Wintersemester 2026/27

Vorlesung Architekturtheorie

 

Modul 13677, 13654 | WiSe 2026/27
MO 13:45–17:00 Uhr | ZHG, SR 4
Beginn: 12. Oktober 2026
Prof. Dr. Albert Kirchengast

Die Vorlesung Architekturtheorie bietet den Studierenden der BTU Cottbus-Senftenberg eine Einführung in das Fach. Sie legt damit die Grundlage für die Auseinandersetzung mit dem ideengeschichtlichen Rahmen des Bauens – nicht nur für die vertiefenden Seminare des Fachgebiets, sondern auch für den Entwurf. Darüber hinaus bereitet sie auf eine einschlägige Abschlussarbeit im Bachelor- oder Masterstudiengang vor.

Die Darstellung architekturtheoretischer Ideen orientiert sich an der historischen Entwicklung des Fachs; immer wieder sind dabei Querbezüge nötig, die Kontinuitäten sichtbar machen. Die Vorlesung mündet regelmäßig in eine gemeinsame, offene Debatte über die Frage: Was leitet mein Handeln als Architektin und Architekt an? Architektur zeigt sich darin als Medium von Ideen, die unser Leben konkret gestalten – Baukunst ist auf vielen Ebenen ein Bedeutungsgeschehen. Der inhaltliche und konzeptionelle Spagat einer solchen Überblicksvorlesung ist groß: Sie will Breite und Tiefe zugleich bieten – vom historischen Überblick bis zur kritischen Positionierung in Annäherung an die Gegenwart, von der Betrachtung der im Bauen Tätigen als reflektierender, theoretisierender Persönlichkeiten bis zum Fokus auf die Nähe von Architektur zu Philosophie und Kulturtheorie. Getragen wird sie von der Idee der Architektur als Bedeutungsträgerin, die sich im Dialog mit wechselnden historischen, gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Kräften konstituiert und als eigenständige Kraft die Aufgabe übernimmt, räumliche Orientierung zu schaffen.

Jede Sitzung besteht aus der eigentlichen Vorlesung sowie einem Reflexionsformat, das durch gemeinsame Lektüre und Diskussion die Aneignung und Vertiefung der Inhalte des vorausgehenden Vortrags ermöglicht. Dabei werden nicht nur Fähigkeiten wie die Analyse komplexer theoretischer Texte geübt, sondern auch ein Kanon zentraler theoretischer Schriften aus verschiedenen Epochen erschlossen. Je zwei Gruppen bereiten die gemeinsame Diskussion unter gegensätzlichen Gesichtspunkten vor und erleichtern so den Einstieg in die Debatte. Die Texte werden in der Vorwoche bekanntgegeben und stehen auf der Seite des Fachgebiets zum Download bereit. Ausgedruckt dienen sie als Grundlage für die gemeinsame Erarbeitung und bilden am Ende den Vorlesungsreader, der Begleiter und Anknüpfungspunkt über die Vorlesung hinaus sein soll. Das Prüfungsformat besteht in Kurzvorträgen zu selbst gewählten Themen der Vorlesung. Die eigene Mitschrift im ausgegebenen Heft dient dabei als Gedächtnisstütze. Um den Vortrag vorzubereiten und zu schärfen, werden mit Unterstützung eines Mitstudierenden kleine Handy-Videos erstellt. Diese fließen am Ende gemeinsam mit den Mitschriften und der Mitarbeit während des Semesters in die Benotung ein.

