Ulrich Müther (1934 – 2007) Würdigung

Müthers Lebenswerk ist von Fachkollegen auf der ganzen Welt gerühmt worden. In dem 2003 erschie¬nen Band „Featherweights” [HERWIG 2003] wird der Mann von der Insel Rügen als einer der weltweit fünf Pioniere des Schalen-betonbaus gewürdigt.

Ulrich Müther widmete sein Leben der Entwicklung und Berechnung von Schalentragwerken. Im Fokus der sehr begrenzten Möglichkeiten schaffte er vieles, was manch einer für nicht möglich gehalten hätte. Er nahm die Gegebenheit an, dass Ressourcen stark begrenzt waren und nutzte diese Tatsache als Ansporn für die Weiterentwicklung seiner Schalen. 

In der DDR wurde Müther nie gefördert oder gar geehrt. Dafür war er ein zu großer Freidenker in einem System, welches auf Gradlinigkeit und Gleichtaktung ausgerichtet war. Er ließ sich dadurch aber nicht unterkriegen und scheute auch die Konfrontation nicht. Ihm war klar, dass die DDR ihn als Baumeister brauchte, um im Ausland mit futuristischen Bauwerken den neusten technischen Stand des DDR-Ingenieurwesens vorzuführen. Diese Rolle füllte er voll und ganz aus.

Je mehr der Name Müther in Ostdeutschland verschwiegen wurde, desto mehr wurden seine Bauten gelobt und gefeiert. Beispielsweise wurde das Ensemble der Fischerinsel mit dem Ahornblatt auf einer DDR-Briefmarke verewigt.

Nach der Wende wurde das Werk Müthers mehr anerkannt und er war bis zu seinem Tod ein begehrter Gast auf Fachtagungen und Kongressen. Seine Führungen, sofern er diese zu besonderen Anlässen anbot, waren immer gut besucht, da diese fachlich interessant waren und Müther es verstand die Leute durch seine sympathische Art mitzureißen. 

Durch seine kontinuierlichen Forschungen an Schalen konnte Müther diese Bauweise populär vorantreiben und hat damit einen Grundstein für die heutigen Kenntnisse des Torkretierens gelegt. Sicherlich war Ulrich Müther kein Pionier der modernen Schalenbauweise, aber er konnte mit seiner Art zu Arbeiten das Bestmögliche aus der jeweiligen Situation machen, was zu Zeiten von Rohstoffknappheit ein besonderer Vorteil war. Seine Beharrlichkeit und die Vision sein Werk voranzutreiben, macht Müther mit Sicherheit zu einem der größten Baumeister der DDR. Er ist nicht ohne Grund der einzige, der auch zu internationalem Ansehen gelangte, was ihn in seinem Schaffen bestätigte und noch bestärkt hatte.  

Nachrufe

Ulrich Müther gestorben. Er war ein Bauingenieur mit Leib und Seele

Als Ulrich Müther starb - am 21. August auf Rügen, wo er am 21. Juli 1934 auch auf die Welt gekommen war - da meldeten alle Zeitungen nur den Tod eines Architekten, eines "Meisters der Schalen aus Beton". Hier nun folgt ein Nachruf auf den Bauingenieur Ulrich Müther, dessen Werk, weil es so einfach im Ausdruck ist und so klar in der konstruktiven Gestaltung, davon zeugt, dass er Recht damit hatte, sich selbst nie als Architekt zu bezeichnen und seine Arbeit als die eines Bauingenieurs aufzufassen. 
[STIGLAT 2007]

''Meister des Schalenbetons'' gestorben

Der Architekt Ulrich Müther ist tot. Mit seinen kühnen Bauten erlangte er weltweite Bekanntheit.
Binz - Der Architekt Ulrich Müther ist am Dienstag im Alter von 73 Jahren gestorben. Mit seinen Konstruktionen galt Müther als "Meister des Schalenbetons". Von ihm stammen das Restaurant "Teepott" in Rostock-Warnemünde, das inzwischen abgerissene "Ahornblatt" in Berlin sowie Bauten in Kuwait oder Helsinki. Müther entwarf seit 1963 mehr als 50 Hypar-Schalenbauten und errang damit internationale Aufmerksamkeit. Müther soll am Samstag in Binz beigesetzt werden. 

