Historische Bauten sind Bestandteil kultureller Wertesysteme und enthalten das kulturelle und technische Wissen ihrer Zeit. Die am Kolleg beteiligten Fachbereiche bearbeiten mit den Methoden der jeweiligen Disziplin historische Bausubstanz als Forschungsgegenstand. Ziel des Graduiertenkollegs ist es, die dem Bauwerk zugrunde liegenden kulturellen, insbesondere technischen Erfahrungen und Erfindungen zu erkunden und zu diskutieren, um Aufschluss über kognitive, ideelle, ökonomische, soziale, institutionelle ebenso wie künstlerische bzw. ästhetische kulturelle Rahmenbedingungen zu erlangen. Forschungsschwerpunkt ist dabei die technische bzw. technologische Dimension innerhalb der Bewertung und Bewertungsgeschichte von Bauwerken, ihrer Entstehung und Veränderung. Dieser Forschungsschwerpunkt des Kollegs wird insbesondere von regelmäßigen, das Kolleg konstituierenden Querschnittskolloquien zu wechselnden Schwerpunktthemen aufgegriffen. Die Kolloquien verknüpfen die Disziplinen untereinander und erzeugen Synergieeffekte, die bis in die disziplinären Ansätze hinein wirksam sind. Hierdurch und durch die Einbeziehung von Gastwissenschaftlern ergänzender Disziplinen wird die Kompetenz der im Kolleg forschenden Fachgebiete transdisziplinär vermittelt.

Die Errichtung und Nutzung von Bauwerken, Siedlungen und Städten wird im Kolleg, über die Einzelleistung innerhalb einer bestimmten Epoche hinausgehend, als Prozess gesehen, in dem sich gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Veränderungen ebenso wie der Wandel von Leitbildern widerspiegeln. Auch spätere Baueingriffe, Erneuerungen und Anpassungen, die die ursprüngliche Substanz fragmentieren, gehören zum Identität konstituierenden geschichtlichen Kontinuum. Nicht zuletzt die breite geographische und zeitliche Streuung der am Kolleg beteiligten Projekte ermöglicht, die jeweilige Sicht- und Herangehensweise der Einzeldisziplinen zu reflektieren und ggf. zu korrigieren.

Historische Bauten stellen zu unterschiedlichen Zeiten entstandene und in unterschiedlichen Erhaltungsgraden überlieferte Bestandteile von Kulturlandschaften dar. Sie sind wissenschaftlich rekonstruierbar, aber nicht reproduzierbar. Die Denkmalpflege befasst sich zunehmend mit der Analyse, der Bewertung und dem Schutz der Kulturlandschaft und erkennt in den betreffenden Baudenkmalen historische Funktionsträger. Die historische Dimension ist konstitutiv dafür, dass dem Baudenkmal in der jeweiligen historischen Kulturlandschaft ein eigener Wert als Träger materieller geschichtlicher Überlieferung zukommt. Das Bauwerk dient als nicht reproduzierbare Ressource nicht nur dem Zugewinn an historischem Wissen, sondern auch der kulturellen Identifikation, die als weitgehend irrationale Größe zu allen Zeiten ausschlaggebend für das Ansehen eines historischen Gebäudes – oder einer Kulturlandschaft – und für die Investition in die Erhaltung war. Es ist nicht zuletzt diese Tatsache, die die Beschäftigung des Kollegs mit den „Werten“ bzw. der „cultural significance“ historischer Bauwerke begründet.

Die Struktur des Graduiertenkollegs zielt in ihrer Kombination aus Einzeluntersuchungen im Rahmen etablierter Forschungsverbünde und Querschnittskolloquien zu übergreifenden Themen unter Beteiligung internationaler Gastwissenschaftlerinnen und Gastwissenschaftler auf eine frühzeitige Einbindung der Doktorandinnen und Doktoranden in die internationale Wissenschaftslandschaft ab. Das Kolleg intendiert die Qualifikation des wissenschaftlichen Nachwuchses zum transdisziplinären Austausch und zur interdisziplinären Zusammenarbeit. Es will außerdem die beteiligten, international kooperierenden Hochschullehrer und Fachwissenschaftler aus unterschiedlichen Disziplinen und Forschungstraditionen enger miteinander vernetzen und zum Diskurs anregen.

Querschnittskolloquien zu wesentlichen Forschungsthemen des Kollegs bieten schon in einem frühen Stadium der Einzelarbeiten die Möglichkeit, insbesondere technische bzw. technologische Aspekte der untersuchten Bauwerke und ihre kulturhistorische Einordnung und Bewertung vergleichend zu diskutieren. Die Doktorandinnen und Doktoranden haben die Möglichkeit, ihre Forschungsthemen im Rahmen der Kolloquien zu präsentieren und beteiligen sich mindestens einmal während ihrer dreijährigen Promotionsphase mit einem eigenen wissenschaftlichen Beitrag, der zusammen mit den Beiträgen der Gastwissenschaftler in den Kolloquiumsakten publiziert wird.

Im Zentrum des Forschungsprogramms des Graduiertenkollegs steht die technische Leistung bei der Errichtung von Bauwerken als Teil der Kulturgeschichte und das Spannungsfeld zwischen Kunst und Technik. Der Zeitrahmen reicht von der Antike bis zum 20. Jahrhundert. Innovativ sind der auf die technischen Aspekte des Bauens gerichtete Fokus sowie ein diachroner Ansatz, der einen Brückenschlag von Bau- und Technikgeschichte zu Planungsgeschichte und sozialhistorischer Stadtforschung herstellt. Die Fokussierung auf technik- und konstruktionsgeschichtliche Fragen und deren Verknüpfung mit Fragen der Institutionen- und Kulturlandschaftsgeschichte stellt dabei den eigentlich neuartigen Ansatz des Forschungsprogramms und das Alleinstellungsmerkmal des Kollegs dar.

Der interdisziplinären Zugang zu Bauforschungen über die europäischen Grenzen hinaus erschließt unterschiedliche Sichtweisen und ermöglicht den Vergleich von Forschungslandschaften. Die Verknüpfung spezieller Einzelprojektbearbeitung mit transdisziplinärer Ergebnisdiskussion trägt zur Präzisierung von Fragestellungen und frühzeitigen Entwicklung von Forschungsfeldern durch die Doktorandinnen und Doktoranden bei. Die Lagerung der Forschungsidee an der Schnittstelle zwischen Kunst und Technik begreift die Konstruktion und technische Ausstattung historischer Bauten als wichtigen Teil der Kulturgeschichte. Zur Intensivierung des interdisziplinären Dialogs zwischen Ingenieur- und Geisteswissenschaften werden übergreifende Tandem-Forschungsprojekte von Postdoktorandinnen und Postdoktoranden aus den Ingenieur- und Geisteswissenschaften komplementär bearbeitet.