Fäden, die verbinden: Wie Stickkunst Ukrainerinnen in Berlin eine neue Heimat weben hilft
Bis zu 30 Menschen in acht Workshops, vier Meisterstickerinnen aus der Ukraine, ein Dokumentarfilm, ein Solidaritäts-Essensverkauf und am Ende eine Ausstellung, die zeigt, was entstehen kann, wenn Menschen gemeinsam sticken. Das Projekt im Fachgebiet Interkulturalität der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg (BTU) mit dem Titel “Connecting Threads – Building Community Through Vyshyvanka” ist ein Versuch, aus verstreuten Biografien wieder ein Gewebe zu machen.
Ein Kleidungsstück als Landkarte der Identität
Vyshyvanka – das traditionelle ukrainische Stickhemd – ist in der Ukraine weit mehr als Folklore. Jede Region, teils jedes Dorf, hat eigene Muster, Farben und Stichtechniken. Wer die Symbole lesen kann, kann daraus ablesen, woher jemand stammt. Für Menschen, die durch den Krieg aus genau diesen Regionen vertrieben wurden, wird das Kleidungsstück zu etwas anderem: zu einem tragbaren Beweis dafür, dass die Heimat nicht verloren ist, sondern nur verlagert.
Genau hier setzt das Projekt an, initiiert von Dr. Estibaliz Sienra Iracheta, Kulturerbe-Forscherin der BTU. Seit 2024 begleitet sie mit dem Pilotprojekt "Embroidering Ukraine in Berlin" bereits erste Gruppen. "Connecting Threads" ist die konsequente Weiterentwicklung: wissenschaftlich fundiert, künstlerisch offen, sozial engagiert.
Zwischen Nadelöhr und Wissenschaft
Was das Projekt besonders macht, ist sein doppelter Boden. Auf der einen Seite steht die künstlerische Praxis: Unter Anleitung von Meisterstickerinnen wie Natalka Tyutyunnik und Tetiana Sukhodolskaya lernen die Teilnehmenden regionale Sticharten, Motive und Muster – handwerkliches Wissen, das über Generationen mündlich und durch Vormachen weitergegeben wurde und nun durch Flucht und Vertreibung zu verschwinden droht.
Auf der anderen Seite steht ethnografische Forschung. Interviews, Feldnotizen, audiovisuelle Dokumentation – all das fließt in eine wissenschaftliche Auswertung darüber, wie kulturelle Praxis in Situationen der Vertreibung kollektive Handlungsfähigkeit und Resilienz stärken kann. Die Forscherinnen sprechen dabei ausdrücklich von einer "Ethik der Sorge": Bevor irgendetwas dokumentiert oder veröffentlicht wird, muss jede sensible Information individuell freigegeben werden. Wer über Krieg, Flucht, Trennung oder Depression spricht, entscheidet selbst, was davon nach außen dringt.
Der Auftakt: Film, Diskussion, Essen
Am Donnerstag, 3. September 2026, öffnet die Spore Initiative in Berlin ihre Türen für die Auftaktveranstaltung. Gezeigt wird der Dokumentarfilm “Heritage of the Nation” (Спадок нації), anschließend diskutiert Lesia Voroniuk, Gründerin des World Vyshyvanka Day, über die Bedeutung der Stickkunst für die ukrainische Identität. Begleitet wird der Abend von einem Solidaritäts-Essensverkauf des Kollektivs Rondell Ukrainische Küchen & Kultur Berlin – Kultur, die durch den Magen geht, als niedrigschwelliger Einstieg für alle, die noch zögern, sich der Gruppe anzuschließen.
Danach beginnt die eigentliche Arbeit: An sieben weiteren Donnerstagen, jeweils im Zwei-Wochen-Rhythmus bis zum 10. Dezember, wird gestickt, erzählt, ausprobiert. Vier der Sitzungen stehen im Zeichen einzelner Meisterstickerinnen, die jeweils die Techniken ihrer Herkunftsregion vorstellen. Am Ende steht die Pop-up-Ausstellung – kuratiert nicht von Außenstehenden, sondern gemeinsam mit den Teilnehmenden selbst.
Zahlen, die den Rahmen setzen
Die nüchterne Statistik dahinter: Laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge sind seit 2022 mehr als 75.800 ukrainische Geflüchtete allein in Berlin angekommen – überwiegend Frauen, Kinder und Jugendliche. Viele von ihnen leben mit befristetem Schutzstatus, in einer Warteschleife zwischen Ankommen und Zurückkehren-Wollen. Das Projekt öffnet sich bewusst für alle, unabhängig von Aufenthaltsstatus, Alter, Geschlecht oder Behinderung. Die Räume der Spore Initiative sind barrierefrei, alle Treffen werden Ukrainisch-Englisch gedolmetscht, Kinder sind in Begleitung willkommen – eine formale Kinderbetreuung gibt es allerdings nicht, ebenso wenig wie eine klinische psychologische Betreuung. Das Projekt ist explizit kein Therapieangebot, auch wenn es therapeutisch wirken kann.
Mehr als ein Kurs
Was als Handarbeitsworkshop beginnt, ist als Ermächtigungsprojekt gedacht. Die Initiatorinnen sprechen von „Visibilisierung" – dem sichtbaren Werden einer Gemeinschaft, die sonst oft nur als Statistik oder Nachrichtenmeldung wahrgenommen wird. Wer selbst entscheidet, welches Muster er stickt und welche Geschichte er dazu erzählt, gewinnt ein Stück Autorenschaft über die eigene Erzählung zurück – ein Gegenentwurf zur Fremdbestimmung, die Flucht und Ankunft in einem neuen Land oft mit sich bringen.
Langfristig soll das Projekt über die Ausstellung hinauswirken: mit einem digitalen Multimedia-Archiv, wissenschaftlichen Publikationen und der Vision, das Modell auch in anderen Städten und Ländern anzubieten, in denen Ukrainerinnen und Ukrainer heute leben. Manche Teilnehmerinnen könnten aus den erlernten Techniken sogar später ein kleines Einkommen erwirtschaften – etwa durch Verkauf eigener Stickarbeiten.
Fäden als Widerstand
Am Ende bleibt ein Bild, das dem Projekt seinen Namen gibt: Fäden, einzeln betrachtet verletzlich, werden im Stich zu einem Muster, das trägt. Für Menschen, deren Lebensfäden der Krieg brutal durchtrennt hat, ist das Nadel-für-Nadel-Weiterarbeiten vielleicht die stillste, aber hartnäckigste Form von Widerstand: das Weiterspinnen einer Geschichte, die nicht enden soll, nur weil sie unterbrochen wurde.
Anmeldung zu den Workshops unter connecting-threads(at)b-tu.de. Die Teilnahme ist kostenlos.
Kontakt
Interkulturalität
T +49 (0) 355 69-2516
Estibaliz.SienraIracheta(at)b-tu.de

