Studentische Forschung Publikationen, Projekte, Präsentationen

Auf dieser Seite stellen wir Forschungsarbeiten von Studierenden vor. Unser Ziel ist es, wissenschaftliche Arbeitsweisen nicht nur in der Theorie zu vermitteln, sondern diese auch praktisch zu trainieren. Dazu veröffentlichen wir in unregelmäßigen Abständen studentische Journals, Berichte in Vorlesungsreihen oder Blogs von Projektseminaren. Wir laden herzlich dazu ein, einen Blick auf die studentischen Arbeiten zu werfen, die im Rahmen dieser forschungsbezogenen Lehre entstanden.

Publikationen | Reihe: „Forschendes Lernen“

Am Lehrstuhl Allgemeine Technikwissenschaft wird das Forschende Lernen in Theorie und Praxis praktiziert und erforscht. Wir sind ständig bemüht neue Formate zu entwickeln und bereits laufende Lehrveranstaltungen zu verbessern, dies insbesondere im Blick auf die geplante Vertiefungsrichtung „Environmental Humanities“ (EH). Ein Teilprojekt, das sich mit der Methode des Problem-based Learning beschäftigte, wurde gefördert durch den Qualitätspakt Lehre im Projektzeitraum 11.2018 – 05.2019. In diesem Teilprojekt entstand die Idee zur Publikation einer Reihe von Themenheften zu studentischer Forschung.

Die lehrstuhleigene Publikationsreihe soll dazu beitragen, forschungsnahes Lernen zu unterstützen und herausragende studentische Arbeiten zugänglich zu machen. Die Themenhefte der Reihe „Forschendes Lernen“ des Lehrstuhls Allgemeine Technikwissenschaft werden zusammen mit den Studierenden erarbeitet und sind Teil der Lehrveranstaltungen. Studierende lernen auf diese Weise den Publikationsprozess praxisnah kennen, Text- und Bildbearbeitung werden ergebnisorientiert eingeübt und eine ästhetische Praxis im Umgang mit Bild und Text angeeignet.

2020 | Seminar | Technikgenese landschaftlicher Objekte mit Simondon

Ein Bericht von Georg Hausladen.

Das Seminar „Technikgenese landschaftlicher Objekte mit Simondon“ wurde im Sommersemester 2020 in 14-tägiger Taktung als Wahlpflichtfach im Onlineformat angeboten. Es führte in die Technikphilosophie Gilbert Simondons ein und erprobte anhand spezifischer Fallstudien die Relevanz und Tragweite von Simondons Begriffsapparat für eine technologische Betrachtung der Genese von Landschaften.

Den zentralen Bezugspunkt des Seminars bildete Simondons technikphilosophisches Hauptwerk „Die Existenzweise technischer Objekte“ (Simondon, 2012 (1958)). Auf Basis eines „funktionalen“ Denkens (das sich allerdings in wesentlichen Zügen von dem Funktionsdenken der klassischen Kybernetik unterscheidet) und vor dem Hintergrund seiner Philosophie der „Individuation“ stellt Simondon die Genese des technischen Objekts in den Mittelpunkt seiner Überlegungen. Technische Objekte entwickeln sich ihm zufolge von einem „abstrakten“ zu einem „konkreten“ Zustand, womit fundamentale Veränderungen sowohl der inneren Organisation als auch der Umweltbezüge der Objekte einher gehen. Im Mittelpunkt seiner Überlegungen stehen dabei drei Typen von technischen Objekten, das „Element“, das „Individuum“ und das „Ensemble“, die jeweils eigenständige Organisationsformen darstellen, deren Spezifik sich aber stets nur relativ zueinander ergibt. Simondons übergeordnetes Ziel ist es, den technischen Objekten eine ihnen gebührende kulturelle Stellung zu verschaffen, die jenseits ihrer bloßen Nützlichkeit liegt. Explizit behandelt er allerdings nur „klassische“ technische Objekte. Seine Beispiele sind u. a. Verbrennungsmotoren, Elektronenröhren, Flugzeuge und Turbinen. Renaturierte Seen, Tagebaue, Wirtschaftswälder, Wiesen und Äcker oder auch Siedlungen und Städte, die prinzipiell ebenfalls als technische Individuen fokussiert werden können, behandelt er nicht, obwohl die Landschaft als „geographische Welt“ eine gewisse (aber nicht weiter explizierte) Rolle insbesondere auf Ebene der technischen Ensembles spielt. An diesem Punkt setzte das Seminar an.

Mit der Landschaft nahm das Seminar einen Bereich der technisierten Welt in den Blick, der nicht nur bei Simondon, sondern allgemein technikphilosophisch bislang kaum beleuchtet wurde. Anhand konkreter Fallstudien wurde die Relevanz und Tragweite von Simondons Denken des technischen Objekts für ein Verständnis der Landschaft untersucht. Dabei zeigte sich, dass sich die Genese von Landschaften nur bedingt durch Simondons Begriff des technischen Objekts erschließt. Denn die Landschaft unterliegt einem Wandel, der über die Entwicklung spezifischer technischer Objekte (der Landschaftselemente) hinausgeht, weil sich die Nutzung an einem bestimmten Ort im Laufe der Zeit mitunter fundamental verändert. Und doch stehen, wie sich zeigte, auch die verschiedenen Nutzungen eines Ortes in einem genetischen Zusammenhang, der mit Simondon jenseits des „technischen Objekts“ als „Individuation“ der Landschaft erfasst werden kann.

Die Teilnehmer setzten sich im Anschluss an eine Einführungsveranstaltung und anhand eines Fragenkatalogs eigenständig mit dem ersten Teil von Simondons Technikbuch auseinander. Vor dem Hintergrund vorgeschlagener Themengebiete wählten sie Fallstudien, die sie im weiteren Verlauf des Seminars bearbeiteten. Die einzige Vorgabe bestand in der Verortung der Fallstudien in der Lausitz. Die Zwischenergebnisse wurden in zwei Vorträgen präsentiert und schließlich schriftlich ausgearbeitet. Insgesamt nahmen vier Studenten aus verschiedenen Fachrichtungen an dem Seminar teil. Sie bearbeiteten jeweils unterschiedliche Themenbereiche.

