Ulrich Finsterwalder (1897 – 1988) Biografie

Ulrich Finsterwalder (1897-1988).Topografische Biografie

Die topografische Biografie Finsterwalders ist hier als PDF herunterladbar.

Tabellarische Biografie
JahrEreignis
1897Ulrich Finsterwalder wird am 25.12. in München, Bayern, Deutschland (damals: Bayern, Deutsches Reich) als Sohn eines Professors für Geometrie geboren. Mutter ist Teil einer wohlhabenden, allseits bekannten Familie aus den Südtiroler Bergen. Finsterwalder wächst mit mehreren Brüdern auf.
1916Erlangt seinen Abiturabschluss.
1916Während des Ersten Weltkrieges wird Finsterwalder zu den Pionieren eingezogen, wo er zur Westfront muss.
1918Bis 1920 verbringt Finsterwalder in französischer Kriegsgefangenschaft. Er nutzt die Zeit sich in der Mathematik zu vertiefen.
1920Finsterwalder schreibt sich an der TH München im Fach Maschinenbau als Student ein.
1921Studienfachwechsel - Fortan studiert er Bauingenieurwesen ebenfalls an der TH München. Nach drei Jahren hält Finsterwalder sein Diplom in seinen Händen.
1922Großen Einfluss auf die Entwicklung Finsterwalders nimmt der Professor Ludwig Föppl (1887-1976). Als Folge beginnt sich F. für Schalenkonstruktionen zu interessieren und beschäftigt sich mit der Theorie der Netzwerkschalen in seiner Diplomarbeit.
1922Bis 1923 entwickelt Finsterwalder die Theorie der querversteiften Zylinderschalen.
1923Im Anschluss des Studiums arbeitet Finsterwalder in Jena, Thüringen, Deutschland (damals: Land Thüringen, Weimarer Republik) für die Firma Dyckerhoff & Widmann AG (Dywidag) und beschäftigt sich dabei mit dünnen Kuppelschalen und Tonnendächern.
1923Bis 1925 arbeitet Finsterwalder auch an der Schalenkuppel der Glaswerke Schott & Gen. in Jena.
1925Finsterwalder zieht es in die Zentrale von Dywidag nach Wiesbaden-Biebrich. Dort hat er die Gelegenheit mit Franz Dischinger (1887-1953) zusammenzuarbeiten.
1925Ulrich Finsterwalder untersucht die Wirkungsweise querversteifter zylindrischer Schalengewölbe (durch Feinmessungen an Blechmodellen) und arbeitet an der Ergänzung der Membrantheorie der Zeiss-Tonnengewölbe.
1925Differenzialgleichungen zur Biegetheorie entstehen, womit Finsterwalder eine sichere wissenschaftliche Grundlage schafft, die für die Entwicklung der Schalenbauweise von großer Bedeutung ist.
1926Erste weltweite Bestätigung erfährt Finsterwalder beim Bau der Großmarkthalle in Frankfurt (Main), Deutschland (1926-1928).
1930Finsterwalder promoviert bei Ludwig Föppl (1887-1976) mit der „Biegetheorie der freitragenden Kreiszylindersegmentschale“.
1930Wettbewerbsentwurf für die Dreirosenbrücke (auch: Drei-Rosen-Brücke; erstmalige Spannbetonbrücke) in Basel, Kanton Basel-Stadt, Schweiz. Wird jedoch von Jury nicht verstanden und abgelehnt, was Finsterwalder trotzdem nicht davon abhält, sich weiterhin mit Problemen der Vorspannung auseinander zu setzen. Neben Finsterwalder arbeiten damals auch Franz Dischinger (1887-1953) und Eugéne Freyssinet (1879-1962) an Vorspanntechniken.
1933Als Nachfolger Dischingers wird Ulrich Finsterwalder für die nächsten 50 Jahre Leiter des Konstruktionsbüros von Dyckerhoff & Widmann AG in Wiesbaden-Biebrich.
1933Eine Flugzeughalle in Cottbus stürzt ein. Finsterwalder kommt infolgedessen in Untersuchungshaft und ihm wird die Todesstrafe wegen Sabotage angedroht. Konstruktion und Statik wird daraufhin überprüft und als fehlerfrei befunden, sodass er freigelassen wird.
1939Während des 2. Weltkrieges herrscht Stahlknappheit. Finsterwalder entwickelt eine stahlsparende Spiralbewehrung für Luftschutzbunker.
1941Finsterwalder steigt in die Geschäftsleitung der Dywidag auf.
1942Stahlknappheit führt zur Anwendung der Schalentheorie beim Bau von Stahlbetonschiffen.
1946Nach dem 2. Weltkrieg herrscht Nahrungsknappheit. Finsterwalder versucht bei Grenzüberschreitungen nach Österreich seiner Familie lebensnotwendige Nahrung zu besorgen, was strengstens verboten ist. Bei einer seiner Touren wird Finsterwalder festgenommen; ihm droht die Todesstrafe. Seine Überzeugungskraft bewirkt jedoch die Umstimmung des Gesetzeshüters und er wird wieder freigelassen.
1946In Finsterwalder entfacht das Interesse an der Landwirtschaft, was letztlich zu einer großen Farm in Familienbesitz führt. Aber Finsterwalder bleibt ein Ingenieur: der Kuhstall wird aus Betonschalen bestehen.
1948Finsterwalder wird persönlich haftender Gesellschafter der Dywidag.
1949Finsterwalder entwickelt das sogenannte Dywidag-Spannverfahren.
1950Ein Höhepunkt der erfinderischen Arbeit Finsterwalders ist mit der Lahnbrücke bei Balduinstein, Rheinland-Pfalz, Deutschland erreicht. Der freie Vorbau bei vorgespannten Brücken, der hier erstmals probiert wird, kommt anschließend weltweit im Großbrückenbau zur Anwendung.
1950Finsterwalder erhält zahlreiche Auszeichnungen wie die Ehrendoktorwürde der TH Darmstadt.
1963Wird Finsterwalder das Große Verdienstkreuz der BRD verliehen.
1968Ulrich Finsterwalder erhält auch die Ehrendoktorwürde der TU München.
1973Tritt vom aktiven Firmendienst zurück. 
Finsterwalder ist trotzdem noch 15 Jahre als unabhängiger beratender Ingenieur - so auch für sein ehemaliges Büro - tätig.
1988Am 5.12. stirbt Ulrich Finsterwalder in München. Seine letzten Worte an seine Familie waren: „Liebe ist die wichtigste Grundlage unseres Seins“. [übersetztes Zitat: TEDESKO o.J., S. 91]

