Architektur und Demokratisierung vergessene Zeugen alliierter Intervention im besetzten Deutschland nach 1945

In den Jahren 2019 und 2020 feierte Deutschland 70 Jahre seit seiner Nachkriegsteilung in West und Ost und 30 Jahre seit der Wiedervereinigung. Diese zwei Jubiläen bieten erneut Gelegenheit für eine Untersuchung der Prozesse, die 1949 zur Gründung der beiden deutschen Staaten führten, sowie der Prämissen, auf denen sie fußte und die 1990 bestätigt schienen: Prämissen wie die historische Notwendigkeit der Demokratie, der Wert des Internationalismus und die Möglichkeit einer friedlichen und stabilen Weltordnung. Angesichts der aktuellen Infragestellung dieser Ideen nicht nur hier, sondern in ganz Europa und darüber hinaus erscheint eine solche Überprüfung heute so relevant wie selten zuvor.

Auch die Architektur muss Teil dieser Diskussion sein. Sowohl die BRD als auch die DDR waren Visionen eines neuen, anderen und besseren Deutschland, das zum Teil durch Planung und Bau realisiert werden sollte. Die Rehabilitierung des Landes nach dem Nationalsozialismus und dem totalen Krieg – die Reform seiner politischen und sozialen Systeme, die Neuausrichtung seiner Wirtschaft, und nicht zuletzt die „reorientation" seiner Bevölkerung auf die von den Siegermächten unterschiedlich definierten Werte der Demokratie – sollte sich sowohl wörtlich als auch bildlich im Gefüge seiner wiederaufgebauten Städte ausdrücken.

Diese Arbeit wurde zwar weitgehend von den Deutschen selbst geleistet, war aber durchaus auch ein internationales Projekt, das von den alliierten Besatzungsmächten gefördert und überwacht wurde. Durch Unterstützung für bestimmte deutsche Initiativen im Bereich des Bauens, durch die Präsentation der eigenen Städte und Strukturen als Vorbilder, und durch die Bereitstellung erheblicher finanzieller und materieller sowie intellektueller Ressourcen für demokratiefördernde Projekte und Programme mit einer baulichen oder planerischen Dimension versuchten die militärischen und zivilen Behörden der Vereinigten Staaten, Großbritanniens, Frankreichs und der Sowjetunion den Charakter des deutschen Wiederaufbaus im Einklang mit ihren jeweiligen ideologischen und politischen Zielen zu beeinflussen.

Das Erbe dieser Bemühungen ist heute in der Landschaft des wiedervereinten Deutschlands überall zu finden. Veranstaltungen wie die Berliner Ausstellung „Geschenke der Amerikaner" 20091 erinnern gelegentlich daran; in diesem wie in anderen Kontexten sind es jedoch meist nur die offenkundigsten Ausdrücke der Ideologie sowie die großen Design-Highlights, die Beachtung finden. Unterdessen wird die überwiegende Mehrheit der alliierten Eingriffe in die gebaute Umwelt Deutschlands – diejenigen, die den Hauptteil der Demokratisierungsarbeit leisten sollten – weiterhin übersehen. Tatsächlich ist die architektonische Landschaft auf beiden Seiten der ehemaligen Binnengrenze und weit über Berlin hinaus mit Strukturen übersät, die mal auf mehr, mal auf weniger sichtbare Weise von den Versuchen der Besatzungsmächte zeugen, dauerhafte, supranationale Werte- und Interessengemeinschaften um das dehnbare Konzept der Demokratie zu bilden.

Internationale Tagung „Architektur und Demokratisierung"  3.-5. Juni 2021 an der Universität Bamberg bzw. online

Die Tagung „Architektur und Demokratisierung" stellte einen ersten Versuch dar, den oben umrissenen Missstand zu beheben. Ermutigt durch parallele Bemühungen in Österreich2 und ausgehend von der These, dass „Demokratie sichtbar gemacht werden muss, damit sie angeeignet werden kann"3, zielte die Veranstaltung darauf, mehr Aufmerksamkeit auf vergessene oder weniger bekannte Artefakte der westlichen und sowjetischen kulturpolitischen Intervention in die architektonische Landschaft Deutschlands lenken, um die Schaffung eines umfassenderen und detaillierteren Bild von dieser Aktivität zu ermöglichen.