Eine Arbeit befasste sich mit Ruinenlandschaften und untersuchte konkret die Ruinen von Textilfabriken in Forst in der Lausitz, wobei zudem die Entwicklung von Webstühlen (manuell, mechanisch, digital) analysiert wurde. Eine weitere Arbeit nahm Industrielandschaften in den Blick und fokussierte das Kraftwerk „Schwarze Pumpe“ sowie damit assoziierte Anlagen (Tagebaue, Gipsproduktion, Teerseen). Die dritte Arbeit setzte sich mit Gewässerlandschaften in der Umgebung von Cottbus auseinander, die ganz unterschiedliche Entwicklungen durchliefen: der „Cottbuser Ostsee“, das Biosphärenreservat „Oberlausitzer Heide- und Teichlandschaften“ sowie die „Spremberger Talsperre“. Die vierte Arbeit schließlich nahm verschwundene Landschaften in den Blick und durchleuchtete die Genese des Ortes „Wolkenberg“, der dem Tagebau zum Opfer fiel, um dann als Weinberg wieder aufzutauchen, im Vergleich zum Berliner „Teufelsberg“, der sich von einem Wald, über eine „wehrtechnische Fakultät“ in der NS-Zeit, zu einer US-Spionageanlage und schließlich zu einem sehr speziellen öffentlichen Raum wandelte. Diese letzte Arbeit wird hier zur Einsicht gestellt, weil sie sowohl das Potential des Denkens Simondons für die Transformation der Landschaft als auch die Problematik, diese im Sinne eines technischen Objekts zu denken, sehr gut verdeutlicht und daher eine hervorragende Diskussionsgrundlage für eine weiterführende Auseinandersetzung mit der Thematik bietet.


2020.02 | Konferenzbeitrag | International Symposium on Water and Culture
  • Jonathan Bill Doe

    Am 3. Februar 2020 vertrat ich die BTU Cottbus-Senftenberg sowie Ghana als Redner beim International Symposium on Water and Culture, veranstaltet vom Japanese’s National Graduate Institute for Policy Studies in Tokio. Das Konferenzthema: Learning from Water Heritage to Innovate Regional Development.

    Jonathan Bill Doe

Ein Bericht von Jonathan Bill Doe.

Circa 260 Teilnehmer aus 43 Nationen sowie ranghohe Persönlichkeiten der UN, Politiker, Heritage-Experten und Diplomaten waren unter der Schirmherrschaft des japanischen Kaiserpaares als Redner*innen und Publikum am International Symposium on Water and Culture beteiligt. Ziel des Symposiums war es, die Beziehung von Menschen und Wasser tiefergehend zu verstehen, indem Fallbeispiele kritisch auf die Themenbereiche Wasser als Kultur- und Naturerbe und in Glaubenssätzen, mittalterlicher Wasserbau, zeitgenössische Wasser-Kultur sowie nationale Wasserregelungen (mit Blick auf nachhaltige Entwicklungsziele) untersucht wurden. Hierbei stand Wasser als Dreh- und Angelpunkt stets im Zentrum der Überlegungen. Die Konferenz wurde zunächst durch eine Einführungsveranstaltung begonnen, bevor sich dann in zwei Diskussionsrunden verschiedene Ausschüsse im Dialog befanden.

Während der Einführung wurden diverse Begrüßungsansprachen, Ausführungen und Grundsatzreden ranghoher Mitglieder unterschiedliher Institutionen gehalten. In seiner Grußrede merkte der Premierminister Südkoreas und Vorsitzende des High-level Experts and Leaders Panel on Water and Disasters (HELP) Dr. Han Seung-soo an, dass Wasser zwar Leben bedeuten, aber gleichermaßen auch Leben bedrohen könne. Dies sei der Grund dafür, dass wir sowohl von altbewährten als auch neuen Praktiken lernen müssten, um die aktuellen Entwicklungen im Umgang mit Wasser neu zu denken. Akihiko Tanaka, Präsident des GRIPS, gab daraufhin Anregungen zu möglichen kritischen Herausforderungen für die Menschheit. Er stellte hierbei fest: „Ohne Wasser können wir die Zukunft nicht so meistern, wir uns das wünschen“.

Einig waren sich auch Nobuhide Minorikawa (jap. Ministerium für Land, Infrastruktur, Verkehr und Tourismus), Shinichi Nakatani (jap. Ministerium für auswärtige Angelegenheiten), Prof. Toshiyuki Kono (Präsident des ICOMOS) sowie Shinichi Kitaoka (Präsident der JICA) darüber, dass Wasser und Kultur in einen gemeinsamen Kontext gesetzt werden sollten. Die erste Grundsatzrede hielt Liu Zhenmin, Under-Secretary-General der UN-Hauptabteilung Wirtschaftliche und Soziale Angelegenheiten. Darin betonte er die Verbindung von Wasser und Kultur, welche nachhaltige Entwicklung in den entsprechenden Regionen unterstütze. Phoeurng Sackona, kambodschanische Ministerin für Kultur und Kunst, folgte mit dem zweiten Wortbeitrag, in der sie sich auf die UNESCO-Welterbestätte im archäologischen Angkor-Park bezog und deren Bedeutung für die gegenwärtige Gesellschaft herausstellte. Dabei erläuterte sie, wie moderne Technologien in Form von Wassersensoren genutzt werden, um den Zustand des Parks dauerhaft zu überwachen.

Die Verwebung von mittelalterlichen Erkenntnissen und Ideen bezüglich Wasser in die aktuelle gesellschaftliche Situation diente als Überleitung zu den Ausschussdiskussionen. Für den japanischen Tennō Naruhito dürfte dies eine Erinnerung an seine wissenschaftliche Arbeit zu mittelalterlichen Wassertransporttechniken gewesen sein, aber auch an seine Verpflichtung, sich als Staatsoberhaupt der weltweiten Probleme und Thematiken bezüglich Wasser anzunehmen.

Das Symposium wurde nun thematisch weiter aufgebrochen. Zunächst präsentierte ich einen engagierten Beitrag zum Unterthema „Visiting Water Heritage of the World – Seeking Better Relations Between Water and Humanity“ im Panel I. Das Panel II folgte mit dem Titel „Water and Culture – Thinking Sustainable Regional Development through Water Heritage“. Der Ausschuss stellte Beispiele zu den Themen Wasser und Natur-/Kulturerbe in den USA, Kanada, Brasilien, den Niederlanden, Indien, Indonesien, Japan, China, Pakistan, Australien, Ghana/Westafrika usw. vor. Ich für meinen Teil hielt einen Vortrag zum Thema „Rethink Tradition, Boundaries on Water Resource Regimes in West Africa“. Dies hatte zwei Gründe: zum einen, um die Perspektive Afrikas in das globale Ressourcen-System zu integrieren; zum anderen sollten afrikanische Verfahrensweisen und Fachkräfte in lokale Ressourcen-Managements eingebunden werden. Es zeigte sich durch die Diskussionen, dass die Beziehung der Menschen mit Wasser nicht nur praktisch, sondern auch emotional, philosophisch und sogar spirituell begründet ist.