 

 

Ein Ort für sich. Das Museum

 

Modul 14146 | WiSe 2026/27
DI 14:00–17:00 Uhr | LG 2A, SR 0.03
Beginn: 13. Oktober 2026
Leander Berger

Wer ein Museum betritt, erwartet etwas – mehr jedenfalls als eine Ansammlung alter und neuer Dinge. Wie ins Konzert gehen wir ins Museum in der Erwartung einer besonderen Intensität der Erfahrung: einer Begegnung nicht nur mit den ausgestellten Werken, sondern mit uns selbst. Das Museum ist ein Versprechen. Nicht zufällig nennt man Museen gern die »Kathedralen der Moderne« – darin klingt ein transzendenter Rest nach. Was aber »kompensiert« das Museum, was – folgt man Hegels berühmter These vom »Ende der Kunst« – unwiederbringlich verloren scheint? Stellt es einen Erfahrungszusammenhang wieder her – oder ist es bloß Symptom eins Phantomschmerzes, Erinnerung an eine Erfahrung, die es einmal gegeben haben soll? Darin liegt ein schönes Paradox: Ästhetische Erfahrung lässt sich nicht verordnen, und doch ist das Museum der Versuch, ihr einen festen Ort zu geben.

Dieses Versprechen ist erstaunlich jung. Museen gehören heute so selbstverständlich zu unserer Kultur, dass leicht vergessen wird, wie voraussetzungsreich diese Institution ist – zumindest in der Form, um die es in diesem Seminar gehen soll: dem Kunstmuseum. Zwar gab es lange vor ihm fürstliche und kirchliche Sammlungen, Kunst- und Wunderkammern. Das Kunstmuseum aber, wie wir es bis heute kennen, entsteht im Kontext der Aufklärung, in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Als im Zuge der Französischen Revolution die königlichen Sammlungen des Louvre öffentlich zugänglich wurden, geschah mehr, als dass eine private Sammlung für ein größeres Publikum geöffnet wurde: Bilder und Skulpturen wurden aus ihren bisherigen Zusammenhängen herausgelöst und in eine neue Ordnung des Sichtbaren überführt. Was zuvor repräsentativen oder religiösen Zwecken diente, erscheint nun als Kunstwerk: als Gegenstand der freien Anschauung. Hatten in der Kirche Bilder ihren Ort im liturgischen Geschehen und damit in einer Ordnung, in der sie etwas verkörperten, beglaubigten oder erzählten, sind sie nun von dieser Funktion befreit und begegnen dem Betrachter im Museum buchstäblich auf Augenhöhe. Das Museum – und mit ihm die »Freiheit der Kunst« – beginnt deshalb mit einem Verlust: dem Verlust des ursprünglichen Ortes und funktionalen Zusammenhangs der Dinge. Zugleich entsteht gerade daraus ein Raum, in dem Kunst um ihrer Anschauung willen erfahren werden kann – ein Raumtypus, den es zuvor nicht gab und der zur Bedingung einer neuen Öffentlichkeit wird: Einen Ort, der allen offensteht, das kannte man bis dahin allenfalls von Straßen, Plätzen und Kirchen – nicht aber für die Begegnung mit Kunst. Die Entstehung des Kunstmuseums fällt mit der Herausbildung der philosophischen Ästhetik zusammen. Zwischen Kant und Hegel verändert sich binnen kurzer Zeit der Horizont, in dem über Kunst nachgedacht wird: Während Kant in den 1790er Jahren seine Theorie ästhetischer Erfahrung noch wesentlich an der Natur ausrichtet, steht für Hegel in den 1820er Jahren die Kunst im Zentrum seiner Überlegungen – und mit ihr das Museum als der wesentliche Ort ihrer Erfahrung. Institution und Theorie bedingen einander: Das Museum schafft eine neue Form der Kunsterfahrung, für die die Ästhetik erst die Begriffe entwickelt – und wird zugleich zum konkreten Ort, an dem sich deren Idee freier Anschauung gesellschaftlich realisiert.

