Guarino Guarini (1624 – 1683) Arbeitsweisen und Technologien Guarinis

Abweichend von einigen Ingenieuren, die auf great-engineers.de vorgestellt werden, lassen sich keine bestimmten technischen Erfindungen dem Baumeister Guarino Guarini zuschreiben. Trotz dessen können Aussagen zu seinen Arbeitsweisen und seinen genutzten Technologien getroffen werden:

Von Guarini wissen wir, dass er seine Bauwerke detailliert plante. Dabei nutzte er Pläne, die er auch in seinen Traktaten veröffentlichte, sowie Modelle, wie wir über Schilderungen des Baus der Cappella della Sacra Sindone erfahren können. Diese Arbeitsweisen kennen wir bereits von anderen Baumeistern früherer Zeiten wie bspw. Michelangelo (1475-1564), der rund 150 Jahre vor Guarini wirkte. Von Michelangelo hat sich bis heute ein Kuppelmodell des Petersdoms erhalten. Die Planungen Guarinis stützten sich zudem auf Studien anderer Bauwerke, die er bei seinen Reisen antraf, wie wir in Guarinis Biografie lesen können, und einer gewissen wissenschaftlichen Auseinandersetzung. Hinweise hierzu können wir seinen wissenschaftlichen Abhandlungen und ebenfalls der Biografie entnehmen. In dieser heißt es, dass Guarini mehrfach als Dozent und Professor der Mathematik arbeitete. Unmittelbare Auseinandersetzungen mit Lastfällen und deren Lastabtrag lassen sich zwar nicht finden, aber zeigt seine Architektur wiederholt, dass er sich damit auseinandersetzte. In seinem Arbeitsprozess, der von einem Wechselspiel von Theorie und Praxis gekennzeichnet war, fiel darüber hinaus der philosophisch-theologische Aspekt hinein (siehe San Lorenzo und Cappella della Sacra Sindone). Einen visuellen Eindruck von Guarinis Arbeitsweise, ohne dabei sein schriftstellerisches und gebautes Werk genauer zu untersuchen, erhalten wir von der Abbildung 2.02. Unterhalb des bekannten Portraits Guarinis wird ein Arbeitstisch sichtbar, auf welchem sich Zeichenstift, Zirkel, rechter Winkel, Lineal/ Maßstab, Tusche und Feder, Bücher finden lassen.

Zwar lassen sich Guarini keine besonderen Erfindungen zuordnen, aber er nutzte sein baumeisterliches Geschick und seine Erfahrungen, um Bauwerke von neuer Art und speziellem Charakter zu schaffen, die dem Barock verpflichtet waren und diesem zugleich eine besondere Note gaben. Er schuf in seinen Bauwerken die im Barock gesuchte Transzendenz – das Überschreiten der Grenzen des irdischen Diesseits, der Kontakt zum Göttlichen –, die er losgelöst von illusionistischer Deckenmalerei mit rein architektonisch-konstruktiven Mitteln umzusetzen verstand [BALLER 1989, S. 39]. Dies gelang ihm einmal durch das Spiel mit Last und Lastabtrag. Als Beispiel sei die Cappella della Sacra Sindone angeführt. Zwischen der runden Wandzone und dem Kuppelkranzgesims finden sich Pendentifs (Abb. 3.23). Sie fußen auf den Zugängen der Kapelle. Tragwerkstechnisch würde man jedoch eine Wand oder einen ausgeprägten Pfeiler darunter erwarten. Zwischen den Pendentifs spannen drei große Rundbogen. Unter ihnen finden sich nicht die zu erwartenden Öffnungen sondern die rund geformte Wand. Sowohl in den Pendentifs als auch in den Bogenfeldern sind die gleichen Rundfenster anzutreffen. Guarini „… will [hiermit] die architektonische [und tragwerkstechnische] Bedeutung [der Bauteile] verdecken, Notwendigkeit und Zufall verschieben.“ [ANDEREGG-TILLE 1962, S. 44].

Ein weiteres technisches Mittel, welches Guarini einsetzte, um Transzendenz zu erzeugen, liegt in der Auflösung der Kuppel bzw. der Kuppelmantelfläche und dem damit verbundenen Einhergehen von Durchlichtung bzw. Lichtdurchlässigkeit. Hierfür nutzte der Baumeister Bogen, die er als Gurtbogen, Bogensegmente (Rippen) oder Korbbogen in verschiedenen Geometrien miteinander kombinierte. Bei San Lorenzo kreuzen sich vier Gurtbogenpaare, die die Vertikallasten der Kuppel und der Laterne aufnehmen (Abb. 3.11, 3.15-3.17). Der entstehende Kuppelschub wird vermutlich durch die konkav gestaltete Außenschale kompensiert (Abb. 3.09-3.11, 3.16) und die gegenseitige Durchdringung der Bogen bewirkt eine Versteifung gegen eine mögliche Rotation der Kuppel. Im Fall der Cappella della Sacra Sindone bildete Guarini klare Rippen aus, deren Horizontalschub durch Bauschmuck (Vasen) entgegengewirkt und eine Rotationssteifigkeit durch Korbbogen erzielt wird (Abb. 3.20). Guarinis Kuppellösungen erinnern an Fachwerkkuppeln wie bspw. die Schwedler-Kuppel, die Johann Wilhelm Schwedler (1823-1894) im Jahr 1863 entwickelte, oder an Netzkuppeln von Richard Buckminster Fuller (1895-1983) oder Max Mengeringhausen (1903-1988; z.B.: Auditorium des Deutschen Pavillons auf der Expo, Osaka, Präfektur Osaka, Japan, 1970). Wie bereits in den Kapiteln Biografie und Projekte angesprochen, müssen die Entwicklungen Guarinis auf Beispiele maurischer Architektur Spaniens bzw. maurisch-arabischer Architektur Siziliens zurückzuführen sein. Aber vermutlich ist dies zu einseitig gedacht, weswegen Gerd Schneider bereits formuliert: „Zur Verwendung von Rippen dürfte Guarini wohl von maurischen, spätromanischen und gotischen Rippengewölben Spaniens inspiriert gewesen sein, die er vermutlich bei seinem dortigen Aufenthalt gesehen hat.“ [SCHNEIDER 1997, S. 8]. Auf seinen Reisen kam Guarini auch durch Prag, wo er vermutlich auf die Arbeiten des Baumeisters Peter Parler (1330 oder 1333-1399) stieß. Als konkretes Beispiel sei die Wenzelskapelle des Veitsdoms in Prag angeführt, bei der die Gewölberippen nicht in den Raumecken abgesetzt sind, paarig verlaufen und im Winkel von 45 Grad verdreht sind. Parallelen zu Guarinis San Lorenzo sind offensichtlich und lassen sich nicht von der Hand weisen.

Das Thema Bautechnik ist im Falle Guarino Guarinis bis dato von der Forschung noch wenig betrachtet worden. Ansätze einer Auseinandersetzung bringt Harold Alan Meek in seiner 1988 erschienenen Publikation „Guarino Guarini and his architecture“ (siehe MEEK 1988, S. 58) oder Maria Anderegg-Tille, die eher beiläufig Guarinis Verwendung von „Eisenversteifungen“ bei seinen Bauprojekten erwähnt [ANDEREGG-TILLE 1962, S. 16]. Der Fokus der Forschung lag bisher auf dem kunsthistorischen Aspekt der Arbeit des Baumeisters. Vermutlich ist aber gerade die Bautechnik ein interessantes und lohnenswertes Feld für zukünftige Guarini-Forschungen, welche viele neue und wertvolle Erkenntnisse hervorbringen könnte.

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