Der 1934 geborene Müther lernte den Beruf des Zimmermanns und studierte später an der Ingenieurschule Neustrelitz und an der Technischen Universität Dresden. 1963 diplomierte er mit einer mathematisch komplizierten Arbeit zur Berechnung von stabilen Betonkonstruktionen. Die Formeln waren das Fundament für die extravaganten und an Naturformen orientierten Hyparschalenkonstruktionen, bei denen der Beton direkt auf die Bewehrungskonstruktion aufgebracht wurde. 

Von ihm stammen auch die erste ohne Einschalung erbaute Rennschlittenbahn der Welt im thüringischen Oberhof, das Kulturzentrum Tripolis in Libyen sowie Planetarien in Helsinki und Wolfsburg.
[DER TAGESSPIEGEL ONLINE, 23.08.2007]

Erinnerung an Zukunft

Nachruf – Zum Tod von Ulrich Müther (1934-2007)
Ulrich Müther war der Mann fürs Besondere im Rechteckland. Er konnte aus dem überdrüssigen Beton frei schwingend schwebend schöne Häuser machen. Schwierige Geometrien, hyperbolisch paraboloid gespannt und gezogen: Segel, Seestern, Ahornblatt. Lange vor Einführung des Computers hat Müther endlose Datensätze mit Bleistift und Papier berechnet, das machte seine späten Verehrer geradezu fassungslos. Obwohl man heute mathematisch alles sehr viel schneller könnte, ist Schalenbau eine nahezu ausgestorbene Disziplin. […]
Der Landbaumeister Müther, ein Ingenieur, hat ausführen können, wovon die meisten Architekten nur träumten. Das machte den Unterschied und seine Größe aus. Er hat aus der Papierarchitektur der großen internationalen Wettbewerbe experimentell Bushaltestellen und Strandwärterhäuschen gemacht. Dies wiederum war typisch DDR: das Basteln und Erfinden im Hinterhof. Die Müther-Schalen verdanken sich vorpommerscher Hartnäckigkeit ebenso wie den Assoziationen eines Seglers. Diese Trance auf offener See: Grenzen überwinden, fliegen, aber hübsch mit den Beinen am Boden dabei. Müther war immer darauf angewiesen, wer bei den Projekten sein Architekt wurde. Kaum eine Form hat er selbst kreiert. Er las die Ideen aus unrealisiert gebliebenen, allzu kühnen Projekten in anderen Ostblockstaaten auf. Erst war die Form der Schale da, dann musste sie Haus werden. [...]
Niemand hat sich vorstellen können, dass den bald schon denkmalgeschützten Architekturen jemals ein Unbill von Menschenhand drohen könnte. Dass gar Baggerarme verheerend in die komplexen Geometrien greifen. Einige Schalen sind nach 1989 sang- und klanglos verschwunden, weil sie zu Gästehäusern der SED gehörten, andere verrotteten im Treuhand-Liegenschaftsbestand. Allein in Berlin gab es einen Aufruhr, als die Bundesfinanzverwaltung im Zusammenspiel mit den DDR-Exorzisten vom Planwerk Innenstadt das Ahornblatt auf der Fischerinsel demolierte. Der vor aller Augen und bei lebhaften Protesten vollzogene Abbruch hat Müther paradoxerweise in seinen letzten Lebensjahren weltbekannt gemacht. Eine viel gelesene Londoner Designzeitschrift kürte ihn zum "Architekten des Jahres", Müther bereiste die Technischen Universitäten, er bekam Aufträge für Rodelbahnen und Moscheen. Filmemacher und Reporter drängelten sich in seinen Terminkalender. Der Druck der um ihn entstandenen Öffentlichkeit hat nicht zuletzt den "Teepott" gerettet. Nun wird man künftig am Strand von Warnemünde ein gebautes Memento betrachten können. Sanft in die Dünen gebettet und wie von der Meeresbrise gebauscht hat der am 21. August verstorbene Ulrich Müther mit diesem Bau eine Erinnerung an Zukunft hinterlassen. Im Zweifel auf jeden Fall modern.
[HAIN 2007]