Heute freilich geben Museen häufig das Bild von Konsum- und Freizeitorten ab, die ihrem Publikum etwas »bieten« sollen: Unterhaltung, Events oder eine extravagante Architektur, hinter der ihr eigentlicher Inhalt oft genug zurücktritt. In der Spannung zwischen Versprechen und Kulturbetrieb wollen wir untersuchen, inwieweit das Museum seiner Anlage nach tatsächlich ein utopischer, idealer Ort sein könnte – und inwieweit dies mit der räumlichen und zeitlichen Logik zusammenhängt, die es in sich ausbildet. Diesen Fragen gehen wir historisch und systematisch nach. Mit Hans Belting lässt sich das Museum als »Insel der Zeit«, mit Michel Foucault als Heterotopie verstehen – als Gegenort zu den gewöhnlichen Ordnungen von Raum und Zeit. Walter Benjamins Überlegungen zur Aura führen zu der Frage, was die reale Begegnung mit dem einzelnen Werk gegenüber seiner medialen Reproduktion auszeichnet: Welche Art von Präsenz stiftet der museale Raum? Wie kann er zugleich Ort der Konzentration, ja der Weltflucht sein und ein öffentlicher Raum der Begegnung und Kommunikation? Und welcher Art ist die Begegnung, die Erfahrung, die wir im Museum machen und die es in seiner Außeralltäglichkeit – scheinbar – als Erbe sakraler Orte qualifiziert? In der zweiten Semesterhälfte richtet sich der Blick dann auf Moderne und Gegenwart. Dabei setzen wir »das Museum« nicht einfach voraus, sondern fragen, welche Arten musealer Räumlichkeit es überhaupt gibt – vom White Cube bis zur Black Box – und was ihr gemeinsamer Nenner sein könnte. Spektakuläre Museumsbauten, deren Bilbao-Effekt (gebaute Corporate Identity) ganze Städte aufwerten soll, werfen zudem die Frage auf, wie sich ein Museum in den Stadtkörper einfügt; dazu schauen wir uns gemeinsam rezente Beispiele wie das Museum der bildenden Künste in Leipzig an. Kritisch fragen wir auch: Wem gehört dieser vermeintlich offene Ort wirklich, wenn explodierende Baukosten private Sponsoren ins Spiel bringen, Neubauten ganze Viertel aufwerten und damit Subkultur verdrängen, und der Zugang zur »Hochkultur« nach wie vor sozial selektiv bleibt?

Ist das Museum am Ende doch nur bildungsbürgerliche Konvention für den freien Sonntag – oder steckt in seinem revolutionären Ursprung ein Potenzial, das noch heute zu entdecken und zu aktualisieren ist? Bleibt die museale Erfahrung im Raum des Museums; ist sie nur auf die Gesellschaft der Kundigen ausgelegt oder soll sie diese verlassen, zurückweisen aufs Leben, aus dessen Fragen ans Leben sie kommt? In Erörterung dieser Fragen lesen wir im Seminar Texte aus Philosophie, Kunstgeschichte und Architekturtheorie. Gemeinsame Museumsbesuche sowie Gäste aus Architektur, Philosophie und Kunstgeschichte eröffnen weitere Perspektiven und Gesprächsräume.

 

 

Schöne Potentiale. Ein Atlas

 

Integrationsmodul Theorie | 13776, 14163 | WiSe 2026/27
MI 09:30–13:00 Uhr | Atelier LG 2D, 2. OG
Beginn: 14. Oktober 2026
Jonathan Metzner, Prof. Dr. Albert Kirchengast

Stadt und Land, zwei Kategorien, welche architektonische, landschaftsplanerische und städtebauliche Leitbilder der Moderne prägten, Visionen wie Emotionen mobilisierten, verlieren spätestens seit den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts ihre räumliche Trennschärfe.

