Guarino Guarini (1624 – 1683) Würdigung

Guarino Guarini hatte das Glück für die „High Society“ des 17. Jhs. zu arbeiten. Kontakt zu dieser erhielt er früh, denn die Theatiner waren ein durch den Papst sehr geförderter Orden, da er im Rahmen der Gegenreformation eine wichtige Rolle spielte. In Modena hatte Guarini bereits mit der Adelsfamilie Este zu tun. Weitere Kontakte konnte er auf seinen Reisen von 1655 bis 1659 knüpfen. Aufgrund des hohen Ansehens der Theatiner und der voranschreitenden Ausbreitung des Ordens bereiste Guarini einen Großteil Europas, kam an Orte wie Prag und Lissabon und wirkte für mehrere Jahre in Messina und Paris. Durch die Quellen erfahren wir, dass er 1662 ein Auftrag für ein Bauvorhaben der bayrischen Kurfürstin ausschlagen musste. In „Architettura civile“ finden wir Pläne für einen Palast, der um 1665 vermutlich in Paris oder dessen Umgebung entstehen sollte (Abb. 3.04). Dies alles war eine Vorbereitung für sein Engagement für das Herrschaftshaus Savoyen ab 1667. Die Familie war ein aufstrebendes Adelsgeschlecht, welches gute Kontakte zu den mächtigen Höfen des 17. Jhs. besaß. Die Herzog-/ Fürstenfamilie konnte sich später mit Königstiteln bekleiden und stellte ab dem ausgehenden 19. Jh. sogar den König des vereinigten Königreiches Italien. Der Kontakt zu den Reichen des 17. Jhs. machte es Guarini möglich mit herausragenden Bauaufgaben betraut zu werden. In Piemont, das noch immer von früheren Kriegen gezeichnet und architektonisch unterentwickelt war, fand er ein wahres Baumeister-Eldorado vor. Turin selbst, die Hauptstadt des Fürstentums, stellte einen großen Bauplatz dar. „Ausser dem […] Dom fehlten grössere Gebäude.“ [ANDEREGG-TILLE, S. 14]

Aufgrund seiner Begabungen und seiner Arbeitsweise machte sich Guarino Guarini jedoch erst interessant für das Adelsgeschlecht Savoyen. „… [Guarini] gehörte zu den universal gebildeten und tätigen Persönlichkeiten seiner Zeit.“ [SCHNEIDER 1997, S. 7]. Er wirkte als Dozent und Professor für [theologische] Philosophie und Mathematik. War interessiert an Astrologie. Als Baumeister war er keinesfalls nur auf Kirchen reduziert (siehe Projektliste). Er beschäftigte sich darüber hinaus mit dem Festungsbau (reiner Ingenieurbau; Entwürfe), Palästen inkl. Pavillons und anderen kirchlichen Einrichtungen (Kloster, Ritterschule).

Seine Arbeitsweise könnte man mit dem Wort „verbindend“ charakterisieren. Theorie und Wissenschaft (Astrologie und Mathematik) flossen stets in seine architektonischen Projekte ein. Die Baupraxis war bei ihm niemals von der Theorie losgelöst. Darüber hinaus verstand es Guarini in seinen Entwürfen immer den theologischen Aspekt einfließen zu lassen. Die Voraussetzungen hierfür brachte er mit, denn als Ordenspriester war Guarini theologisch gebildet und setzte sich als Dozent und Professor viel mit theologischen Philosophien auseinander. Diese Eigenschaft war für seinen Erfolg sehr wichtig, denn er wirkte in einer Zeit, wo Glaube noch nicht privat und Religion eng mit der weltlichen Macht verknüpft war.

Mit diesem „Background“ ging er in der Architektur neue Wege. Dabei verwob er seine auf Reisen gemachten Erfahrungen mit dem barocken Bedürfnis nach Transzendenz. Dies setzte er allein mit architektonischen und bautechnischen Mitteln um, was in der Baukunst neu war. Denn üblicherweise behalf man sich mit illusionistischer Malerei, auf die Guarini gänzlich verzichtete. Guarini und seine Bauwerke wie San Lorenzo und die Cappella della Sacra Sindone können demnach als „innovativ“ angesehen werden. Seine Kuppelkonstruktionen erinnern gar an Fachwerkkuppeln und Netzkuppeln des 19. und 20. Jhs (siehe Kapitel „Erfindungen“).

Guarini „verwissenschaftlichte“ das Bauwesen. Nicht nur sein mathematischer Ansatz während der Planungsphase seiner Bauprojekte weist darauf hin. Es sind vor allem die wissenschaftlichen Abhandlungen, die dies belegen. Sie machen seine Arbeitsweisen für uns nachvollziehbar. Mit seinen Traktaten beeinflusste Guarini nachkommende Baumeistergenerationen entscheidend.

