Der Störfall verstanden als Ernstfall, Reflexions- und Dynamisierungsmoment der Wissensgenerierung über Natur, Technik und Kultur wird aus der Perspektive von Technik-Folgen-Abschätzungen und Technik-Wissenschaften nur unzureichend erfasst. Störfälle fordern technische Bearbeitungsprozeduren ebenso heraus, wie sie kommunikative Differenz markieren. Die Tagung macht es sich daher zur Aufgabe, das kontinuitätsunterbrechende Phänomen des Störfalls interdisziplinär, gleichwohl aber an die Theorieangebote der Kulturwissenschaften zurückgebunden, zu diskutieren. Ziel soll es sein, die Dys/Funktionalität des Störfalls in seinen unterschiedlichen Ereignislogiken 'zum Sprechen' zu bringen: Störfälle bezeichnen im technischen Diskurs Anomalien im Betriebsablauf mit oftmals weit reichenden Konsequenzen für System und Umwelt. Der Störfall verweist so in paradigmatischer Weise auf das destruktive Moment der Poiesis. Zugleich tragen Störfälle aber auch zur Schaffung neuen Wissens bei, etwa in Form eines risikokalkulierenden Vorsorgeprinzips oder in der wissenschaftstheoretisch formulierten Einsicht in die Notwendigkeit produktiver Fehlgriffe. Störfälle irritieren kulturelle Selbstbeschreibungsformeln ebenso wie sie diese stabilisieren. Störfälle konterkarieren nicht bloß tradierte kulturelle und technische Handlungsabläufe, sondern motivieren im Zuge der Deskription ihres Verlaufs und ihrer Ursachen sowie in der Präskription von Strategien ihrer Vermeidung neue Kulturtechniken. Indem in der Beobachtung von Störfällen Erfahrung und Erwartung auseinander fallen und Diskontinuitäten schockartig sichtbar werden, eröffnet die Beschäftigung mit Störfällen somit einen reflexiven Blick auf kulturelle Verarbeitungsroutinen und damit auf basale gesellschaftliche Muster etwa einer kulturellen Serialisierung oder eines Zwangs zu Kausalitäten einfordernden Narrativen. In diesem Sinne sind die im Grenzbereich von Normalisierungsprozessen angesiedelten Störfälle prominente Anlässe gesellschaftlicher Selbstthematisierung, anhand derer die Verhältnisse von Ordnung und Unordnung, von systemischen Ein- und Ausschlüssen, von Faktischem und Kontrafaktischem jeweils neu verhandelt werden.

Vor dem Hintergrund dieser Ausgangsüberlegungen will sich die Tagung Störfälle. Epistemologie, Performanz, Ästhetik in unterschiedlichen Zusammenhängen mit wissensgenerierenden Effekten, Verlaufs-Dynamiken und imaginären Ausdeutungen von Störfällen auseinandersetzen. Der Begriff 'Störfall' soll dementsprechend einerseits in seinem Oszillieren zwischen sozioökonomischen, politischen, kulturellen, technischen und 'biologischen' Ordnungen erfasst und andererseits auf den diskursiven Ermöglichungszusammenhang jeweilig spezifischer Störfall-Diagnosen bezogen werden: Störfälle erweisen sich jenseits ihrer faktischen Ereignishaftigkeit in historisch kontingenten Situationen immer auch als Ergebnisse der (massenmedialen) Kommunikation. Diese wiederum ist abhängig von medialen Eigenlogiken und narrativen Deutungsmustern, so dass sich im Aktionsraum 'Störfall' Aspekte technisch-dispositiver Systematiken, natur- und kulturwissenschaftliche Wissensordnungen und phantasmatischer Inszenierungen zu Epiphanien eines spezifischen modernen "Gefahrensinns" (Joseph Vogl) verdichten: Der Störfall nährt einen Komplexitätsverdacht, der in manifesten Ausgestaltungen von Gefahr, Gefährlichkeit und Risiko den eindimensionalen zeitdiagnostischen Blick auf die "katastrophale Gesellschaft" (Ulrich Beck) selbst auf den Prüfstand stellt und damit Bausteine einer kritischen Ontologie unserer sozialen und technischen Praxis, unseres Redens und Wissens liefert.

Störfälle der Technik:

Christian Kassung (Berlin)
Überlegungen zu einer Medien- und Wissensgeschichte technischer Störfälle

Claus Pias (Wien)
Störung als Normalfall

Werner Rammert (Berlin)
Störfälle als Quellen für technische Kreativität und Sicherheit

Ulrike Vedder (Berlin)
Genealogische Störfälle. Bastards, Säuglinge, Noch-Nicht-Tote

Störfälle der Ökonomie:

Joseph Vogl (Berlin)
Random Walk

Urs Stäheli (Hamburg)
Spektakuläre Störungen. Zum Genießen ökonomischer Dysfunktionen

Karin Knorr-Cetina (Konstanz)
Finanzkultur und Finanzkrise

Ulrich Bröckling (Wittenberg/Halle)
Störfallabsorptionen. Über Prävention

Störfälle der Natur:

Olaf Briese (Berlin)
Störfälle der Natur. Typik, Wahrnehmung, Deutung, Bewältigung

Niels Werber (Siegen)
Der Todeszug der Lemminge. Zur Kulturgeschichte eines Störfalls der Natur

Jörn Ahrens (Gießen)
Anthropologie als Störfall.Gesellschaftliche Bearbeitung von Gewalt

Stefan Rieger (Bochum)
Störfall Leben. Zur Epistemologie der flüssigen Kristalle

Störfälle der Kultur:

Lorenz Engell (Weimar)
Leoparden küsst man nicht. Kinematographie des Störfalls

Peter Matussek (Siegen)
Stolpern fördert. Störfälle als Inspirationsquelle

Peter-André Alt (Berlin)
Der Schelm und die Nazis. Ordnungstörungen als pikareskes Prinzip im Erzählen über das Dritte Reich

Eva Horn (Wien)
Verkettung unglücklicher Umstände. Technische Sicherheit und die Dämonie der Dinge

Zur Tagungs-Webseite: www.Störfälle.eu

Die Veranstaltung wurde durch dieDeutsche Forschungsgemeinschaft gefördert.

 

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