Biografie in Textform

Ein großer Ingenieur wird geboren

Ulrich Finsterwalder erblickt am 25. Dezember des Jahres 1897 in München, Bayern, Deutschland (damals: Königreich Bayern, Deutsches Reich) das Licht der Welt. Während sein Vater als Professor der Geometrie tätig ist, ist seine Mutter, als Teil einer wohlhabenden, allseits bekannten Familie, mit der Erziehung von Ulrich und seinen Brüdern beschäftigt. Die Herkunft seiner Mutter, aus den Südtiroler Alpen, lässt ihn später zum leidenschaftlichen Skiläufer werden.

In jungen Jahren besucht Finsterwalder ein Gymnasium in seiner Heimatstadt und erlangt 1916 sein Abitur. Im selben Jahr noch wird er zu den Pionieren eingezogen und ist gezwungen, mit Beginn des 1. Weltkrieges zur Westfront zu ziehen. So geschieht es, dass Finsterwalder 1918 in französische Kriegsgefangenschaft gerät. Die folgenden zwei Jahre bleiben jedoch nicht ungenutzt. Finsterwalder widmet sich in dieser Zeit ausgiebig den Lehren der Mathematik.

Seine Freilassung im Jahre 1920 ermöglicht es ihm schließlich, nach einem Intermezzo im Maschinenbaustudium, das Studium des Bauingenieurwesens an der TH München 1921 zu beginnen. In dieser Zeit erweckt sein Mechanik-Professor Ludwig Föppl (1887-1976) Finsterwalders Interesse für Schalenkonstruktionen, sodass dieser sich auch in seiner Diplomarbeit mit der Theorie der Netzwerkschalen 1923 auseinandersetzt.

