Jugendarbeit und extrem rechte Gewalt in den 1990er Jahren (Arbeitstitel)

Das Promotionsprojekt untersucht die Wahrnehmung von und den Umgang mit extrem rechter Gewalt in den Angeboten der Jugendarbeit in Ostdeutschland in den 1990er Jahren. 

Im damaligen „Aktionsprogramm gegen Aggression und Gewalt“ (AgAG) wurden Jugendsozialarbeit und Jugendarbeit gefördert. Die zentralen Ziele waren Gewaltprävention und der Auf- und Ausbau von Jugendhilfestrukturen in den sogenannten neuen Bundesländern (Bohn/Münchmeier 1997: 11). Somit ist das AgAG an der Schnittstelle von Sozialer Arbeit und Demokratieförderung zu verorten, wobei es aus heutiger Perspektive auf der Ebene der Demokratieförderung als gescheitert gilt (u.a. Bruns 2019; Buderus 1998). Aktuelle Forschungen identifizieren und diskutieren vielschichtige konzeptionelle und strukturelle Faktoren, die das Scheitern mitbedingten (Bock et al. 2023; ReMoDe 2022). 

Hier schließt das Promotionsprojekt an und fragt im Rahmen biografisch-narrativer Interviews damalige Fachkräfte aus der Jugendarbeit und damalige nicht-rechte Jugendliche, wie sie die Gewalt der 1990er Jahre erinnern. Mit der Dokumentarischen Methode der Interpretation werden implizites und explizites Wissen der Interviewten sichtbar gemacht und individuelle und kollektive Handlungspraktiken identifiziert (Bohnsack 2014; Nohl 2017). Für die Analyse ist eine kontextsensible Betrachtung notwendig. Daher werden zeithistorische und aktuelle Erkenntnisse der kritischen und geschlechtersensiblen Rechtsextremismusforschung, der Transformationsforschung zu Ostdeutschland nach 89/90 und der diskriminierungssensiblen Sozialen Arbeit einbezogen. Eine grundsätzlich machtkritische Perspektive, basierend auf der Gesellschaftsanalyse der Dominanzkultur (Rommelspacher 1995), fokussiert die Betroffenen und das Betroffensein von der Gewalt als zentrales Erkenntnisinteresse. So leistet die Arbeit einen Beitrag zur Reflexion der Konzeptentwicklung in der Sozialen Arbeit und bildet eine Grundlage für das Entstehen neuer Methoden und Konzepte in der Praxis der Sozialen Arbeit zum Umgang mit Rechtsextremismus. 

 

Bock, Vero; Bruns, Lucia; Jänicke, Christin; Kopke, Christoph; Lehnert, Esther; Mildenberger, Helen (Hrsg.) (2023). Jugendarbeit, Polizei und rechte Jugendliche in den 1990er Jahren. Weinheim Basel: Beltz Juventa.

Bohnsack, Ralf (2014). Rekonstruktive Sozialforschung. Einführung in qualitative Methoden. 9. Auflage. Opladen & Toronto. Verlag Barbara Budrich.

Bruns, Lucia (2019). Der NSU-Komplex und die akzeptierende Jugendarbeit. Perspektiven aus der Sozialen Arbeit. Oldenburg: Bis-Verlag.

Buderus, Andreas (1998). Fünf Jahre Glatzenpflege auf Staatskosten: Jugendarbeit zwischen Politik und Pädagogik. Bonn: Pahl-Rugenstein Verlag Nachfolger GmbH. 

Nohl, Arnd-Michael (2017): Interview und Dokumentarische Methode. Anleitungen für die Forschungspraxis. 5. aktualisierte Auflage. Wiesbaden: Springer VS.

ReMoDe (2022). „Wir haben gedacht, wir müssten die Welt retten.“ Jugendarbeit mit „rechtsorientierten Jugendlichen“ – (k)ein Blick auf die 1990er Jahre. 

Rommelspacher, Birgit (1995). Dominanzkultur: Texte zu Fremdheit und Macht. Berlin: Orlanda Frauenverlag.

 

Bearbeiter*in: Stefanie Lindner