Die Professorin, die dem Beton ein zweites Leben gibt
In Kolkwitz entsteht gerade ein zweigeschossiger Anbau an das im Jahr 2009 errichtete Vereinshaus aus gebrauchten Betonelementen mit rund 60 Betonplatten eines teilrück- und umgebauten Wohnblocks im nahen Großräschen – einige davon bis zu sechs Meter lang und knapp sechs Tonnen schwer. Darüber hinaus entsteht im Eingangsbereich ein Tickethaus und eine Garage für zwei Kleinbusse unter Verwendung von 21 gebrauchten Betonelementen.
Möglich wird Ihre Arbeit erst durch ihre Grundlagenforschung und ihre wissenschaftliche Arbeit im internationalen EU-geförderten Horizon-2020-Projekt “ReCreate”. Darin entwickelt die Wissenschaftlerin gemeinsam mit europäischen Partnern Verfahren, Standards und digitale Werkzeuge, damit gebrauchte Betonfertigteile künftig systematisch in neuen Bauprojekten eingesetzt werden können. Kolkwitz liefert dafür gewissermaßen den praktischen Beweis. Die Errichtung des Rohbaus wird von der BTU wissenschaftlich begleitet. Durch die Förderung der Ausbauarbeiten im Projekt “ReUse Hub”, geplant und überwacht vom Cottbuser Ingenieurbüro Jähne, werden diese Bauten noch in diesem Jahr fertiggestellt.
Pionierin einer Idee
Mettke leitet an der BTU das Arbeitsgebiet Bauliches Recycling. Ihre Grundidee ist unspektakulär formuliert, aber folgenreich: Bauteile aus alten Gebäuden nicht zu entsorgen, sondern in neuen Projekten weiterzuverwenden. Was heute unter den Begriffen Kreislaufwirtschaft und zirkuläres Bauen diskutiert wird, treibt die gebürtige Cottbuserin bereits seit rund drei Jahrzehnten um – lange bevor das Thema politisch an Fahrt gewann.
Kiese, Sande, Kalkstein und Ton wachsen nicht nach
Für Mettke sind die Betonelemente aus DDR-Plattenbauten keine Altlast, sondern – wie sie es selbst nennt – eine Schatzkammer. Die eigentliche Verschwendung liege nicht im Weiterbauen mit gebrauchten Teilen, sondern im gedankenlosen Abriss. Ihr Argument bringt sie auf den Punkt: “Kiese, Sande, Kalkstein und Ton wachsen nicht nach.”
Nach ihren eigenen Berechnungen lassen sich durch die Weiternutzung vorhandener Bauteile bis zu 97 Prozent der CO₂-Emissionen einsparen, die bei einer Neuproduktion anfallen würden – eine Zahl, die angesichts der Klimadebatte aufhorchen lässt. Im Oktober 2025 wurde Mettke für ihr Lebenswerk auf den Betongdagen in Stockholm mit dem Swedish Concrete Award ausgezeichnet, der höchsten Auszeichnung des schwedischen Betonverbands.
Forschung mit direktem Draht zur Baustelle
Mettkes Arbeit bleibt nicht in der Theorie stecken. Ihre Erkenntnisse entstehen im ständigen Austausch mit Ingenieurbüros, Rückbauunternehmen, Kommunen und Bauherren aus der Region sowie überregional und werden – wie in Kolkwitz – unmittelbar auf realen Baustellen erprobt.
Dabei benennt sie auch strukturelle Probleme klar: Bauherren, die gebrauchte Bauteile verwenden wollen, landeten mangels anderer Anlaufstellen oft direkt bei ihrer Professur. „Das kann nicht sein", sagt Mettke dazu. Ihr Team arbeitet deshalb parallel am Aufbau von Vermarktungsplattformen für wiederverwendbare Bauteile, damit nachhaltiges Bauen nicht die Ausnahme bleibt, sondern zur Regel wird.
Das Projekt in Kolkwitz zeigt exemplarisch, wie regionale Forschung praktische Antworten auf große Fragen liefert: wie sich Ressourcen schonen, Emissionen senken und nachhaltiges Bauen zugleich bezahlbar halten lassen. Für Angelika Mettke beginnt die Lösung nicht bei neuen Materialien – sondern bei einem neuen Blick auf das, was längst vorhanden ist.
Kontakt
Bauliches Recycling
T +49 (0) 355 69-2270
mettke(at)b-tu.de