  • Jonathan Bill Doe

    Wasser beeinflusst menschliche Handlungen und Ansichten. Wasser bestimmte die Entstehung sozialer Strukturen und menschliches Verhalten als Reaktion auf die jeweiligen Umweltgegebenheiten. Daher ist es von höchster Wichtigkeit, dass Wissenschaft, Fachkräfte sowie nationale und internationale Institutionen sich darum bemühen, Wasser und Heritage in einen gemeinsamen Kontext zu setzen. So können Menschen und Wasser in aktuellen innovativen Entwicklungen als eine Einheit betrachtet werden.

    Jonathan Bill Doe

Weitere Informationen zum International Symposium on Water and Culture.

Die Reise wurde gesponsert durch das National Graduate Institute for Policy Studies (GRIPS), Japan.

2019/20 | Projektseminar | „Repair Atelier“
Über das „Repair Atelier“. Oder: Seminargestaltung einmal anders

Wer sich mit Beginn des Wintersemesters für das Seminar „Ethics and Action“ unter der Leitung von Prof. Astrid Schwarz und Dr. Baruch Gottlieb entschieden hatte, rechnete vielleicht mit vielem, aber nicht damit, seinen Lern- und Forschungsort vom Seminarraum in ein Museum zu verlegen. Vermutlich rechnete er oder sie auch nicht damit, seiner Kreativität viel Raum geben zu können.

Alles hat seinen Anfang in der Theorie, so auch in diesem Seminar. Doch die Studierenden stellten recht schnell fest, dass das Aneignen von Grundwissen über digitale Objekte und deren epistemische, politische, ästhetische und ethische Aspekte allein durch das Lesen und Interpretieren technikphilosophischer und gesellschaftswissenschaftlicher Texte nicht ausreicht. Es bedarf der Begegnung mit den Dingen, um einen angemessenen Zugang zum Thema zu fördern und damit auch eine Wahrnehmung für neue Perspektiven zu sensibilisieren. Das funktioniert am besten durch die Praxis, ergänzt durch Gedankenexperimente und Diskussionen in den Seminarsitzungen und in der Gruppenarbeit.

Prof. Astrid Schwarz und Dr. Baruch Gottlieb gehen aber noch einen großen Schritt weiter. Die Idee: eine Zusammenarbeit mit dem Projekt „Times of Waste“ der FHNW Basel sowie mit dem Kunstgewerbemuseum Berlin. Die Ausstellung „Times of Waste“ gibt einen Einblick in die Genese und Transformationsprozesse eines Smartphones. Die Vernissage war angekündigt für den 24.1.2020, es blieb also nur wenig Zeit für die Studierenden, um ein Projekt zu erarbeiten, das die Ideen des Projektes „Times of Waste“ aufnimmt und weiterdenkt.
Die beeindruckende Motivation der Seminarteilnehmer machte es möglich. In nur 2 Monaten entstand das „work in progress“-Projekt „Repair Atelier“. Smartphones werden als Reparier- und Sammlungsobjekt betrachtet und mit ethischen und politischen Fragen konfrontiert, der Umgang damit und die Wissensbestände seiner Nutzer analysiert, generell die Verantwortung gegenüber technischen Objekten hinterfragt.

Interessant an diesem Konzept ist, dass auch der Begriff „Ausstellung“ hier neu gedacht wird. Er folgt nicht der Präsentation von Objekten im Sinne eines Vitrinenmuseums. Das „Repair Atelier“ wird als Prozess verstanden, der sich über den gesamten Ausstellungszeitraum erstreckt, in dessen Verlauf sich die Ausstellungssituation und die Objekte immer wieder verändern werden. Das Museum wird zu einem Ort, der Interaktionen fördert. Der Ausstellungsraum wird zum Forschungsraum.

Drei Bereiche wurden für das „Repair Atelier“ untersucht und thematisiert:

  • Produktion: Herkunft der Materialien und Herstellungsbedingungen
  • Reparieren von Smartphone
  • Smartphone-Nutzer

Besucher dieser Ausstellung diskutieren mit über die Bedingungen und Möglichkeiten von Herstellung, Anschaffung, Verwerfung, Nutzung und die Reparatur von Smartphones. In regelmäßigen Veranstaltungen können sie das Arbeiten und Forschen der Studierenden verfolgen und daran partizipieren. Ausdrücklich erwünscht und gefördert wird ein Austausch in Praxis und Theorie, von Wissen, Repariertechniken, Meinungen und Positionen.


Weitere Informationen:
Der Aufbau (21.-22.1.2020)

Am 21.1. und 22.1. war es dann soweit: Aus einem leeren, verwinkelten Raum, in dem lediglich ein paar Tische, Hocker und Schaufensterpuppen standen, wurde ein offener Ort des Forschens geschaffen.

Jedes Team bekam einen Arbeitsbereich, der dem jeweiligen Projekt entsprechend so gestaltet und vorbereitet wurde, dass in den folgenden Wochen weiter geforscht werden kann.

Ein großes, selbstgebautes Globusmodell wurde aufgestellt, die Figuren bekamen Kleider angezogen und es wurden zwei Arbeitstische vorbereitet sowie ein Büroarbeitsplatz mit Computer und Ordern nebst relevanter Literatur. Außerdem wurde eine Projektion des Posters „Anatomy of an AI System“ eingerichtet. In allen studentischen Projekten wird in der visuellen Postergestaltung darauf Bezug genommen. Ein Monitor zum Abspielen diverser Reparaturvideos durfte ebenso wenig fehlen, wie Poster, auf denen die Studierenden ihre Forschungsfrage vorstellen.

Ein Kanban visualisiert den Arbeitsstand der einzelnen Forschungsprojekte. Dies und ein Veranstaltungsplakat laden die Besucher ein, an den Arbeiten der Studierenden zu partizipieren und mitzuforschen.