Aus der Sicht der Kunst- und Baugeschichte war Guarini der Wegbereiter des piemontesischen Barocks. Er wird gefeiert für die Formen seiner Bauwerke. Der Baumeister beeindruckt nach wie vor, weswegen sich Menschen mit ihm und seinem Werk auch heutzutage tiefer auseinandersetzen. Als Beispiel sei Gerd Schneider angeführt (siehe SCHNEIDER 1997), der seine Bewunderung für Guarini durch die zeichnerische Visualisierung der nicht realisierten Entwürfe des Baumeisters zum Ausdruck bringt. Dabei entstanden perspektivische Innen- und Außenansichten, die neue Eindrücke des Werkes Guarinis liefern (Abb. 6.01-6.02). Nachfolgend sind Zitate aufgeführt, die die Wirkung des Baumeisters und seines Werkes auf andere veranschaulichen sollen:

„In der „Architettura civile“ stellt er die Grundlagen der Architektur (die sich nicht mit Festungsbau befasst) dar. Guarini war seiner Begabung nach Mathematiker: „L’architettura dipende dalla matematica“, dies ist die Grundvorstellung seiner Baukunst. Er versucht, durch genaue Berechnungen grosse Wirkungen zu erzielen. Seine Bauten sind Durchdringungen und Verschmelzung, sind Zusammenschluss von Raumkörpern, Aufhebung von vertikalen und horizontalen Unterschieden: Nichts entsteht unwillkürlich, hinter allem steht ein genau berechnender Wille; dies verlangt vom Architekten zweierlei Wissen. Für den Entwurf des Planes bedeutet es genaue Kenntnis der darstellenden Geometrie (eine Wissenschaft, die es damals noch gar nicht offiziell gab; in der „Architettura civile“ finden wir jedoch komplizierte Schnitte von Kegeln und Zylindern, die Kurven vierten Grades als Schnittlinien ergeben). Die Ausführung verlangt ein hervorragendes Verständnis der statischen Gesetze. Aus diesem Aspekt erklären sich architektonische Neuheiten. Guarini konstruierte schon schwierige Kuppeln, für die er bereits Eisenversteifungen verwendete, während man sonst in Italien noch sichtbare Zugbänder benützte. Wie sehr hier noch manches Experiment ist, wie sehr sich auch Guarini täuschen kann, bezeugt der Einsturz von S. Filippo in Turin.“ [ANDEREGG-TILLE 1962, S. 16]

„Guarini ist der grosse Wegbereiter der piemontesischen Baukunst, und er bleibt der bedeutendste Architekt des Landes bis zu seinem Tod am 6.3.1683. Seine Berechnungen und seine Denkart sind viel zu kompliziert, um von seinen Bauführern Garue und Baroncelli verstanden zu werden. [ANDEREGG-TILLE 1962, S. 17]

„Indeed, he was a sophisticated geometrician, and a pioneer of projective and descriptive geometry, as is clear from his Euclides Adauctus and Architettura Civile, anticipating the work of Gaspard Monge (1746-1818), who is usually credited with the invention of descriptive geometry. His work on stereotomy doubtless helps to explain the great complexity of his buildings.“ [CURL 1999, S. 293]

„Guarinis für die spätere Entwicklung grundlegende Raumschöpfungen vereinigen mathematisches Kalkül mit künstlerischer Phantasie und religiösem Ausdruckswillen.“ [HART 1965, S. 78]

„... neben Bernini und Borromini der bedeutendste Architekt des ital. Barock [...], an beide sich anschließend in der souveränen Unabhängigkeit gegenüber den Einzelformen der Tradition; Borromini näher stehend, aber durchweg mit einer völlig eigenen Note: zähflüssig und schwer in den Einzelformen, reich in der Komposition des Ganzen im Sinne einer kühnen mathematischen Phantasie.“ [THIEME/ WILLIS 1992, S. 174]

„Seine seltene Findigkeit im Überwinden selbstgesuchter Schwierigkeiten, seine stets monumentale Auffassung heben den früher mit Unrecht verrufenen Guarini auf eine der ersten Stellen unter den Baumeistern des 17. Jahrh., nicht nur Italiens, sondern der modernen Kunst überhaupt.“ [THIEME/ WILLIS 1992, S. 174]

„With a perspicacity unknown at that date, he analyzed the difference between Ro-man and Gothic architecture. [...] It does not appear far-fetched to conclude that the idea of his daring diaphanous domes with their superstructures, which seem to defy all static principles, was suggested to Guarini by his study and analysis of Gothic architecture. And he also used the formula of Hispano-Moresque domes to display structural miracles as astonishing as those of the Gothic builders.“ [WITTKOWER 1973, S. 267]

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