BTU-Student Ruben Scherer bei ICOMOS-Studierendenwettbewerb 2025 ausgezeichnet
Schon seit 1988 fährt keine Seilbahn mehr auf der Nutsubidze-Straße–Lisi-See Linie in Tiflis (Georgien). Die Linie bot früher öffentlichen Transport und Zugang zu Erholungsgebieten für alle Bewohner*innen der Stadt; sie verkörperte damit die Ideale der gesellschaftlichen Gleichheit in der Sowjetunion. Die Gondeln und Passager*innen sind verschwunden, aber die Spuren der Infrastruktur sind geblieben.
Zwischen Verfall und neuer Nutzung
Mit seinem Poster zur Seilbahnstation am Lisi-See erläutert Ruben Scherer nicht nur die Geschichte der Haltestellen und der dazugehörigen Infrastruktur, sondern zeigt auch, welche Potenziale heute in ihnen stecken: „Nach der Stilllegung wurden viele dieser Stationen informell angeeignet. Die Menschen nutzten sie als Geschäfte, Salons oder Wechselstuben, teilweise auch als Wohnraum. Darüber hinaus fungieren sie als Treffpunkte oder als Orte für Graffiti und sozialen Kommentar.“
„Ich sehe großes Potenzial für eine formalisierte, aber dennoch flexible Umnutzung, etwa als Ausstellungsräume oder als kulturelle Treffpunkte. Entscheidend ist dabei ein minimalinvasiver Ansatz, der die bestehende architektonische Struktur und den Charakter der Bauten weitgehend erhält“, ergänzt er mit Bezug auf aktuell ungenutzte Stationen der alten Seilbahnlinie.
Ruben Scherer schlägt auf seinem Poster vor, in den leerstehenden Räumen der Lisi-See Haltestelle ein Café und ein Co-Working-Space sowie Ausstellungsflächen einzurichten. Mit nur minimalen Änderungen am Gebäude könnte man trotz moderner Nutzung den funktionellen Charakter der Seilbahnstation bewahren, so seine Ausarbeitungen.
Auf Spurensuche im Stadtraum
Ruben Scherer wohnt in Tiflis (Georgien). Die Seilbahnstation am Lisi-See hat er beim Erkunden der Stadt entdeckt: „Ich habe in der Stadt aktiv nach Strukturen recherchiert und gesucht, die zwar noch physisch vorhanden sind, im heutigen Stadtraum jedoch kaum noch wahrgenommen oder genutzt werden.“
Schlussendlich hat er sich für die Seilbahnstation am Lisi-See entschieden, weil sie „exemplarisch für eine ganze Gruppe von Bauwerken steht, die heute weitgehend übersehen werden. Sie ist Teil eines größeren Netzwerks von Verkehrsbauten, die in der Sowjetzeit eine zentrale Rolle für Mobilität und Freizeit gespielt haben. Gleichzeitig befindet sich das Gebäude heute in einem Zustand zwischen Verfall, informeller Aneignung und potenzieller Wiederentdeckung. Gerade diese Mehrschichtigkeit finde ich besonders spannend“, fasst er zusammen.
Auszeichnung beim ICOMOS-Studierendenwettbewerb
Das Poster ist im Rahmen eines Studienprojekts im Sommersemester 2025 entstanden. Die entsprechende Lehrveranstaltung wurde im Bereich Architektur und Visualisierung / Konstruktionsgeschichte angeboten. Betreut wurde das Projekt durch Soheil Nazari (Mitglied des DFG-Graduiertenkollegs 1913 „Kulturelle und technische Werte historischer Bauten“), Jacopo Spinelli (Lehrstuhl Architektur und Visualisierung) und Prof. Dominik Lengyel (Lehrstuhl Architektur und Visualisierung).
Für den Studierendenwettbewerb des International Council on Monuments and Sites (ICOMOS) 2025 wurden rund 55 studentische Arbeiten eingereicht. Neun Arbeiten wählte die Jury aus und prämierte diese. Im Fokus des Studierendenwettbewerbs "1960+ / Konstruktion" stand das konstruktive Erbe des späten 20. Jahrhunderts.
World Heritage Studies an der BTU studieren
Der internationale Masterstudiengang World Heritage Studies (WHS) vermittelt Studierenden praktische Fähigkeiten und theoretische Grundlagen, die für die Identifizierung, den Schutz, die Verwaltung und die Präsentation von Kultur- und Naturerbestätten unerlässlich sind. Das Studium kann in Präsenz oder vollständig online absolviert werden.