Dyckerhoff & Widmann AG. Mehr als nur ein Arbeitgeber

Gleich im Anschluss seines Bauingenieur-Diploms  tritt Finsterwalder 1923 der Firma Dyckerhoff & Widmann AG, als Tragwerksplaner und Konstrukteur bei. Zu dieser Zeit ahnt er noch nicht, welche Bedeutung diese Firma in seinem zukünftigen Schaffensprozess haben wird. Dort kommt es ebenfalls zur ersten Begegnung Finsterwalders mit Franz Dischinger (1887-1953). Obwohl sich beide nicht ausstehen können, sind die Folgejahre von ihrer Zusammenarbeit geprägt. Sie setzen sich beispielsweise gemeinsam mit der Theorie dünner Kuppelschalen und Tonnendächer auseinander, die vor allem beim Unternehmen Carl Zeiss in Jena (vgl. Dischingers Projekte), Thüringen, Deutschland (damals: Land Thüringen, Weimarer Republik) zwischen 1922 und 1925 und bei der großen Markthalle in Basel, Kanton Basel-Stadt, Schweiz, 1929 zur Anwendung kommen (siehe Abb. 2.02). 

Bis zum Jahre 1925 ist Finsterwalder für Carl Zeiss in Jena tätig und arbeitet dort an der Schalenkuppel des Jenaer Glaswerks Schott & Gen. (einst Glastechnisches Laboratorium Schott & Genossen genannt). In dieser Zeit untersucht er durch Feinmessungen an seinen berühmten Blechmodellen die Wirkungsweise der querversteiften zylindrischen Schalengewölbe und ergänzt die Membrantheorie der Zeiss-Tonnengewölbe (siehe Abb. 2.03). Folglich gelingt es ihm, mit seinen Differenzialgleichungen zur Biegetheorie eine sichere wissenschaftliche Grundlage zu schaffen, die für die Entwicklung der Schalenbauweise von großer Bedeutung sein wird. Finsterwalders wissenschaftliche Arbeiten erhalten ihre erste weltweite Bestätigung in den Jahren von 1926 bis 1928 während des Baus der Großmarkthalle in Frankfurt am Main, Hessen, Deutschland (damals: Hessen-Nassau, Weimarer Republik), für welche Finsterwalder die Überdachungskonstruktion beisteuert.

Finsterwalder ist seiner Zeit weit voraus

1930 promoviert Finsterwalder mit der „Biegetheorie der freitragenden Kreiszylindersegmentschale“ und steigt 3 Jahre später zum Leiter des Konstruktionsbüros der Dyckerhoff & Widmann AG in Wiesbaden-Biebrich, Hessen, Deutschland (damals Hessen-Nassau, Weimarer Republik) auf. Damit wird er zum Nachfolger Dischingers und soll diese Position für die nächsten 50 Jahre innehaben.
   
In der Folgezeit entstehen zahlreiche Entwürfe. Darunter fällt auch ein Wettbewerbsbeitrag aus dem Jahre 1930 für die Dreirosenbrücke in Basel, Schweiz, bei dem Finsterwalder erstmalig eine Spannbetonkonstruktion vorschlägt. Trotzdem der Entwurf von der Jury abgelehnt wird, da diese die innovative Idee dahinter nicht erkennt, hält dies den unermüdlichen Finsterwalder nicht davon ab, sich weiterhin mit der Problematik der Vorspannung auseinander zu setzen. Es bleibt jedoch nicht nur bei diesem einen Rückschlag. 1933 stürzt eine Flugzeughalle in Cottbus, Brandenburg, Deutschland ein, an der Finsterwalder die Tragwerksplanung verantwortet. So kommt es zu Finsterwalders Verhaftung unter Androhung der Todesstrafe wegen Sabotage. Nach Überprüfung der Konstruktion und Statik wird seine Arbeit jedoch als fehlerfrei befunden, sodass er wieder freigelassen wird.

Zur Zeit des 2. Weltkrieges und die Nachkriegsjahre

Während des 2. Weltkrieges kommt es zur Stahlknappheit, woraufhin Finsterwalder eine stahlsparende Spiralbewehrung für Luftschutzbunker entwickelt, die zu dieser Zeit überlebensnotwendig werden. Das Besondere liegt darin, dass seine Entwicklung auf rein theoretischer Arbeit basiert und erst bei der Anwendung selbst erprobt wird. Seine Erfindung erweist sich dennoch als Erfolg, sodass das Leben vieler Menschen vor dem Durchschlag von Sprengbomben gerettet werden kann. Doch nicht nur die Spiralbewehrung entsteht aus der Not der Stahlknappheit heraus. Sie führt 1942 außerdem zur Anwendung der Schalentheorie beim Bau von Stahlbetonschiffen (siehe Abb. 2.04).

