Sie rettet, was andere sprengen

Ein Abrissbagger frisst sich durch einen Plattenbau. Für die meisten Bauschutt. Für Angelika Mettke eine Schatzkammer. Seit 30 Jahren kämpft die BTU-Professorin gegen die Wegwerf-Mentalität der Baubranche und gibt tonnenschweren Betonplatten ein zweites Leben. Der Tagesspiegel zählt sie zu den 100 wichtigsten Köpfen der Berliner Wissenschaft.

Bis sechs Tonnen schwer, sechs Meter lang und eigentlich zum Sterben verurteilt. So sahen die Betonplatten nach dem Teilrückbau aus, die einst in einem Wohnblock in Großräschen verbaut waren, bevor die meisten auf der Baustelle zerkleinert wurden. Die meisten Menschen halten sie für Schutt. Für Angelika Mettke sind es intakte Betonplatten; sind sie Baumaterial. Heute stützen sie ein Vereinsheim im 30 Kilometer entfernten Kolkwitz – Wand für Wand und Decke für Decke wiedererrichtet, als wäre nichts gewesen. Genau das ist Mettkes Lebensthema: Betonplatten, die eigentlich im Schredder landen sollten, bekommen bei ihr eine zweite Chance.

Eine Idee, die ihrer Zeit 30 Jahre voraus war

Als Angelika Mettke in den Neunzigern anfing, über die Wiederverwendung von Betonfertigteilen zu forschen, kannte kaum jemand das Wort "Kreislaufwirtschaft". Heute ist es in jeder Klimadebatte präsent und Mettke plötzlich mittendrin in einem Thema, das sie schon bearbeitete, als es noch keiner ernst nahm.

Ihr Kernargument ist so simpel wie unwiderlegbar: "Kiese, Sande, Kalkstein und Ton wachsen nicht nach." Jede Tonne Beton, die man rettet, ist eine Tonne, die niemand aus dem Boden holen muss. Für die Visionärin ist der eigentliche Skandal nicht das Bauen mit gebrauchten Teilen, sondern der gedankenlose Abriss, der täglich in Deutschland stattfindet.

97 Prozent – eine Zahl, die man sich merken sollte

Bis zu 97 Prozent CO₂-Emissionen lassen sich einsparen, wenn man gebrauchte statt neu produzierter Bauteile verwendet, hat Mettke berechnet. Zur Einordnung: Das ist nicht die Größenordnung, mit der man ein bisschen grüner baut – das ist eine Zahl, die eine ganze Branche umkrempeln könnte, würde sie ernst genommen.

Genau daran arbeitet die BTU-Professorin im europäischen Forschungsprojekt "ReCreate": Standards, digitale Werkzeuge, Verfahren – damit aus einer Einzelidee ein System wird. Kolkwitz ist dabei kein Ausflug ins Symbolische, sondern der Praxistest, live auf der Baustelle.

Der Haken: Es fehlt schlicht der Marktplatz

So überzeugend die Idee ist, so mühsam bleibt der Alltag. Wer gebrauchte Bauteile sucht, landet mangels Alternativen oft direkt bei Mettkes Professur – ein Zustand, den sie selbst als unhaltbar bezeichnet. Ihr Team baut deshalb parallel an etwas, das es in Deutschland kaum gibt: einer echten Vermarktungsplattform für gebrauchte Bauteile. Mit dem gegründeten Start up -Unternehmen Greyloop im September 2026 soll dieses Hemmnis gelöst werden Denn eine gute Idee nützt wenig, wenn es keinen Ort gibt, an dem Angebot und Nachfrage sich finden. 

Ausgezeichnet, aber noch lange nicht am Ziel

Die Fachwelt hat reagiert, wenn auch spät: 2016 der Deutsche Umweltpreis – eine der höchsten Auszeichnungen ihrer Art in Deutschland. Im Juni 2017 hat sie den Award 25 Frauen für eine bessere Umwelt in Berlin und im Oktober 2025 dann der Swedish Concrete Award in Stockholm, verliehen bekommen für ihr Lebenswerk. Drei Preise, drei Jahrzehnte auseinander und dazwischen eine Forscherin, die einfach weitergemacht hat, auch als kaum jemand hinschaute. Nun reiht sich eine weitere Anerkennung ein: Der Tagesspiegel würdigt Angelika Mettke im Rahmen seiner jährlichen Serie "Die 100 wichtigsten Köpfe der Berliner Wissenschaft" – einem Format, mit dem die Redaktion seit 2023 Forschende aus der Hauptstadtregion vorstellt, die durch herausragende Leistungen, exzellente Lehre oder gesellschaftliches Engagement wirken.

Warum es jetzt wichtig wird

Die Forschung von Angelika Mettke trifft heute auf eine Baubranche unter Druck: knappe Rohstoffe, Klimaziele, steigende Kosten. Ihre Antwort darauf klingt fast zu einfach, um wahr zu sein – und ist gerade deshalb so überzeugend: Man muss nicht immer Neues erfinden. Manchmal reicht es, genauer hinzuschauen, was längst da ist.

Kontakt

Prof. PD Dr.-Ing. habil. Angelika Mettke
Bauliches Recycling
T +49 (0) 355 69-2270
mettke(at)b-tu.de

Kristin Ebert
Kommunikation und Marketing
T +49 (0) 355 69-2115
kristin.ebert(at)b-tu.de
Gebrauchte Betonplatten statt Bauschutt: Prof. Angelika Mettke erforscht seit 30 Jahren die Wiederverwendung von Betonfertigteilen.