Vernissage (24.1.2020)

Voller Vorfreude und Anspannung fieberten alle Teilnehmenden des Seminars der Vernissage entgegen. Diese fand am 24.1.2020 um 19 Uhr statt.

Nach Eröffnung der Ausstellung „Times of Waste – Was übrig bleibt“ folgte ein Vortrag von Clémentine Deliss zu Fragen von „Transformationsprozesse(n) bei der Erforschung von Sammlungsartefakten”. Dabei ging sie auch auf das „Repair Atelier“ der BTU Cottbus-Senftenberg ein und begrüßte es sehr, dass hier der übliche Blickwinkel auf ein „Artefakt“ aufgebrochen und der Ausstellungsraum als Forschungsraum genutzt wird. Ein Raum an dem nicht nur Forschende sondern auch Besucher partizipieren können.

Dem Vortrag schloss sich ein dialogischer Rundgang mit Flavia Caviezel und Mirjam Bürgin an, er führte durch die Ausstellung „Times of Waste – Was übrig bleibt“ direkt in unser „Repair Atelier“. Die Anspannung wurde zum Stolz, als deutlich wurde, wie sehr sich die Besucher und Besucherinnen für unsere Projekte und überhaupt diese Form der Ausstellung interessierten.


Smartphones – Produkt und Motor der Globalisierung (6.2.2020)

Am 6. Februar 2020 luden Markus Vorreyer und Ariel Skorka zum Mitforschen ein. Ihr Projektthema: Smartphones – Produkt und Motor der Globalisierung.

Sie planten die Vernetzungswege eines Smartphones von seiner Entstehung bis hin zur Entsorgung anhand von Grafiken, Texten und einer 3D-Visualisierung darzustellen. Um ihr Thema zu ergänzen und die Besucher auch praktisch an die Thematik zu führen, installierten sie eine Repairstation. Für die kleinen Besucher organisierten sie Bastelsets, um mit ihnen zusammen Minigloben zu erstellen.

Circa 20 bis 30 Besucher kamen an diesem Tag ins Repair Atelier. Doch leider interessierten sich davon nur wenige für das Projekt. Globen wurden keine gebastelt. Hierfür fehlte das entsprechend junge Publikum.


  • Markus Vorreyer

    Das Besucherfeedback sowie die Interaktionen waren sehr ernüchternd, besonders was meinen persönlichen Anteil am Projekt anbelangt. Ariel hat da mehr Zuspruch bekommen, besonders was seine Repair-Arbeit anbelangt.

    Markus Vorreyer

Und doch war der Tag in seiner Gesamtheit erfolgreich. Die geplanten Visualisierungen auf dem selbsterstellten Globus: Grafiken, Texte und 3D-Visualisierung; wurden nicht nur ansprechend als Projektion für den Globus zusammengestellt, sondern konnten final so umgesetzt werden, dass sie nun nicht mehr über einen Computer, sondern über eine Videobox dargestellt werden kann. „Diese Automatisierung war das Ziel“, so Ariel Skorka.

Mit einem Besucher konnte ein Handydisplay anhand der vorhandenen Reparaturkits und Videoanleitungen repariert werden. Es ergab sich zudem das ein oder andere interessante Gespräch für die zwei Studierenden und das nicht nur aus den Fragen interessierter Besucher, sondern auch durch den Austausch mit den Museumsmitarbeitern.


  • Ariel Skorka

    An dem Projekttag konnten verschiedene Fragestellungen zu dem Thema vor Ort direkt beantwortet werden und die Besucher wurden zum Nachdenken über nachhaltige Nutzung der Geräte und Ressourcenverschwendung animiert.

    Ariel Skorka
  • Markus Vorreyer

    Es gab horizonterweiternde Gespräche mit Mitarbeitern und einem Gast. Ich habe Einblicke und Erfahrungen bezüglich des Ausstellungsalltags gewonnen nebst spannenden Erkenntnissen sowohl in der Vorbereitung als auch in der Durchführung der Ausstellung erhalten.

    Markus Vorreyer

Markus und Ariel machten ihre ganz persönlichen Erfahrungen an diesem Tag. Bedauerlicherweise machten sie auch eine negative. So gab es aufgrund von nächtlichem Regen einen Wasserschaden auf dem von ihnen ausgestellten Material. Ein Problem, welches jedoch gelöst werden konnte und dem hinsichtlich weiterer Regennächte nun vorgebeugt wurde

Mit diesem Tag ist das Projekt aber noch lange nicht abgeschlossen. Work in progress!


  • Markus Vorreyer

    Wichtig anzumerken ist, dass der Projekttag nur einen von mehreren für mich darstellt. Meine geplante Projektarbeit ist bisher ca. zu einem Drittel erledigt.

    Markus Vorreyer

Sowohl Markus als auch Ariel bewerten diese Lehrform als sehr positiv und man darf gespannt sein, wie sich ihr Projekt in den nächsten Wochen noch entwickelt.  Um sie und die anderen Gruppen hierbei noch mehr zu stärken und zu unterstützen, sind in den folgenden Tagen verstärkt Veranstaltungsankündigungen und Werbung für die Projekttage geplant.


Vortrag von Dr. Baruch Gottlieb (13.2.2020)

Gedanken zum Vortrag

In unserer globalisierten Welt existieren Widersprüche, mit denen man sich zwingend auseinandersetzen muss.

Der grundlegendste Widerspruch verhandelt die Frage nach der Standardisierung. So war das erste was der Mensch standardisierte die Sprache. Durch das Einführen von Regeln verlor die verkörperte Sprache, der bewegungsaktive Ausdruck, ihren Wert. Zur mündlichen Ausdrucksfähigkeit gesellte sich alsbald die darstellende und folgend die Schriftsprache. Mit Erfindung des Buchdrucks wurden weitere Regeln und Formen des Ausdrucks eingeführt und somit die Sprache tiefgreifender standardisiert. Gesellschaftlich vollzieht sich dabei ein Ablösungsprozess bekannter Routinen und Traditionen, welcher auch immer mit Problemen einhergeht. Ein Stück Kultur und Geschichte wird beendet.

