Querschnittskolloquien

Zur Entschlüsselung der Leitfrage, wie das Bauen in seiner kulturellen und technischen Bedeutsamkeit für unterschiedliche Zeithorizonte und Kulturkreise einzuordnen ist, ist alle ein bis zwei Jahre ein Querschnittskolloquium zu Schwerpunktthemen vorgesehen, die jeweils elementare Aspekte des Kollegthemas „Kulturelle und technische Werte historischer Bauten“ darstellen und besonders zur fächerübergreifenden Diskussion geeignet sind. Diese zwei- bis dreitägigen Querschnittskolloquien sollen – über die Ergebnisse der individuellen Projekte hinausgehend – eine komplexe, neuartige Gesamtsicht auf das Phänomen des Bauen erzeugen und als wissensgeschichtliche Grundlagen auf die spezialisierte Forschung und dabei insbesondere auf die Dissertationen des Kollegs zurückwirken.

Drittes Querschnittskolloquium „Vom Wert des Weiterbauens. Konstruktive Lösungen und kulturgeschichtliche Zusammenhänge“

27.–29. Juni 2018 in Cottbus

Mit Beiträgen von Alexander Schwarz, Eva Maria Froschauer, Werner Lorenz, Eugen Brühwiler, Steffen Marx, Adrian von Butlar, Heinz Nagler u.a.

Transformation statt Abriss ist heute für viele Akteure im Bauwesen eine Selbstverständlichkeit. Nach Jahrzehnten der Fokussierung auf den Neubau hat in der jüngeren Gegenwart eine verstärkte Auseinandersetzung mit dem Bauen im Bestand eingesetzt. Das Weiterbauen des Vorhandenen im Sinne von Adaption, von Um- und Neugestaltung bis hin zu Teilabriss und Wiederverwendung beschreibt dabei das Bauwerk als Prozess und wirft neue Fragen nach Haltbarkeit und Nachhaltigkeit historischer Bauten auf. Weiterbauen unterstützt die Kontinuität von Orten und Bauwerken und befördert Fragen nach ihrer Fertigstellung, Abgeschlossenheit und Autorenschaft. Neben den technischen Vorgängen von Umbau und Anpassung vollzieht sich mit ändernden Wertvorstellungen und Interpretationen auch eine ständige Neuausrichtung vorhandener Bausubstanz auf die Gegenwart vor dem Hintergrund einer spezifischen Sicht auf die Vergangenheit.

Unser gegenwärtiges Verständnis dieser Prozesse gründet vor allem auf einem viel genutzten, dennoch aber bislang kaum theoretisch oder historisch definierten Begriff des Weiterbauens. Zudem bleibt vielfach offen, wie ein innerhalb der Architektur entwickeltes Verständnis des Weiterbauens in andere Bereiche des Bauens (Städtebau, Ingenieurwesen, Denkmalpflege) hineinwirkt und welche möglichen Adaptionen, Chancen und Missverständnisse sich somit ergeben. So ließe sich insbesondere im Hinblick auf die institutionalisierte Denkmalpflege fragen, welche Rolle der Begriff des Weiterbauens in der Bewertung von Um- und Weiternutzungskonzepten einnimmt, die in der Regel im Widerspruch zu einem vermeintlich schätzenswerten „Originalzustand“ stehen.

Im Rahmen des Querschnittskolloquiums des DFG-Graduiertenkollegs „Kulturelle und technische Werte historischer Bauten“, das vom 27. bis 29. Juni 2018 in Cottbus stattfindet, soll diskutiert werden, welche konstruktiven Lösungen und kulturgeschichtlichen Zusammenhänge des Weiterbauens sich in der Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Epochen und Regionen auffinden und beschreiben lassen. Neben den disziplinär geprägten Semantiken des Weiterbauens stehen vor allem die konkreten Beispiele der ingenieurtechnischen, denkmalpflegerischen, gestalterisch-architektonischen und städtebaulichen Praxis des Weiterbauens im Vordergrund der Diskussion. Das Querschnittskolloquium verfolgt dabei einen doppelten Interpretationsansatz, in dem es einerseits unterschiedliche disziplinäre Perspektiven zusammenführt und anderseits durch die diachrone Untersuchung der Praktiken des Weiterbauens von der Antike bis in die Gegenwart neue, historisch fundierte Verständnisebenen eröffnet.