Mit Industrialisierung und Bevölkerungswachstum wurde die Großstadt zu einem ambivalenten Sinnbild der Moderne. Sie stand für Fortschritt und Urbanität, galt zugleich aber als Ausdruck einer krisenhaften, dekadenten Gesellschaft. Der aufkommende Modernismus reagierte nicht nur architektonisch und städtebaulich auf diese Umbrüche, sondern gestaltete sie aktiv mit und förderte die Auflösung der klar umrissenen Kategorien von Stadt und Land. Die einsetzende Zergliederung der traditionellen Stadt zeigte sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts etwa in Bruno Tauts »Auflösung der Städte« (1920) oder in der durch die Charta von Athen (1933) proklamierten funktionalen Stadt. Das Paradigma der autogerechten Stadt der Nachkriegszeit verstärkte die Verschränkung städtischer und ländlicher Bereiche. Der in den späten 1960er Jahren einsetzende Übergang in die postindustrielle Gesellschaft mit ihren globalen Waren- und Bevölkerungsströmen veränderte zusätzlich das Bild der westlichen Städte und Landschaften. Durch neu errichtete Einkaufszentren, Schnellstraßen, Großsiedlungen und Freizeitlandschaften wurde eine Trennung von städtischem und ländlichem Raum kaum noch möglich. Für diese Bereiche, die sich nicht mehr eindeutig Stadt oder Land zuordnen lassen, prägte Thomas Sieverts in der deutschen Debatte den Begriff der Zwischenstadt (1997). Rolf P. Sieferle kritisiert hingegen mit der totalen Landschaft eine »konstruierte Planlosigkeit« mit der ästhetischen Konsequenz einer Heterogenität ohne stabilen Stil. Das Reizlose und Banale dieser Räume entstehe nicht dadurch, dass dort nichts passiere, sondern durch eine Anästhesie der Wahrnehmung (Susanne Hauser, Christa Kamleithner).

Vor diesem Hintergrund stellen sich neue Fragen: Welche Formen der Wahrnehmung müssen wir einüben, um Qualitäten der Zwischenstadt zu erkennen? Welche Potentiale lassen sich an diesen Orten finden, um auf die Anforderungen der ökologischen Krise transformatorisch-entwerferisch reagieren zu können?

Als Integrationsmodul begleitet das Seminar den von Caroline Framont betreuten Masterentwurf Schöne Potentiale. Raumchoreografie im Dazwischen der Professur Ilia Vukorep. Die Studierenden setzen sich mit verschiedenen Cottbuser Orten im »Dazwischen« auseinander, die sie als Studien- oder Lebensmittelpunkt gut kennen. Methoden aus den Sozial- und Geisteswissenschaften, etwa Phänomenologie oder Architekturethnografie, eröffnen unterschiedliche Zugänge zur Wahrnehmung und Analyse dieser Orte. Im Vergleich machen die verschiedenen Lesarten Widersprüche sichtbar und ermöglichen ein komplexeres Verständnis zwischenstädtischer Räume. Als Forschungskollektiv tauscht die Seminargruppe Eindrücke und Ergebnisse aus und identifiziert Potentiale für die Entwurfspraxis. Die gewonnenen Erkenntnisse werden anschließend zu einem Atlas der untersuchten Gebiete zusammengetragen. Möglicherweise liegen hinter der Oberfläche des Banalen Momente der Schönheit – Potentiale des Entwerfens.

 

 

Ortskundig

 

Integrationsmodul Theorie | 13776, 14163 | WiSe 2026/27
DI 09:30–13:00 Uhr | Atelier LG 2C, 2. OG
Beginn: Start der LV in Abstimmung mit dem Entwurfsprogramm
Prof. Dr. Albert Kirchengast

Was ist eigentlich ein Ort? Ein Dorf, ein überschaubares, womöglich pittoreskes Städtchen? Im Diminutiv schwingt jedenfalls mit, dass die Ausdehnung gering ist. Geht es also um das Maß? Oder geht es um Beziehungen: um soziale, aber auch emotionale Korrespondenzen zwischen Menschen, zwischen Menschen und Dingen, zwischen Vergangenheit und Zukunft, um das Greifbare, Überschaubare, Heimelige – und damit womöglich auch um Abgrenzung und Ausschluss? Oder ist der Ort ein Punkt im Netz der Geographie, wie es Walter Christaller mit seiner Theorie der zentralen Orte nahegelegt hat? Dann wäre der Ort nur ein Begriff dieser oder jener Wissenschaft, eine bloße Rangstufe: Dorf, Stadt, Großstadt, Metropole. Und was ist mit dem Gewerbegebiet, dem Autobahnkreuz, dem Flughafen, die man Nicht-Orte genannt hat und an denen doch gebaut wird? Oder ist ein Ort schlicht meine Stelle in der Welt, mit der ich etwas verbinde, wie man so sagt?