Aber es entsteht auch „Rohmaterial“ aus dem neue Muster gemeinschaftlicher Aktion erwachsen werden. Dieser Übergang ist keineswegs einfach und in ihm findet sich auch ein weiterer Widerspruch: der Fortschritt.
Innovation und Entwicklung gehen in einer Gesellschaft auch immer mit Unbehagen einher. Während der Fortschritt oft Verbesserung verspricht, sind seine Konsequenzen in der Gegenwart noch nicht greifbar. Es entsteht eine Ungewissheit, welche die anfängliche Euphorie durch eine Angst vor dem Unbekannten verdrängt.

Es wird eine Dialektik der Spannungsverhältnisse zwischen den Widersprüchen deutlich. Auch die Globalisierung ist eine Standardisierung. Aus diesem Wissen heraus müssen wir uns die Frage nach dem Ursprung unseres Reichtums stellen. Denn wir können unseren Fortschritt nicht loben, ohne uns auf die Länder zurückzubesinnen, durch die wir so reich geworden sind. Kriege passieren vor allem in den Regionen, wo die Rohstoffe für unsere Produkte herkommen. Es sind Länder, die wir zu unserem Vorteil ausgebeutet haben und dies auch noch immer tun. Diese Fakten dürfen nicht getrennt betrachten werden.

Kulturelle Bewegungen (bspw. die Hipsterkultur), die diese Frage mit einer Sehnsucht nach Authentizität und dem Streben nach Wertschätzung beantworten, versuchen durch Anwendung nebst Rückbesinnung auf historische Praktiken dem Fortschritt entgegenzuwirken. Gleichfalls kennzeichnet sie der „Technologische Ungehorsam“, der sich in der Umfunktionierung und Anpassung technischer Gerätschaften auf die jeweils gewünschte Funktion äußert.

Was zeigt uns dieses Denken? Auch wenn sich, im Vergleich zu damals, technische Gerätschaften immer schwieriger selbst reparieren lassen; weil für Unternehmen die Reparatur gegenüber dem Neukauf zu einer Umsatzeinbuße führt; so sind alte Dinge sind nicht das Ende, sondern der Anfang, der aber wahrgenommen werden muss. Hierfür braucht es ein Bewusstsein. Denn eine Sache verliert nur ihren Sinn, ihre kulturelle Form. Durch Wahrnehmung und dem Zusprechen neuer Aufgaben oder Funktionen emanzipiert sie sich zu etwas Neuem.

Die Dialektik des Fortschritts aufgreifend, sorgt Reparatur sogar für einen gesellschaftlichen Vorteil: Entschleunigung. Der Ablöseprozess wird verlangsamt und der Mensch kann sich mit der neuen Situation vertraut machen, sie kennen lernen und möglicherweise auch zukünftige Konsequenzen denken, um ihnen idealerweise rechtzeitig entgegenzuwirken.


Anschlussdiskussion

Während des Vortrages kamen vereinzelt Besucher vorbei, die zumindest zeitweise, angeregt durch die Bilddarstellungen in Verbindung mit dem referierten Kontext, dem Vortrag aktiv folgten.

Die Anschlussdiskussion hatte hingegen keinen Zuspruch und erfolgte ausschließlich durch die Studierenden.

Dem Vortrag folgend, stellten sich die Anwesenden die Frage, was das übergeordnete Ziel der Ausstellung, des Projektes „Repair Atelier“ sein soll.

Es wurden 3 Ziele deutlich:

  1. Die Besucher sollen für das Thema sensibilisiert und zur Selbstreflektion angehalten werden. Das Ziel lässt sich gut durch Bilder und aussagekräftige Darstellungen umsetzen.
  2. Zusammenstellung aller Erkenntnisse und Handlungsempfehlungen in einer Art Manifest, damit sie den Menschen auch nach der Ausstellung als Informationsquelle und zur Anregung zum Umdenken zur Verfügung stehen.
  3. Den Widerstand der Besucher bewusst wahrnehmen und argumentativ aufarbeiten.

Lang lebe mein Smartphone (21.2.2020)

Am 21. Februar 2020 stand das Projekt „Right to Repair“ auf dem Programm, zu dem Christoph Richter, Max Langner und Per-Erik Voegt einluden. Ziel des Projektes ist die Position der Museumsbesucher zum Reparieren von Handys zu erfragen und über die praktischen Möglichkeiten zu informieren.

Um die Argumente und Positionen der Besucher erfassen und anschließend auch auswerten zu können, erstellten die Studierenden vor Ort einen Fragenkatalog. Zukünftige Besucher erhalten nun Fragenkarten und werden gebeten diese zu beantworten und in die eigens dafür gebaute Urne zu werfen. Nach Abschluss der Ausstellung erfolgt dann die Auswertung. Performativ unterstützt wurde die Einladung zum Mitmachen durch das Auseinander- und wieder Zusammenbauen eines Amazon Echo Dot.


  • Per-Erik Voegt

    Dabei wurde festgestellt, dass die Technik des Dots eigentlich ziemlich einfach auseinander- und wieder zusammenzubauen ist, da alles einfach aufeinandergestapelt ist.

    Per-Erik Voegt

Doch was so einfach klingt, wäre den Studierenden nicht ohne Anleitung gelungen. Wie so oft, wenn es um defekte Technik geht, ist neben einer gewissem Fingerfertigkeit auch das Wissen über das Zusammenspiel der einzelnen Komponenten gefragt. Abhilfe schaffen Anleitungen aus dem Internet oder sogenannte Repair Cafés, auf welche während des Projekttages in den Gesprächen aktiv hingewiesen wurde.

Dass die Anhäufung von Elektronikschrott lawinenartig zunimmt, ist ein bekanntes Problem. Alle Nutzer sind damit konfrontiert, gleichgültig welcher Generation. Verschärft wird die Problematik noch dadurch, dass die Entwickler dieser weit verbreiteten Geräte auf Black-Box-Lösungen setzen, also die Funktionsweisen nicht offenlegen. Weder stehen ausführlichere Informationen zu den einzelnen Bauteilen zur Verfügung, noch sind diese so verbaut, dass sie ohne weiteres ersetzt werden können. Vereinzelt bieten Sie Lösungen an, die das Konsumverhalten beschönigen und den Neukauf rechtfertigen. Bei einigen namenhaften Smartphoneherstellern (Apple, Samsung) können Kunden ihr Altgerät für einen Vorabzug des Ankaufswertes in Zahlung geben, wenn sie ein neues Modell erwerben. Der Nutzer bleibt in seinem konsumorientierten Handeln unreflektiert zurück.


