Partyfrage: "Und was machen Sie so beruflich?"
Antwort: "Architekturtheorie."
Fragendes Stirnrunzeln.

Wäre die Antwort: Friseur oder Architekt, wäre der weitere Gesprächsfortgang einfacher. Friseure formen Haare zu Kunstwerken, Architekten planen kunstvolle Bauwerke und leiten die dazu erforderlichen Arbeiten. Erstere erlernen dafür große handwerkliche Fertigkeiten, Geschmack, und ein umfassende Kenntnis der aktuellen Haartrends und -technologien. Letztere erlernen Geschmack, Wissen von Bauformen, -techniken und -moden und professionelle Kunstfertigkeiten.
Aber "Architekturtheorie?" Wer "macht" diese? Die Antwort zieht regelmäßig weitere Nachfragen - je nach professioneller Nähe der Fragenden zum Bauwesen auch implizite oder explizite Vorurteile ("praxisfernes Philosophieren ohne Bezug zur Realität", "schöngeistiges Architekturfeuilleton" usw.) - nach sich, welche die Befragten herausfordert, diese durch genauere Beschreibungen ihrer Tätigkeit zu entkräften.

Was also "machen" Architekturtheoretiker/innen mit welchen Mitteln und welchem Ziel? Wozu ist unser Fachgebiet nütze?

Eine erste Antwort ist einfach, allgemein und gerade deswegen nicht völlig befriedigend. Architekturtheorie beschäftigt sich mit Regeln und Prinzipien der Baukunst. Noch allgemeiner hat dies im Spannungsfeld zwischen Praxis und Theorie schon Kant beschrieben: "Man nennt einen Inbegriff selbst von praktischen Regeln alsdann Theorie, wenn diese Regeln, als Prinzipien, in einer gewissen Allgemeinheit gedacht werden, und dabei von einer Menge Bedingungen abstrahiert wird, die doch auf ihre Ausübung notwendig Einfluß haben. Umgekehrt, heißt nicht jede Hantierung, sondern nur diejenige Bewirkung eines Zwecks Praxis, welche als Befolgung gewisser im allgemeinen vorgestellten Prinzipien des Verfahrens gedacht wird." [Immanuel Kant: "Über den Gemeinspruch: Das mag in der Theorie richtig sein, taugt aber nicht für die Praxis", Werke in zehn Bänden. hg. von W. Weischedel, Bd. 9, Darmstadt, 1964, S. 127)
Es folgt daraus, dass es weder eine (Architektur-)theorie ohne Praxis, noch eine (Architektur)praxis ohne Theorie geben kann. Architektur ohne Theorie ist keine.
Die erste Aufgabe der Architekturtheorie ist nun, an einer wenigstens vorläufigen Verallgemeinerung heutiger wie früherer Regeln und Prinzipien hinsichtlich ihres Gegenstands vernünftig, verständlich vermittelnd, beschreibend und mit der Absicht das Wissen über den Gegenstand zu vermehren, kurz: wissenschaftlich zu forschen. Nun ist freilich ihr Gegenstand - etwa das "Bauen" manchmal betonschwer, oft omnipräsent - gar nicht so leicht greifbar wie es dessen physische Präsenz zunächst suggeriert. Der "Gegenstand" der Architektur ist nicht allein ein fertiges Gebäude, sondern ein Objekt das seine Entstehung selbst vielfältigen Überlegungen, Verhandlungen und praktischen Prozessen verdankt, das nachdem es "fertig" ist, gebraucht und bis zum völligen Verschwinden verändert wird, ja sogar durch die Arten des "Sehens", "Wahrnehmens" und "Vermittelt-Werdens" zu verschiedenen Zeiten erst als Architektur konstituiert wurde und wird.
Unsere Arbeitsbeschreibung ist bis hierhin, noch immer unbefriedigend, insofern wir nicht gesagt haben, wie wir überhaupt unser vernünftiges Verstandesurteil und die Auswahl des Gegenstandsbereichs begründen, oder einfacher gesagt, wie wir die Frage verlässlich beantworten können, ob etwas "der Fall der Regel" [ebd. S. 127] sei oder nicht. Hierauf müssen wir antworten, dass die Wahl des Gegenstandes meistens, wenn auch nicht ausschließlich, darin begründet ist, was in wissenschaftlichen Institutionen als wichtig für einen aktuellen und professionellen Diskurs angesehen wird. 

Wie und von wem aber wird diese Wahl getroffen? Kant fordert, dass es dazu "ein Mittelglied der Verknüpfung und des Übergangs" von der Theorie zur Praxis" brauche, denn ohne diesen "Actus der Urteilskraft" könne auch der reine Praktiker nicht unterscheiden, ob etwas "der Fall der Regel sei oder nicht." [ebd. S. 127] Gleichzeitig gibt es aber keine verbindlichen Regeln für diese Urteilskraft, da diese als Regel für die Beurteilung der Urteilsregeln logisch "ins unendliche gehen..." würden. [ebd. S. 127]
Dennoch muss das Urteil methodisch sein, denn so Kant: "Es kann sich [...] niemand für praktisch bewandert in einer Wissenschaft ausgeben und doch die Theorie verachten, ohne sich bloß zu geben, daß er in seinem Fache ein Ignorant sei: indem er glaubt, durch Herumtappen in Versuchen und Erfahrungen, ohne sich gewisse Prinzipien (die eigentlich das ausmachen, was man Theorie nennt) zu sammeln, und ohne sich ein Ganzes (welches, wenn dabei methodisch verfahren wird, System heißt) über sein Geschäft gedacht zu haben, weiter kommen zu können, als ihn die Theorie zu bringen vermag." [ebd. S. 128]
Wollen wir Architekturtheorie als zeitgemäße Architekturwissenschaft betreiben, dann werden wir nicht darum herumkommen, diese als "Interdiskurs" [Jürgen Link] zu betrachten, der zwischen unterschiedlichen Sichtweisen auf und unterschiedlichen Sprechweisen über einen heterogenen Gegenstandsbereich, der unter "Architektur" subsummiert wird, vermittelt. Einfacher gesagt Architekturtheorie "machen", heißt: Fragen an die Architektur zu stellen und vernünftig begründete Antworten darauf zu suchen.