Bauten der Besatzungszeit in Westdeutschland (1945-55) Das Erbe der Demokratisierung in der architektonischen Landschaft Deutschlands

Laufzeit:
01. April 2022 bis 30. Juni 2024

Eintrag bei GEPRIS

Als Reaktion auf die beunruhigenden Entwicklungen im politischen Diskurs der letzten Jahre rufen deutsche Politiker und Bürgerorganisationen immer häufiger dazu auf, das öffentliche Bewusstsein für demokratische Werte zu stärken und das Bekenntnis der Deutschen zu Europa und zur internationalen Kooperation zu erneuern. Ausdrücklich gefordert und gefördert wird u.a. die Entdeckung sogenannter "Orte der Demokratiegeschichte" in der architektonischen Landschaft Deutschlands und ihre Aufbereitung zu "Lernorten der Demokratie".

Vor diesem Hintergrund wird das Projekt die bauliche Hinterlassenschaften der Besatzungszeit in Westdeutschland untersuchen, die von den Bemühungen der Westalliierten zeugen, ihren ehemaligen Feind zu "demokratisieren" und sowohl eine europäische als auch eine größere westliche Gemeinschaft auf der Grundlage gemeinsamer kultureller Werte zu schmieden. Bislang ist dieses Vermächtnis – zu dem u.a. Bauten und Strukturen für Bildung und Erholung, für Wissenschaft, Geschichte und Kunst, für Religion, für Gesundheits- und Sozialwesen und nicht zuletzt für politische Organisation und Aktion an den "grass roots" gehören – für die Öffentlichkeit weitgehend unsichtbar und bei Historikern wenig bekannt. Das Projekt wird

  •  diese Bauten und Strukturen identifizieren, ihren heutigen Zustand erfassen und ihre Funktion registrieren;

  •  die Geschichte ihrer Konzeption und Realisierung erforschen und rekonstruieren;

  •  diese Geschichte in den gemeinsamen alliierten und deutschen Bemühungen der Besatzungszeit um den Aufbau der Demokratie einbetten und kontextualisieren; und

  •  den neuen Korpus an Bauten und Stätten hinsichtlich ihres Potenzials als "Orte der Demokratiegeschichte" analysieren, indem Theorien des "heritagization" aus der Heritage Studies und ihren Nachbardisziplinen angewendet werden.

Damit wird das Projekt eine bedeutende Wissenslücke über die deutsch-alliierten Beziehungen in dieser entscheidenden historischen Phase der modernen Bundesrepublik schließen.

Darüber hinaus wird es der derzeit im Entstehen befindlichen Topographie der "Orte der Demokratiegeschichte" eine notwendige Breite und Differenzierung verleihen – denn dieser Topographie mangelt es bisher an Orten der amerikanisch-deutschen, britisch-deutschen und deutsch-französischen Zusammenarbeit beim Aufbau der deutschen Nachkriegsdemokratie, Orte, die den aktuellen Bemühungen um eine Bewusstseinsbildung hinsichtlich der demokratischen und europäischen Traditionen Deutschlands wichtige Anhaltspunkte bieten könnten. Gleichzeitig wird es die Idee, dass Kulturerbestätten auf das politische und gesellschaftliche Denken und Handeln der Menschen einwirken können, kritisch hinterfragen, und damit den internationalen Diskurs über die politische Rolle und Funktionsweise von kulturellem Erbe vorantreiben.

in Arbeit: Deutschlandkarte der Demokratisierung

Das Projektteam entwickelt derzeit eine interaktive "Deutschlandkarte der Demokratisierung". Sie wird Gebäude markieren, die von den Demokratisierungsbemühungen der Westalliierten während der militärischen und zivilen Besatzung zeugen, und auf diese Weise die ersten Ergebnisse unserer Forschung visualisieren und einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen. Eine Vorschau ist hier zu sehen.

Bei Anklicken eines Pins öffnet sich ein Pop-up-Fenster mit grundlegenden Informationen über das Bauwerk und einem Miniaturfoto. Ziel ist es, diese Informationen durch zusätzliches Material zu ergänzen, einschließlich einer Skizze der Geschichte des jeweiligen Gebäudes, Einzelheiten zu seiner Bedeutung für die Demokratisierungsbemühungen der Alliierten sowie Angaben zu seinem aktuellen Status und seiner Funktion.

Die Pins, die die Standorte markieren, sind entsprechend den bisher identifizierten Kategorien der Bautätigkeit farblich kodiert:

  • Bildung
  • Jugend
  • Freizeit / Sport / Gärten
  • Gesundheit und soziale Wohlfahrt
  • Kunst und Kultur
  • Religion
  • Wohnen
  • Denkmäler / Denkmale
  • Politik / Regierung / Öffentliche Verwaltung
  • Militär / Infrastruktur

Bislang wurde etwa die Hälfte der über 600 identifizierten Gebäude in die Karte eingetragen. Die Karte ist noch in Arbeit, aber selbst in ihrem unvollendeten Zustand macht sie das Ausmaß und den Umfang der von den Besatzungsbehörden zur Unterstützung der Demokratisierungsbemühungen in den Jahren 1945-55 geförderten Bautätigkeit unmittelbar sichtbar. Die Karte offenbart auch einige interessante Muster, insbesondere wenn einzelne Gebäudekategorien zur Ansicht ausgewählt werden.

forschungsgeleitete Lehre

Studienprojekt Heritage Making at Historic Sites: Processes, Practices and Politics, Masterstudiengänge World Heritage Studies (WHS) und Heritage Conservation and Site Management (HSCM) sowie Architektur, BTU Cottbus-Senftenberg, Sommersemester 2023.

Die Ergebnisse des Studienprojektes werden derzeit auf Veröffentlichung vorbereitet und werden 2024 hier erscheinen.

Projektmitarbeiter_innen

Dr. phil. Antoine Beaudoin
Postdoktorand

Lehrgebäude 2B, Raum 0.22
+49 355 69 3117 (Sekretariat) 
Antoine.Beaudoin(at)b-tu.de

ehemalige Projektmitarbeiter_innen

Danica Petrović M.Sc.
Wissenschaftliche Hilfskraft, April 2022 bis September 2023

Projektleitung

Prof. Dr. phil. habil. Johanna M. Blokker 
Lehrstuhl Denkmalpflege / Architectural Conservation
Institut für Bau- und Kunstgeschichte 
Brandenburgische Technische Universität Cottbus-Senftenberg

Lehrgebäude 2B, Raum 0.12
Konrad-Wachsmann-Allee 4
03044 Cottbus

Tel: ++49 355 69 3992 
Tel: ++49 355 69 3117 (Sekretariat) 
Mail: Johanna.Blokker(at)b-tu.de