  • Per-Erik Voegt

    Eine Besucherin deutete an, dass Apple ja auch ein Austausch-Programm hat, wo man sein altes Handy gegen ein neues tauschen kann. Also, wieso sollte sie sich dann mit dem Reparieren beschäftigen? Andere Besucher (häufig ältere Besucher) fanden das Thema jedoch spannend und das es in die richtige Richtung geht. Einige davon haben auch angedeutet, dass die Schnelligkeit der Technikentwicklung ihnen ein bisschen Angst macht.

    Per-Erik Voegt
  • Max Langner

    Das Angebot wurde von den Besuchern gut angenommen und es fand ein reger Austausch statt. Auch das Sicherheitspersonal zeigte Interesse an unserem Projekt.

    Max Langner

Das Interesse der Besucher ist an diesem Tag als gemischt zu bewerten. Die aktivsten Nachfragen zeigten Besucher der Generation 50+. Einige Besucher waren eher verhalten und zögerten den Atelier-Bereich zu betreten. Ein wichtiger Impuls war in dieser Situation das aktive Ansprechen der einzelnen Personen und so durch das Gespräch Interesse zu wecken.

Deutlich wurde auch, dass Arbeiten und Forschen im Ausstellungsbereich des Museums ein noch wenig verbreitetes Format ist. Die Besucher haben wenig Erfahrung damit und bringen entsprechend auch keine Erwartungen mit. Auch für die Studierenden war es eine neue Erfahrung, in einer Museumssituation zu arbeiten. Entsprechend unterschiedlich wurde diese Form der forschenden Lehre von Max, Erik und Christoph bewertet.

Um das Projekt besser umsetzen zu können, wurde angeregt, vorab Werkzeuge und Möglichkeiten des Projektmanagements kennenzulernen. Auch die Umsetzung des Gesamtprojektes wurde kritisch hinterfragt und eine stärkere Einbindung aller Stakeholder gefordert, um eine größere Außenwirkung zu erzielen und letztlich auch die Besucherzahl zu erhöhen.

Ansonsten wurde die Lehrform als willkommene Abwechslung beschrieben, auch wenn der Aufwand zur Umsetzung im Verhältnis zum „normalen“ Kursformat im Seminarraum relativ hoch sei. Abschließend halten die drei Studierenden jedoch fest, dass sie ihren Projekttag als Erfolg verbuchen. Sie begrüßten das dynamische Projektumfeld und hoben besonders die sehr gute Kommunikation innerhalb der Gruppe hervor.

Die Kursleiterin merkt an, dass im Studiengang Kultur und Technik die Kurse bisher häufig nicht als Gesamtmodul, sondern lediglich als Teilseminare angeboten wurden. Dies halbiert entsprechend auch die Zeitinvestition pro Veranstaltung und lässt dann möglicherweise den Aufwand für ein volles Modulseminar außergewöhnlich hoch erscheinen. Auch war es im Studiengang bisher nicht üblich auf das Lehrformat forschendes Lernen zu setzen.


  • Max Langner

    Unser Projekttag war sehr erfolgreich und produktiv. Wir sind ein gutes Stück vorangekommen.

    Max Langner
  • Per-Erik Voegt

    Wir haben nicht nur alles geschafft, was wir an unserem Projekttag geplant hatte, wir haben auch höchstinteressante Perspektiven über unser Thema von einigen Besuchern und Museumsmitarbeitern erfahren können. Der Projekttag war daher sehr erfolgreich.

    Per-Erik Voegt
Tandemführung (27.2.2020)

Gespräch: Dr. Claudia Banz (Kuratorin, Design LAB #5) und Prof. Dr. Astrid Schwarz (Technikphilosophin, BTU Cottbus-Senftenberg)

Das Format der Tandemführung im Kunstgewerbemuseum lädt ein, Teile der Ausstellung gemeinsam mit der jeweils verantwortlichen KuratorIn zu begehen und im Dialog mit einer eingeladenen ExpertIn zu erschließen.

Zum Gespräch über die Ausstellung Times of Waste und das Repair Atelier waren etwa zehn Personen erschienen. Einstieg in die Diskussion bot eine Vitrine im Eingangsbereich des Design LAB #5 mit auffällig disparaten Objekten. Zu sehen sind ein Taschenglobus und eine Klappsonnenuhr aus dem 16. Jahrhundert, sowie ein Fairphone aus dem 21. Jahrhundert. Die begriffliche Logik, die diese Objekte verbindet, sind Globalisierung und Kolonialisierung und damit das neuzeitliche Programm, Zeit und Raum verfügbar zu machen und in Wissensordnungen zu speichern. Die gezeigten technischen Artefakte können in diesem Sinne als Verfügbarkeitsmaschinen thematisiert werden. Sie sind zugeschnitten auf den individuellen Gebrauch, passförmig am Körper zu tragen und zu beliebiger Zeit und an beliebigem Ort benutzbar. Interessant in diesem Zusammenhang sind auch die Geschichten von in solchen Verfügbarkeitsmaschinen enthaltenen Materialien, etwa Gold oder Elfenbein, deren Tausch- und Gebrauchswert die Topographie der Geld- und Warenströme sowie den Wissens- und Technologietransfer steuern – bis heute. Während beispielsweise Gold im 16. Jahrhundert zur ästhetischen und sozioökonomischen Inwertsetzung von Instrumenten und Wissensdingen (Klappsonnenuhr, Taschenglobus) eingesetzt wurde, ist es heute ein unverzichtbarer funktionaler Bestandteil von Smartphones.

Ein langer schmaler Gang, getaktet durch quer stehende Deckenröhren und akustisch bespielt mit Maschinengeräuschen, führt in die Ausstellung des Projektes Times of Waste. Zur Sprache gebracht wird hier das zentrale Thema des Projektes, die materiellen, sozialen, ökonomischen und technischen Produktionsbedingungen eines Smartphones und vor allem die Schwierigkeit, ein solches Gerät nach dem Ende seiner Nutzung wieder in industrielle oder gar natürliche Stoffkreisläufe zurückzuführen. Das transdisziplinäre Forschungsprojekt der FHNW Basel hat über mehrere Jahre die Transformationsprozesse eines Smartphones und seiner Bestandteile akribisch verfolgt, dokumentiert und ein Ausstellungskonzept aus ästhetisch-theoretischer Perspektive erarbeitet.