DDR-Architekt Müther gestorben

Er baute das berühmte - mittlerweile unter Protest abgerissene - Berliner Ahornblatt und den "Teepott" in Warnemünde. Seine kühnen Entwürfe spielten mit dem Material Schalenbeton. Die Bauwerke stehen für eine zukunftsgewandte Architektur, schmeichelnde Linien und großzügige Proportionen.

Er war und blieb immer ein Enfant terrible der DDR-Architektur: der Architekt Ulrich Müther, von Freunden und Bewunderern der "Meister des Schalenbetons" genannt. Von ihm stammen der "Teepott" in Warnemünde, das "Ahornblatt" in Berlin, Planetarien in Helsinki und Wolfsburg, die Rennschlittenbahn im thüringischen Oberhof, das Kulturzentrum Tripolis in Libyen sowie Bauten in Kuwait. Müther entwarf seit 1963 mehr als 50 hyparbolische Paraboloidschalen. Am Dienstag ist er im Alter von 73 Jahren in seiner Heimatstadt Binz auf Rügen gestorben.

Dass ein Architekt in der DDR überhaupt so eigensinnige Wege einschlagen konnte, galt vielen Fachkollegen als erstaunlich. Sie vermeinten, der müsse "Beziehungen" haben, wenn ihm von höchster Stelle ein solches Privileg eingeräumt werde. Vielleicht spielte dabei aber auch der Ehrgeiz der Parteiführung mit, "Weltniveau" zu zeigen und mit den Westdeutschen mitzuhalten, die mit ihrer "Schwangeren Auster" prunkten. […]

Müthers Tragik war es, dass er viele seiner einst bewunderten Werke überlebte. Eine Genugtuung wird es für ihn gewesen sein, noch in späten Jahren beim breiten öffentlichen Widerstand gegen den Abriss des "Ahornblattes" eine Anerkennung erleben zu können, die weit in den Westen Deutschlands hineinreichte.
[GURATZSCH 2007]

Weitere Nachrufe und Artikel nach seinem Tod:

BARTELS, Olaf: Ulrich Müther 1934-2007, In: Deutsches Architektenblatt, Bd. 30, 2007, 10, S.24-25.

HOGE, Hermann: Zum Gedenken an Ulrich Müther, In: Rugia, Bd. 17, 2009, S.52-53.  

PESCH, Volker: Baumeister und Segler. Zum Tod von Ulrich Müther, In: Greifswalder Hafenbote, 2007, 19, S.9.

POMMERSCHE ZEITUNG: Abschied von einer Legende. Zum Tod des pommerschen Architekten Ulrich Müther, In: Die Pommersche Zeitung, Bd. 57, 2007, 35, S.2.

RATHKE, Martina: Kühn und filigran. Der Meister des Schalenbetons, Ulrich Müther, ist gestorben, In: Norddeutsche neueste Nachrichten, Bd. 55, 2007, 197, S.5.

SEEGERT, Torsten: Abschied von einer Legende. Vom Sujet zum Bild, In: Pommern, Bd. 45, 2007, 4, S.2-5.

TRETTIN, Maik: Der Ästhet von nebenan. Von Rügen aus hat der Ingenieur Ulrich Müther mit seinen Bauten Architekturgeschichte geschrieben. In der Nacht von Montag zu Dienstag verstarb er im Alter von 73 Jahren in seinem Heimatort Binz, In: Ostsee-Zeitung, Bd. 55, 2007, 197, S.13.

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