Dabei wurde einen Schwerpunkt auf die Auseinandersetzung mit dem Wert dieses architektonischen Erbes der Vergangenheit als Quelle von Erkenntnissen für die Gegenwart gesetzt – sowohl als eine Reihe von Antworten auf eine frühere Krise der Demokratie als auch als eines der Mittel, mit denen die scheinbar dauerhafte Struktur der Nachkriegswelt verfestigt wurde. Ziel war und ist es, eine Basis für die Erhaltung und Inwertsetzung dieser historischen Ressource – keineswegs solide oder dauerhaft, sondern offensichtlich sehr anfällig und zerbrechlich – zu schaffen und damit ihre Sichtbarkeit und Zugänglichkeit für heutige und zukünftige Generationen zu gewährleisten.

Tagungsband „Architektur und Demokratisierung" - in Vorbereitung

Die Veröffentlichung der Ergebnisse der Tagung „Architektur und Demokratisierung" ist für 2022 geplant. Die deutsch- und englischsprachige Beiträge werden durch zusätzliche Texte von ausgewiesenen Expert_innen aus den Geschichts-, Kultur-, Politik- und Denkmalwissenschaften ergänzt.

Veröffentlichungen und Vorträge im Rahmen des Projektes

Artikel:  Johanna Blokker, "Was nach dem Kalten Krieg übrig bleibt. Umnutzung und Umdeutung der gebauten Hinterlassenschaften der amerikanischen Präsenz in Deutschland", in: Strukturwandel – Denkmalwandel. Umbau, Umnutzung, Umdeutung. Veröffentlichungen des AKTLD 25, hg. von Birgit Franz und Ingrid Scheurmann (Holzminden, 2016), S. 114-121

Vortrag:  "Konversion und Konservierung: Der Erinnerungswert ehemaliger Militärstützpunkte und die Möglichkeiten seiner Erhaltung und Realisierung", Workshop Ehemalige militärische Liegenschaften im urbanen Raum – Konversion für die Zukunftsstadt?, Bonn International Centre for Conversion (BICC), 2015

Vortrag:  "Was nach dem Kalten Krieg übrig bleibt. Umnutzung und Umdeutung der gebauten Hinterlassenschaften der amerikanischen Präsenz in Deutschland nach 1989", Strukturwandel – Denkmalwandel. Umdeutung, Umnutzung, Umbau, Jahrestagung des Arbeitskreises Theorie und Lehre der Denkmalpflege (AKTLD), Dortmund, 2015

Vortrag:  "Germany's Amerika-Häuser: Architecture in the Battle for Hearts and Minds", Vortragsreihe Making America, Lehrstuhl für Amerikanistik, Universität Bamberg, 2015

forschungsgeleitete Lehre

Seminar Konversion und Konservierung: Ehemalige Militärstützpunkte und die Erhaltung ihrer Erinnerungswerte, Masterstudiengang Denkmalpflege an der Universität Bamberg, Sommersemester 2020.

Seminar Wiederaufbau nach beiden Weltkriegen in Deutschland und Europa, Masterstudiengang Denkmalpflege an der Universität Bamberg, Wintersemester 2012-13, 2017-18, 2019-20.

Seminar Denkmalpflege und Politik - Denkmalpflege als Politik, Masterstudiengang Denkmalpflege an der Universität Bamberg, Wintersemester 2017-18, 2019-20.

Seminar Schöne neue Welt: Internationale Beiträge zum Wiederaufbau in Deutschland nach 1945, Masterstudiengang Denkmalpflege an der Universität Bamberg, Wintersemester 2014-15.

Seminar Denkmalkulturen International, Masterstudiengang Denkmalpflege an der Universität Bamberg, Wintersemester 2012-13, Sommersemester 2015.

Projektleitung:

Prof. Dr. phil. habil. Johanna M. Blokker 
Lehrstuhl Denkmalpflege / Architectural Conservation
Institut für Bau- und Kunstgeschichte 
Brandenburgische Technische Universität Cottbus-Senftenberg

Lehrgebäude 2B, Raum 0.12
Konrad-Wachsmann-Allee 4
03044 Cottbus

Tel: ++49 355 69 3992 
Tel: ++49 355 69 3117 (Sekretariat) 
Mail: Johanna.Blokker(at)b-tu.de 


Geschenke der Amerikaner, 09.05. bis 30.06.2009 im Amerika-Haus Berlin, heute Sitz der Stiftung C/O Berlin.
Kalter Krieg und Architektur. Beiträge zur Demokratisierung Österreichs nach 1945, 17.10.2019 bis 24.02.2020 im Architekturzentrum Wien.
Michael Dreyer, Vorsitzender des Vereins Weimarer Republik e.V., auf dem Symposion Die Frankfurter Paulskirche. Ort der deutschen Demokratie, Frankfurt a.M., 30.09. bis 01.10.2019.