Das wohl auffälligste Ausstellungsobjekt ist ein maßstäblich stark vergrößertes Smartphone, das, gleich einer geöffneten Schublade in einer Wunderkammer, Einblicke in seine materiellen Bedingungen gibt, vor allem aber seine Rückstände zur Schau stellt. Rückstände, die nicht weiter zerlegt werden können, sich einer spurlosen „Entsorgung“ widersetzen und damit als neue Materialien in die Welt kommen. Dieses Objekt steht für eine Problematisierung der sozio-ökonomischen und stofflichen Umwandlungen und Beziehungen von Smartphones. Zwei Videoinstallationen tragen bei zur Entfaltung einer Typologie von verschiedenen Abfallmaterialien, wie sie in Müllverarbeitungsmaschinen und Laboren generiert und verarbeitet werden, um schließlich (bestenfalls) auf Deponien zu landen.

Während also bei Times of Waste das Recycling im Vordergrund steht, ist im Repair Atelier eine andere wichtige Kulturtechnik thematisiert, das Reparieren. Beides sind Strategien, die sich einer nachhaltigen Bewirtschaftung von Ressourcen und Produkten verschreibt. Während aber beim Recyceln der Fokus auf einer hohen Effizienz bei der Wiederverwertbarkeit von Stoffen liegt, wozu die Zerstörung eines Gebrauchsdings die Voraussetzung ist, geht es beim Reparieren um die Erhaltung des technischen Dings, seiner Funktionalität, inklusive sozialer und emotionaler Beziehungsleistungen. Es soll ein bestimmtes Smartphone, ein bestimmtes Radio oder ein bestimmter Handmixer weiter in Gebrauch bleiben und dem Nutzer Kontinuität und Wiedererkennbarkeit im Zeitalter der Wegwerfgesellschaft garantieren.

Die drei Projekte der Cottbuser Studierenden wurden kurz vorgestellt und der Stand der noch laufenden Aktivitäten kurz referiert. Im sich zunehmend öffnenden Gespräch wurden Fragen nach der gesellschaftlichen Bedeutung des Reparierens gestellt, inwiefern dies eine generell und speziell in Bezug auf digitale Geräte verfügbare Kulturtechnik sei und, ob Reparieren überhaupt sinnvoll ist angesichts geplanter Obsoleszenz und technischer Opazität speziell digitaler Geräte. Ein weiterer Diskussionsschwerpunkt war die Frage, wie sich die Landschaft der Repair-Cafés empirisch darstellt, also welche Altersgruppen dort vertreten sind, auf welche Weise dort welches Wissen ausgetauscht und was als Motivation angegeben wird für das Reparieren. Die wenigen Studien, die hierzu bisher angestellt wurden, zeigen, dass es hier weniger um ökonomische Gründe geht als um Aneignungsstrategien im Umgang mit alltäglichen Dingen und damit um einen recht komplexen Vorgang. Dieser erschöpft sich folglich auch nicht in der Genugtuung technischer Kontrolle, sondern eröffnet vielmehr ein forschendes Frage und Antwort Spiel, in dem es um die Entwicklung sozialer und kognitiver Kompetenzen geht und auch darum, ein im besten Sinne verstehendes Weltverhältnis aus der Praxis zu entwickeln.


Status-Update (April 2020)

Die Coronakrise verlangsamt unser Leben in vieler Hinsicht, auch was die Randbedingungen der Lehre betrifft. Sie resultiert in ganz unverhoffter Zeitdehnung, die im Falle des Studierendenprojektes „Repair Atelier“ nun dazu führt, dass dieses noch länger im Kunstgewerbemuseum Berlin ausgestellt sein wird, auch wenn es im Augenblick nicht besichtigt werden kann. Sobald aber das Museum seine Tore wieder öffnet, ist auch das Repair Atelier wieder zugänglich und damit die Arbeit, die im letzten Wintersemester von Studierenden des Studiengangs Kultur und Technik mit Fragen zu Kulturtechniken von Recycling und Reparieren aufgenommen worden war. Auf Einladung einer Forschergruppe der Hochschule für Gestaltung und Kunst der FHNW Basel konnte das Repair Atelier entwickelt werden im Rahmen der Ausstellung Times of Waste im Kunstgewerbemuseum Berlin.

Was zunächst als Seminar an der BTU geplant war in dem Basiswissen über epistemische, politische, ästhetische und ethische Aspekte digitaler Objekte vermittelt werden sollte, wurde durch die Teilnahme am Ausstellungsprojekt zu einer Exploration in forschender Lehre. Im Zentrum des Repair Ateliers steht das Mobiltelefon als „Reparierobjekt“ und als Sammlungsobjekt. Aufgearbeitet wurde und wird hier einerseits Literatur zur Kultur des Reparierens aus dem Bereich der Technikphilosophie, der Material Studies und Wissenschaftsgeschichte. Relevant sind damit gleichermaßen ethische wie politische Fragen zur Sorge und Verantwortung gegenüber/mit technischen Objekten, wichtige Stichworte wurden etwa black-box-Objekte, geplante Obsoleszenz, Wegwerfgesellschaft, Nutzertypen, globale Stoffströme und lokale re-use, ganz allgemein die kulturelle Umdeutung technischer Dinge. 

Andererseits ging es im musealen Raum auch darum, diese Fragen in Gestaltungskonzepte umzusetzen und die Museumsbesucher einzuladen sich mit den Projekten zu beschäftigen sei es durch direkte Befragungen, durch gemeinsames Reparieren von Smartphones oder durch die Einbeziehung in Diskussionen und Vortragsveranstaltungen.

2017/18 | Projekt | Stegreifentwurf „Diskursiver Tisch“

Der Lehrstuhl Allgemeine Technikwissenschaft nahm im Sommersemester 2017 seine Arbeit an der BTU auf. Zum Startkapital gehörten eine Reihe von Räumen, deren Nutzung und Ausstattung neu definiert werden konnten. Situiert waren die Räume in einem Plattenbau, dem sogenannten Lehrgebäude 10, der ursprünglich als Wohnheim konzipiert war. Die Herausforderung bestand darin, aus recht kleinen, teilweise miteinander verbundenen Räumen, ausgestattet mit eher minderwertigen Materialien und schlichten Funktionen, einladende Arbeitsräume zu gestalten.