Nach dem 2. Weltkrieg herrscht allerorts in Deutschland Nahrungsknappheit, wovon auch Finsterwalders Familie nicht verschont bleibt. So zieht der ausgesprochene Familienmensch des Öfteren nachts über die Berge nach Österreich, um seiner Familie lebensnotwendige Nahrung zu besorgen, auch wenn solche Überquerungen auf Androhung der Todesstrafe verboten waren. Bei einer seiner Touren wird Finsterwalder von einer Grenzstreife entdeckt und festgenommen. Sein Einreden auf den Gesetzeshüter überzeugt diesen jedoch, dass die Gesetze eines Vaters und die eines Ehemannes für Finsterwalder stärker sind, als die des Militärs, sodass er wieder freigelassen wird. Diese Nachkriegserfahrungen bewirken, dass sich Finsterwalder eine Kuh zulegt und das Interesse an der Landwirtschaft in ihm geweckt wird. Wenig später ist er (bzw. die Familie Finsterwalder) im Besitz einer großen Farm, die nicht verheimlichen kann, dass ihr Eigner ein Bauingenieur ist: der Kuhstall besteht aus Finsterwalders Betonschalen.

Der Aufstieg in der Firma und die Erfolge

1941 gelingt es Finsterwalder, bis in die Geschäftsleitung aufzusteigen. Nur weitere sieben Jahre später wird der mittlerweile 51-Jährige sogar persönlich haftender Gesellschafter der Dywidag. Im Folgejahr führt er gemeinsam mit seiner Firma das Dywidag-Spannverfahren ein. 1950 folgt der Höhepunkt und Durchbruch seiner erfinderischen Arbeiten. Die Lahnbrücke bei Balduinstein, Rheinland-Pfalz, Deutschland wird als erster Versuch einer vorgespannten Brücke im freien Vorbau errichtet. Dieses Bauverfahren beeindruckt und kommt schließlich weltweit im Großbrückenbau zur Anwendung. In den Folgejahren erhält Finsterwalder nationale und internationale Anerkennung und Würdigung seines Schaffens, was sich in zahlreichen Auszeichnungen äußert.

Lebenswerk Dywidag

1973, im Alter von 76 Jahren, tritt Finsterwalder vom aktiven Firmendienst zurück. Das hält den geistig und körperlich fitten Mann dennoch nicht davon ab, weitere 15 Jahre als unabhängiger beratender Ingenieur tätig zu sein. So wird er von seinem ehemaligen Büro weiterhin als Berater für Großprojekte hinzugezogen.

Am 5. Dezember 1988 verstirbt der 90-Jährige Ulrich Finsterwalder in München. Seine letzten Worte richtet er an seine am Sterbebett anwesende Familie: „Liebe ist die wichtigste Grundlage unseres Seins“. [übersetztes Zitat: TEDESKO o.J., S. 91]

Persönlichkeit und Privatleben

Finsterwalder als Person

Zeitgenossen beschreiben ihn stets als bescheidenen und bodenständigen Menschen (siehe Abb. 2.06). Sie äußern weiterhin, dass ein sehr angenehmes Arbeitsverhältnis um ihn vorzufinden war. Man hielt es für ein Privileg, in Finsterwalders Bemühungen involviert zu werden und es herrschte immer Erstaunen über seine Produktivität, seinen Einfallsreichtum, sein Durchhaltevermögen und seine Hartnäckigkeit, mit der er Problemen begegnete. Er war ein guter Lehrer, der die Arbeit der anderen stets fair beurteilte und erwartete von sich selbst genauso viel, wie auch von anderen.

Seine Familie

Finsterwalder ist ein ausgesprochener Familienmensch und liebender Ehemann seiner Frau Eva. Zusammen ziehen sie fünf Kinder groß - ihre drei Söhne Klemens, Lorenz und Thomas sowie ihre zwei Töchter Ruth und Renate. Des Weiteren wird er Großvater von zwölf Enkelkindern. Drei seiner Kinder erlangen einen Doktortitel im Ingenieurwesen und in der Naturwissenschaft, sodass man zu dem Schluss kommen kann, Finsterwalder habe seinen Kindern als Vorbild gedient. Sein jüngster Sohn Thomas, ebenfalls ein Münchener Ingenieur, hält außerdem den Weltrekord im Drachenfliegen, sodass der Name Finsterwalder auch im Zusammenhang mit dem Design und der Entwicklung von Drachenfliegern bekannt ist.

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