Selbst in der Architektur, wo ständig von Orten die Rede ist, gibt es keine einheitliche Antwort, sondern Theorien des Ortes. Sie widersprechen einander schon in der Frage, ob der Ort vorgefunden oder erst gemacht wird. Für Heidegger ist es die Brücke, die den Ort stiftet, der vor ihr nicht da war; für die Lehre vom Genius loci ist er das Vorgängige, auf das jeder Eingriff zu antworten hat. Vermutlich ist er beides. Diesen und anderen Theorien wollen wir uns im ersten Teil des Integrationsseminars in einer Art Rollenspiel vergegenwärtigen: Wir ziehen sie uns gleichsam über und stellen ihre zentralen Argumente gegeneinander, um die eigene Position zu schärfen und Fragen zu eröffnen, allen voran die Grundfrage: Was ist ein Ort? Dabei zeigt sich, dass der Ort, so vertraut er scheint, erst in theoretischen Konzepten scharfe Konturen erhält – in Konzepten, die dem Selbstverständlichen Probleme und Potentiale entgegenhalten. Bewusst wird uns das, indem wir uns Begriffe, Konzepte und Theorien aktiv aneignen. Doch nicht nur Theorien prägen unser Verständnis des Ortes, sondern ebenso unsere eigenen, kulturell und nicht zuletzt professionell geformten Vorstellungen – auch sie gilt es sich bewusst zu machen. Im zweiten, größeren Teil des Seminars führen wir die Frage an die eigene Entwurfsarbeit heran: Welche impliziten Ortskonzepte nutzen wir im Entwurf? Wie finden wir den Ort vor, wie verändern wir ihn – ja, verbessern oder verschlechtern wir ihn? Und nach welchem Maßstab, für wen? Diese Fragen sollen uns durch das ganze Semester begleiten. Zugleich wollen wir ein Ortsverständnis praktizieren, das uns selbst und unsere Arbeit mit dem Ort in Verbindung setzt: situativ, leiblich, sinnlich, aber eben auch ästhetisch – im Sinne einer Reflexion des Erfahrenen, des Erdachten und des Werdenden.

Das Seminar hat somit forschenden und offenen Charakter. Es nutzt Sprache und Begrifflichkeit als Erkenntnis- und Ausdrucksinstrument, damit die implizite Haltung im Projekt transparent wird – über den Umweg der Frage nach dem Ort. Diese Frage wird so zum Schlüssel unserer Tätigkeit: erstens, um den Ort zu entdecken; zweitens, um ihn zu erkunden und zu analysieren; drittens, um ihn zu verändern. Die drei Schritte folgen dabei nicht bloß aufeinander, sondern kehren auf jeder Ebene des Entwurfs wieder, vom Lageplan bis zum Detail. Der Entwurf selbst wird damit zum Instrument unserer Ortskundigkeit: einer Kenntnis, die weniger aus dem Wissen über den Ort stammt als aus der Erfahrung mit ihm, so wie man in einer Gegend kundig ist, die man durchwandert hat. Noch ist nicht entschieden, was die einzelnen Studierenden unter einem Ort verstehen und welche Position sie im Entwurf einnehmen. Eines ist aber klar: Wir stehen nie außerhalb eines Ortes. Wir erleben ihn und sind als Entwerfende privilegiert, ihn auch baulich mitzuschaffen, besser gesagt, ihn zu erweitern. Womit schon gesagt ist, dass der Ort in seiner Vorgängigkeit auch ein Regulativ sein kann: ein Dialogpartner, dem der Entwurf antwortet.

