“
Transfer statt Elfenbeinturm
Ein besonderes Anliegen ist ihr der Austausch zwischen Wissenschaft und Wirtschaft. Mit der von ihr initiierten Transferkonferenz iCampµs Cottbus Conference 2026 bringt Christine Ruffert beide Welten zusammen.
„Für viele Unternehmen ist die Universität eine Blackbox. Und viele Forschende wissen nicht, was draußen gebraucht wird.“
Ihr Ziel: echte Zusammenarbeit. „Die einen zeigen, was sie können – die anderen sagen, was sie brauchen.“
Frauen in der Wissenschaft: Leistung und Haltung
Als Frau in einem männerdominierten Fach hat die Wissenschaftlerin unterschiedliche Erfahrungen gemacht. „Frauen müssen oft mehr leisten, um gesehen zu werden – das ist einfach so.“ Entscheidend seien Vorbilder und Netzwerke. „Man braucht Menschen, die einen unterstützen und sollte das später weitergeben.“
Wissenschaft erklären – Verantwortung übernehmen
Neben Forschung sieht Christine Ruffert eine klare gesellschaftliche Aufgabe: Aufklärung. „Wir müssen erklären, was wir tun – verständlich und greifbar.“ Gerade in Zeiten von Fehlinformationen sei das entscheidend. „Unwissen erzeugt Angst. Und dagegen hilft nur Verständnis.“
Stillstand ist für die Wissenschaftlerin keine Option. „Wenn wir zufrieden mit dem Erreichten wären, würden wir uns nicht weiterentwickeln. Dann säßen wir noch auf den Bäumen.“ Sie lächelt.
Ihr persönliches Herzensthema bleibt der Umwelt- und Klimaschutz. Und so spannt sich der Bogen ihres Weges weiter – vom Blick in die Sterne bis zur Entwicklung intelligenter Sensoren. Oder, wie sie es selbst sagt: „Das große Ganze verstehen – und dann ganz klein werden.“
Kontakt
Mikro- und Nanosysteme
T +49 (0) 355 69-3336
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