Kultur stärkt Demokratie und Zusammenhalt im ländlichen Raum – langfristige Wirkung braucht verlässliche Förderung

Kultur ist ein entscheidender Faktor für die Zukunft ländlicher Regionen. Forschende der BTU Cottbus-Senftenberg belegen erstmals umfassend, wie kulturelle Netzwerke gesellschaftliche Teilhabe fördern, regionale Entwicklung anstoßen und demokratischen Zusammenhalt stärken.

Die Studie macht zugleich deutlich: Nachhaltige Wirkung entsteht nur dort, wo langfristiges Engagement auf verlässliche Förderstrukturen trifft.

Mit dem erfolgreichen Abschluss des Forschungsprojekts LANDKULTUREN: Teilhabe – Zukunft (LaKuTeZu) legt das Fachgebiet Stadtplanung der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg (BTU) unter der Leitung von Prof. Dr. Nina Gribat neue Erkenntnisse zur Bedeutung von Kultur in ländlichen Transformationsräumen vor. Die dreijährige, vom Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMLEH) geförderte Forschung im Landkreis Oder-Spree zeigt, dass Kulturakteure weit mehr leisten als kulturelle Angebote: Sie schaffen Begegnungsorte, fördern gesellschaftliche Teilhabe, aktivieren lokales Engagement und stärken die Widerstandsfähigkeit ihrer Regionen gegenüber gesellschaftlichen Veränderungen.

Die Untersuchung unterstreicht damit die gesellschaftliche Relevanz kultureller Infrastruktur. Gerade in ländlichen Räumen übernehmen Kulturakteure zunehmend Funktionen, die für den Zusammenhalt von Gemeinschaften und die Gestaltung regionaler Zukunftsperspektiven von zentraler Bedeutung sind.

Zugleich identifiziert die Forschung einen entscheidenden Zielkonflikt: Vertrauen, Kooperationen und lokale Netzwerke entstehen über Jahre. Viele Förderprogramme sind jedoch auf kurze Projektlaufzeiten angelegt. Die Ergebnisse legen nahe, dass kulturelle Netzwerke ihr gesellschaftliches Potenzial nur dann dauerhaft entfalten können, wenn Förderstrukturen langfristige Entwicklung ermöglichen.

“Unsere Forschung zeigt deutlich: Kultur ist in ländlichen Räumen kein Zusatzangebot, sondern Teil gesellschaftlicher Infrastruktur”, sagt Christoph Muth, Wissenschaftler und Koordinator des Projekts im Fachgebiet Stadtplanung. “Kulturakteure schaffen Räume für Austausch, Beteiligung und gemeinsames Handeln. Damit leisten sie einen wichtigen Beitrag zu Zusammenhalt, Teilhabe und Zukunftsfähigkeit.”

Unterschiedliche Wege, gleiche Wirkung

Im Fokus der Untersuchung standen zwei Kulturprojekte im Landkreis Oder-Spree, die vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur (MWFK) des Landes Brandenburg als Regionale kulturelle Ankerpunkte gefördert werden:

  • Campus Kultur, initiiert von der Burg Beeskow: ein dezentrales Modell, das mit temporären Formaten kulturelle Teilhabe direkt in die Dörfer bringt.
  • DoK15518: ein kollaboratives Netzwerk freier Kulturakteure, das durch gemeinsame Ressourcen und langfristige Kooperation einen nachhaltigen Kulturstandort im ländlichen Raum entwickelt.

Trotz ihrer unterschiedlichen Ansätze gelangen beide Projekte zu einer gemeinsamen Erkenntnis: Kulturelle Wirksamkeit entsteht dort, wo Menschen dauerhaft miteinander verbunden werden und belastbare Netzwerke wachsen können.

Zentrale Ergebnisse auf einen Blick

  • Kulturelle Netzwerke stärken gesellschaftliche Teilhabe durch niedrigschwellige Zugänge und neue Formen der Beteiligung.
  • Kultur fördert regionale Entwicklung, indem sie lokale Potenziale aktiviert und gemeinsames Engagement ermöglicht.
  • Kulturelle Orte stärken demokratische Resilienz, weil sie Begegnung, Austausch und gemeinsames Handeln fördern.
  • Viele Kulturakteur*innen arbeiten in einer „Mischwirtschaft“ aus Kulturarbeit und weiteren Erwerbstätigkeiten – ein Hinweis auf strukturelle Herausforderungen im Kulturbereich.
  • Langfristige Wirkung braucht Kontinuität: Vertrauen und Kooperation entstehen nicht in Projektzyklen, sondern über Jahre hinweg.

“Unsere Fallstudien zeigen zwei unterschiedliche, aber gleichermaßen wirkungsvolle Modelle kultureller Praxis im ländlichen Raum”, erklärt Prof. Dr. Nina Gribat, Leiterin des Fachgebiets Stadtplanung. “Ob temporäre Kulturangebote in Dörfern oder dauerhaft etablierte Kulturorte – entscheidend sind stabile Netzwerke, langfristige Perspektiven und eine enge Verankerung vor Ort. Erst dadurch kann Kultur gesellschaftliche Teilhabe stärken und zur nachhaltigen Entwicklung ländlicher Räume beitragen.”

Forschung als Zusammenarbeit auf Augenhöhe

LaKuTeZu setzte auf ein partizipatives Forschungsdesign. In Workshops, Interviews und Kartierungsprozessen arbeiteten Wissenschaft und Praxis eng zusammen. Die entwickelte Methodik stärkt nicht nur den Wissenstransfer zwischen Hochschule und Region, sondern auch die Handlungsmöglichkeiten lokaler Akteur*innen.

Ein konkretes Ergebnis ist das praxisorientierte “Quartett der Landkulturen” sowie das dazugehörige “Glossar der Gelingensbedingungen”, die gemeinsam mit den Co-Forschenden Gerrit Gohlke und Lea Kontak von Ideenorte entwickelt wurden. Die Materialien machen zentrale Erkenntnisse der Forschung zugänglich und unterstützen Kommunen, Initiativen und Kulturakteure bei der Weiterentwicklung ihrer Arbeit.

BTU-Forschung liefert Impulse für Politik und Regionalentwicklung

Mit LaKuTeZu schließt die BTU Cottbus-Senftenberg eine wichtige Forschungslücke zur Rolle von Kultur in ländlichen Transformationsräumen. Die Ergebnisse liefern konkrete Anhaltspunkte für Politik, Verwaltung und Regionalentwicklung, wie gesellschaftlicher Zusammenhalt und regionale Entwicklung nachhaltig gestärkt werden können.

Die zentrale Botschaft der Studie lautet: Wer ländliche Räume zukunftsfähig gestalten will, sollte Kultur nicht als freiwillige Leistung betrachten, sondern als wesentlichen Bestandteil gesellschaftlicher Infrastruktur und regionaler Entwicklung.

 

Fachkontakt

Prof. Dr. phil. Nina Gribat
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Kulturelle Netzwerke stärken Zusammenhalt und Zukunftsperspektiven im ländlichen Raum: Die Burg Beeskow war einer der untersuchten kulturellen Ankerpunkte im BTU-Forschungsprojekt "LANDKULTUREN: Teilhabe – Zukunft".