 

 

Architektur erfahren

 

Im Rahmen der Lehrveranstaltung Methoden und Orientierung in der Bau- und Kunstgeschichte

Workshop | 13673, 14223 | WiSe 2026/27
3.11.2026, 13:45–17:00 Uhr | LG 2D, Raum 020 (IBK-Bibliothek)
Prof. Dr. Albert Kirchengast

In diesem nachmittäglichen Workshop gehen wir der Frage nach, wie die Beschreibung von Architektur, also ihre sprachliche Reflexion, unsere Architekturerfahrung beeinflusst. Muss Beschreiben stets, im Sinne der fachlichen Baubeschreibung, ein Hantieren mit Fachbegriffen sein, wie es die klassische Kunstgeschichte, aber auch die Dokumentation in Archäologie und Denkmalpflege oder die gutachterliche Tätigkeit erfordern? Oder kann die Beschreibung im Sinne der Ekphrasis, die ihren Gegenstand anschaulich vor Augen stellt, auch sinnliche, emotionale und historische Eigenschaften von Bauwerken evozieren, ja selbst solche, die nicht sichtbar sind oder erst im Raum und im Kontext hervortreten?

Die Extreme lassen sich an Beispielen greifen: an Goethes enthusiastischem Text über das Straßburger Münster, der seinen Gegenstand eher beschwört als beschreibt, ebenso wie an der nüchternen Baubeschreibung eines Denkmalinventars. Dazwischen liegt ein weites Feld literarischer und phänomenologischer Beschreibung, von Rilkes Dinggedichten bis zu Perecs Raumprotokollen, das weder katalogisiert noch schwärmt, sondern genau hinsieht. Dieses Feld erinnert daran, dass Beschreiben selbst eine Form des Wahrnehmens ist: Wir bemerken beim Schreiben, was wir beim Schauen übersehen haben, und geben, wie Michael Baxandall gezeigt hat, weniger das Werk wieder als unser Nachdenken darüber. Und weil Architektur, anders als ein Bild, nicht auf einen Blick, sondern im Nacheinander der Bewegung erfahren wird, steht ihr die Sprache – mit Lessings Laokoon eine Kunst des Nacheinanders – vielleicht näher, als es der Blick auf die Fassade vermuten lässt. Nicht immer sind Vollständigkeit und Fachterminologie gefragt. Die Kenntnis der Fachsprache bleibt freilich Voraussetzung dafür, sich von ihr lösen zu können und zu einer situativen Architekturbeschreibung zu finden, die weniger die Fassade als den Raum und den Ort in den Blick nimmt. Gefragt ist sie vor allem dort, wo es statt um stilgeschichtliche Einordnung um die lebensweltlichen Qualitäten der Bauten geht oder wo sie knapp, verständlich und unmittelbar wirken soll. Doch was heißt überhaupt Vollständigkeit? Jede Beschreibung wählt aus, und schon die Auswahl ist ein Urteil; auch das Inventar ist nicht neutral, es hat seine Kriterien nur standardisiert. Begreift man Architektur nicht als Grammatik oder Sprache einzelner Elemente, sondern als komplexes Wirkungsfeld, stellt sich diese Frage neu, ebenso wie die nach dem Standpunkt: Wer beschreibt, von wo aus und für wen?

Wir widmen uns dem Thema in Schreibübungen an konkreten Bauten. Daran erproben wir Nutzen und Reichweite verschiedener Beschreibungsweisen, befragen sie kritisch und diskutieren ihre Bedeutung in unterschiedlichen Kontexten. Im Vordergrund stehen das gemeinsame Gespräch und das Üben des schriftlichen Ausdrucks angesichts der Anschaulichkeit und Erlebbarkeit von Architektur. Der Workshop möchte Lust machen, das eigene Schreiben als Weg zu nutzen, Architektur auf unterschiedliche Weise zu erfahren und so besser zu verstehen.