Die Konferenzteilnahme ist kostenlos. Um Anmeldung unter E-Mail albrecht.wiesener(at)b-tu.de wird bis 25.6.2018 gebeten.

Viertes Querschnittskolloquium „Konstruktionssprachen / Languages of Construction“

26.–28.09.2018, Cottbus

Bereits 2005 hat Werner Lorenz den Begriff der Konstruktionssprache in die Bautechnikgeschichte eingeführt. Er subsumiert darunter „das gesamte Geflecht spezifischer Sichtweisen, Praktiken und Regeln, die sich mit der Einführung und Verbreitung einer neuen bestimmenden Einflussgröße im Bauwesen herausbilden.“1
Grundsätzlich kann man Sprachen als komplexes System des Austauschs von Informationen begreifen. Durch ihre Struktur und die Wechselbeziehung zwischen ihrer Entwicklung und Umgebung bieten Sprachen tatsächlich Potenzial für eine Analogie zum Bauen – ohne dabei die Gefahren einer Adaption linguistischer Modelle in anderen Disziplinen („Architektursprache“, „Bildsprache“, „Musiksprache“) unterschätzen zu wollen.
Die Geschichte der Bautechnik könnte demnach als Aufstieg, Konsolidierung und ggf. neuerliche Fortschreibung immer neuer Konstruktionssprachen gelesen werden, deren Entwicklungsprozesse jeweils einem prinzipiell ähnlichen Ablauf folgen. Im Analogie-Ansatz von Werner Lorenz ist zunächst weniger die kommunikative Funktion von Sprache von Interesse, sondern vor allem deren Struktur: Vokabular, Semantik und Syntax.
Im Rahmen des Symposiums soll diskutiert werden, ob und inwieweit Konstruktionssprache als neue Interpretationsoption für die Geschichte der Bautechnik herangezogen werden kann. Die auf unterschiedliche Kultur- und Zeiträume ausgedehnten Untersuchungen stehen dabei in Einklang mit dem Ziel des DFG-Graduiertenkollegs 1913 „Kulturelle und technische Werte historischer Bauten“ (dem Förderer und Veranstalter des Symposiums), diachrone Brücken zwischen den wissenschaftlichen „Welten“ der Ingenieur- und der Kulturwissenschaften zu schlagen. Die thematische Ausrichtung orientiert sich insgesamt an den folgenden, disziplin-übergreifenden Leitfragen:

  • Wie könnten Modelle zur Entwicklung von Konstruktionssprachen in verschiedenen Perioden und Entwicklungssträngen der Bautechnikgeschichte aussehen?
  • Welche Entwicklungs- und Fortschrittsbilder sind mit dem Verständnis von Bautechnikgeschichte als einer Vielfalt von sich ausformenden Konstruktionssprachen verbunden?
  • Welche Potenziale bietet die Kategorie der „Konstruktionssprachen“ für eine eigenständige Gliederung von Bautechnikgeschichte, die nicht den für sie unzulänglichen Periodisierungsmustern klassischer Disziplinen, wie der Bau- oder Kunstgeschichte, unterworfen ist?
  • Welche Potenziale bietet der retrospektiv entwickelte Begriff für ein besseres Verständnis auch der Denkmuster und Praktiken des heutigen Bauens?

Für die Beantwortung der zuvor genannten Leitfragen werden insgesamt vier Themenbereiche definiert, in denen Phasen, Aspekte und Probleme der Ausformung und Ausbreitung von Konstruktionssprachen genauer untersucht werden sollen. In den Themenbereichen werden stets zwei eng miteinander in Beziehung stehende Vorträge schlaglichtartig Themen erarbeiten und diskutieren.


1 Lorenz, W. ; Heres, B. : Archäologie des Konstruierens – Untersuchungen zur Entstehung von Konstruktionssprachen an den Eisentragwerken der Eremitage St. Petersburg. In: Forum der Forschung 19 (2006)