Klar war von vorneherein, dass es einen Raum geben sollte, in dem lediglich ein Tisch und Stühle stehen. Die Aufmerksamkeit sollte damit ganz auf das fokussiert werden, was dem Lehrstuhl bei der Arbeit mit Studierenden wichtig ist, nämlich das konzentrierte Fachgespräch in einer Gruppe, die sich im Laufe des Semesters bestenfalls zur diskursiven Gemeinschaft entwickelt. Ebenso klar war, dass die Möbel schön aussehen, sich gut anfühlen und einen guten Sitzkomfort bieten sollten und damit zu einer Arbeitsumgebung beitragen, die anregend und kommunikativ ist. Gleichzeitig sollten damit auch die Themen des Lehrstuhls visualisiert werden, zu denen Technikkultur und Designtheorie ebenso gehören, wie kritische Fragen zur nachhaltigen Entwicklung oder zur Klimaethik.

Das Team des Lehrstuhls nahm sich also den dafür vorgesehenen, vollgepackten Raum vor, sichtete hunderte abgestellte Bücher und abgelegte Schriften, ausgefüllte Prüfungsbögen und Manuskripte, um sie an die Universitätsbibliothek, in andere Räume des Lehrstuhls, abschließbare Schränke oder den Papiercontainer zu verteilen. Nachdem Tische und Regale, Stühle und Kleinmöbel bewertet, verteilt und entsorgt waren, standen wir vor der gewünschten Leere, etwa 19 m² Raum in einem Verhältnis von Länge zu Breite von 2:1.

Die bereits bestellten Stühle konnten kommen, sie reisten an aus Weil am Rhein. Der Hersteller Vitra versteht seine Möbel als einen Beitrag zu einer Industriekultur, in der „ganz natürlich zum Nutzwert eines Möbels (gehört), dass seine Produktion, seine Verwendung und seine Entsorgung keinen Schaden verursachen“. Design steht hier für ökologische, soziale und ökonomische Verantwortung. Die einfache Form und der Komfort unserer neuen Stühle des Designers Maarten van Severen materialisieren also Fragen zur Technikkultur und sind, seit wir sie be-sitzen, immer wieder Anlass zu lebhaften Diskussionen über Form und Funktion, Komfort und Nachhaltigkeit.

Blieb noch die Frage, wie wir zu unserem Tisch kommen sollten, der, das ging aus einem Brainstorming hervor, idealerweise von Studierenden für Studierende gebaut werden sollte.

Einer unserer studentischen Mitarbeiter, Vito Bragato, schlug vor, die BTU-eigene Schreinerwerkstatt anzufragen, was letztlich zum Anfang eines Projektes wurde, das in Kooperation mit Frau Dipl.-Ing. Hanne Sommer (Architektur) zur Ausschreibung eines Steggreifprojektes im Studiengang Architektur führte. Ausgabe der Aufgabe war am 31.5.2017, wir trafen uns in unserem bestuhlten, ansonsten leeren Sitzungszimmer, etwa 25 Studierende drängten sich auf dem engen Raum. Die Aufgabe hatten wir folgendermaßen formuliert (siehe Ausschreibung Stegreifentwurf):

Der Tisch soll Studierende und Dozentin zusammen bringen. Es ist eine Form zu finden, die nicht nur in den Raum passt, sondern im Besonderen die Kommunikation zwischen den Nutzer*innen unterstützt und zum Gespräch einlädt. Des Weiteren soll der Tisch ein ansprechendes Design haben und zu den Stühlen passen. Die Aufgabe besteht darin einen Tisch bis ins Detail zu entwerfen und Materialien vorzuschlagen.

Die Studierenden hatten 3 Wochen Zeit um sich mit der Aufgabe zu beschäftigen, danach sichteten Hanne Sommer und Astrid Schwarz die Entwürfe. Wir wählten, dies unabhängig von der abschließenden Bewertung der Arbeiten, einen Entwurf aus, den wir für potentiell realisierbar hielten. Der Entwurf von Valentin Krase überzeugte uns sehr, die Kriterien waren konstruktiv und konzeptuell gut umgesetzt, der Tisch schien nach diesem Entwurf realisierbar. Valentin Krase nahm die Herausforderung an und machte sich daran einen Kostenvoranschlag zu erstellen. Er nahm weitere Detaillierungen der Pläne vor, die Vorstellungen vom Tisch veränderten sich in der Diskussion, Aussteifungselemente, Trägerelemente, Oberflächenbehandlung, Holzarten und -verarbeitung wurden diskutiert, der Kollege Jo Achermann hinzugezogen.

Verzögert wurde der Abschluss des Projektes durch diverse Kontingenzen, die ein studentischer Alltag mit sich bringt (Prüfungen, Praktikumstermine), die letztlich nicht überraschende Erkenntnis, dass das eingereichte Stegreifposter nicht ausreichen würde zur baulichen Realisierung des Tischs, und dass die in Cottbus und Umgebung angefragten Schreinerfirmen völlig überbucht waren oder mit dem Entwurf wenig anfangen konnten. Schließlich fassten wir den Beschluss, dass der Auftrag an die Firma Geyersbach in Berlin vergeben werden sollte, mit der Valentin Krase den Kontakt herstellte.

Uli Geyersbach hat sich zur Aufgabe gemacht „ausgedienten Hölzern ein zweites Leben als Möbelunikat (zu) schenken“. Er legt Wert auf die „historische und regionale ‚Gewachsenheit‘“ seiner Möbelmaterialien und verwendet entsprechend Hölzer, die in Häusern in Berlin und Brandenburg bereits verbaut wurden, zum Teil vor über hundert Jahren, und in seiner Werkstatt recycelt werden, indem er sie in neue Möbelstücke einbaut (Interview 11.3.2018 BM Online). Dadurch überlagern sich verschiedene Objektgeschichten, zufällige Fundstücke werden wieder in Gebrauch genommen, bekommen andere Funktionen und werden handwerklich umgeformt. Diese Praxis und Idee vom Umgang mit dem Material und die eigenwillige Implementierung im Design überzeugte uns und kam der ursprünglichen Projektidee sehr nahe.

Der Tisch Lux#31 steht seit Oktober 2018 bei uns. Er sieht schön aus, fühlt sich gut an und bietet einen hohen Arbeitskomfort, er materialisiert eine ökologisch geprägte Technikkultur und visualisiert Werte wie Nachhaltigkeit, lokale Herkunft und Verantwortung.

Herzlichen Dank an alle, die geholfen haben aus der Idee eines Tischs von Studierenden für Studierende einen realen diskursiven Tisch werden zu lassen.

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